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Die Bäckereiüberfälle: Haruki Murakamis krimineller Fiebertraum

Ja, ich gebe es zu, ich befinde mich im Augenblick auf einer unwiderruflichen Haruki-Murakami-Pilgerfahrt, aber, hey, wie kann mir das auch nur eine einzelne Seele da draußen verübeln? Schließlich zählt der japanische Autor zu den Besten seiner Zunft. Und das gilt für die Vergangenheit, die Gegenwar...
Die Bäckereiüberfälle: Haruki Murakamis krimineller Fiebertraum

Die Bäckereiüberfälle

Haruki Murakamis
krimineller Fiebertraum

Marcel Winatschek

Ja, ich gebe es zu, ich befinde mich im Augenblick auf einer unwiderruflichen Haruki-Murakami-Pilgerfahrt, aber, hey, wie kann mir das auch nur eine einzelne Seele da draußen verübeln? Schließlich zählt der japanische Autor zu den Besten seiner Zunft. Und das gilt für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gleichermaßen.

Aber ich kann alle Skeptiker gut verstehen. An welches seiner Werke sollte man sich zuerst herantrauen, um dem Meister gerecht zu werden? Lieber mit dem allseits beliebten Naokos Lächeln beginnen? Sich in die Psychogeschichte Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt heranwagen? Oder doch gleich das Epos 1Q84 als erste, neue Vision erleben?

Glück habt ihr. Schließlich gibt es ein kleines Büchlein mit dem fantastischen Titel Die Bäckereiüberfälle, übersetzt von Damian Larens, das wie eine kleine Demo agiert und euch die Light-Version eines Murakami-Romans in kurzen, feinen Häppchen auf dem Lesetisch serviert. Mit Illustrationen von Kat Menschik ermöglicht es euch, kurz einzutauchen, in seine Welt.

„Gott und Marx und John Lennon sind tot. Wir hatten Hunger, so viel stand fest, deshalb wollten wir Böses tun. Aber nicht der Hunger trieb uns zum Bösen, sondern das Böse trieb, indem es uns hungern ließ. Klingt irgendwie, ich weiß nicht, existenzialistisch. So machten wir uns auf zur Bäckerei. Mit Messern bewaffnet, gingen wir langsam die Geschäftsstraße entlang auf die Bäckerei zu. Wir kamen uns vor wie in High Noon. Mit jedem Schritt duftete es wohliger nach Brot.“

Euch zu viel zu verraten, das wäre kontraproduktiv. Aber im Groben geht es um zwei Freunde, die eines Tages beschließen, eine Bäckerei zu überfallen. Schließlich haben sie Hunger. Und was wäre bitte ein besserer Grund, um eine Bäckerei zu überfallen? Na eben. Doch die Tat endet anders, als sie es sich vorgestellt haben, und führt zu unaufhörlichem Übermut.

„Das Mädchen starrte uns verblüfft an. In den Verhaltensregeln für McDonald’s-Personal steht nirgendwo, wie man Kunden zu begegnen hat, die plötzlich Skimützen überziehen. Sie wollte mit dem weitermachen, was nach dem Willkommen bei McDonald’s kommt, aber ihr Mund gefror, und sie brachte kein Wort heraus. Nur ihr Arbeitslächeln blieb ihr unsicher an den Lippen hängen wie die Neumondsichel bei Tagesanbruch.“

Die Bäckereiüberfälle könnt ihr ruhig und mit einem Sandwich bewaffnet an einem Nachmittag durchlesen. Es ist eine kurze Geschichte über Recht und Ordnung, über Flüche und Frauen, über das Hier und Jetzt. Wer sie versteht, der ist bereit für eines von Haruki Murakamis größeren Werke, alle anderen wissen zum Schluss zumindest, dass aller bösen Dinge zwei sind.

Die Fotografie stammt von DuMont
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