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Brüste und Eier - Mieko Kawakami rechnet mit Japan ab

Japan ist trotz, oder gerade wegen, seines technologischen Fortschritts, seiner popkulturellen Erfolge und in seiner langen Geschichte mehrmals erzwungenen Öffnung der westlichen Welt gegenüber, ein Land der tief sitzenden, kaum überwindbaren gesellschaftlichen Abgründe. Japaner sind zutiefst ras...
Brüste und Eier: Mieko Kawakami rechnet mit Japan ab

Brüste und Eier

Mieko Kawakami
rechnet mit Japan ab

Japan ist trotz, oder gerade wegen, seines technologischen Fortschritts, seiner popkulturellen Erfolge und in seiner langen Geschichte mehrmals erzwungenen Öffnung der westlichen Welt gegenüber, ein Land der tief sitzenden, kaum überwindbaren gesellschaftlichen Abgründe.

Japaner sind zutiefst rassistisch, sowohl sich selbst als auch allen anderen gegenüber. Das merkt man daran, wie sie einen anschauen, wenn man am Bahnhof in Shibuya steht. Das merkt man, wie sie sich verhalten, wenn man sich die neue Ausgabe der Popeye in einem Konbini am Rande der Großstadt kauft. Das merkt man, wie sie versuchen, Englisch mit einem zu sprechen, obwohl man sie auf Japanisch begrüßt hat.

Japaner adaptieren amerikanische Lebensweisen, verachten aber jede noch so kleine Veränderung. Diverse Modeläden in Tokio tragen grammatikalisch vollkommen falsche englische Namen. Und zwar mit Stolz. Überall hantieren junge Menschen mit westlichen Begriffen, ohne ihre wahre Bedeutung auch nur zu erahnen.

Aber wenn man mit betrunkenen Japanern spricht, die man gerade um halb drei nachts beim All-You-Can-Drink-Karaoke auf dem Gang trifft, dann sind sie kurz davor, eine Revolution allem Amerikanischen gegenüber zu starten. „Wir brauchen Amerika nicht“, lallen sie dann. „Wir hassen Amerika!“ Vielleicht haben sie aber auch einfach zu viele Reportagen über eine gewisse Militärbasis in Okinawa gesehen.

Am schlimmsten jedoch, wenn es denn noch schlimmer geht, ist der Sexismus. Japanische Frauen werden, bis zu einem gewissen Alter, fetischiert und danach höchstens geduldet. Entweder steckt man sie in viel zu kurze Schuluniformen und lässt sie vor einer wilden Meute Büroangestellter mittleren Alters in riesigen Arenen zu vor Niedlichkeit triefenden Popmusik herum hopsen oder man schließt sie aus der Gesellschaft, den Gesprächen und der Familie aus, weil sie mit dreißig immer noch nicht verheiratet sind und ihr restliches Leben tunlichst in der Küche und auf den Knien verbringen sollen.

In den veralteten Konzernen der Nation herrscht eine Hierarchie, in der Penisse das Sagen und Vaginen gefälligst zu gehorchen haben. Eine Frau als Geschäftsführer ist hier ungefähr so realistisch, wie eines der AKB48-Idole ins Bett zu bekommen. Mit der Chefetage wird’s wohl eher nichts, Kleines, aber im nahegelegenen Lovehotel soll immer ein warmes Plätzchen frei sein, hört man. Die Beine breit zu machen, das dürfte schließlich selbst für dich nicht allzu kompliziert sein.

Die japanische Autorin Mieko Kawakami, die auch als Sängerin und Bloggerin Erfolge verzeichnete und bereits mit Büchern wie „Ms Ice Sandwich“, „Heaven“ und „I Love“ in ihrer Heimatnation für Aufsehen sorgte, rechnet in ihrem feministischen Epos Brüste und Eier mit der männerdominierten Gesellschaft im Land der aufgehenden Sonne ab. Im großen, wie im kleinen Stil. Mieko möchte Veränderung. Und zwar jetzt. Jetzt sofort.

Mieko stellt alle Vorurteile über den ansonsten recht ausgelutschten Erzähl- und Prosastil in Frage. Sie ist derzeit eine der meistgelesenen und von der Kritik gefeierten Autorinnen Japans und wird von Meisterschreiberling Haruki Murakami lauthals als seine junge Lieblingsschriftstellerin gefeiert. Spätestens bei solch hohem Lob sollte man hellhörig werden.

Brüste und Eier dreht sich um die Erfahrungen dreier Frauen, der dreißigjährigen, unverheirateten Erzählerin, ihrer älteren Schwester Makiko und Makikos Tochter Midoriko, die versuchen, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, die nur drei Orte für eben diese kennt: Die Küche, das Bett oder, wenn es denn sein muss, einen Schreibtisch in den untersten Stockwerken der Hochhäuser.

Unfähig, mit ihrem veränderten Körper nach der Geburt zurechtzukommen, wird Makiko besessen von der Aussicht auf eine Operation zur Brustvergrößerung. Währenddessen ist ihre zwölfjährige Tochter Midoriko durch die Angst vor der bevorstehenden Pubertät gelähmt und sieht sich außerstande, die vagen, aber überwältigenden Ängste zu äußern, die mit dem Erwachsenwerden verbunden sind.

Die Erzählerin, die den größten Teil der Geschichte ungenannt bleibt, kämpft mit ihrer eigenen unbestimmbaren Identität, weder eine Tochter noch eine Mutter zu sein. Das Buch spielt an drei erdrückend heißen Tagen in Tokio und erzählt von einer Art Wiedersehen zwischen zwei Schwestern und dem Übergang der jungen Midoriko in die Weiblichkeit.

„Wenn man wissen will, wie arm jemand war, fragt man ihn am besten, wie viele Fenster die Wohnung hatte, in der er aufgewachsen ist.“ So ruhig beginnt Miekos Abrechnung mit dem Japan von heute. „Was er aß oder wie er sich kleidete, spielt keine Rolle. Um herauszufinden, wie arm jemand war, muss man ihn nach der Zahl seiner Fenster fragen. Genau, der Zahl seiner Fenster. Je weniger Fenster jemand hatte, falls er überhaupt eines hatte, desto größer die Armut.“

In Brüste und Eier findet kein blinder Hass Platz, kein Groll, keine Verachtung. Im Gegenteil. Der von Katja Busson übersetzte Roman ist ein interessanter und oft auch intimer Einblick in eine wundersame Gesellschaft, deren humane Defizite häufig von kunterbunten Anime, Manga und Reiseberichten mehr oder weniger gekonnt überdeckt werden. Miekos Schreibstil ist strukturiert, unaufgeregt und geordnet, fast so, wie man es auch von Haruki Murakami gewohnt ist, auch wenn ich mich davor scheue, jeden japanischen Autor mit ihm zu vergleichen. Aus diversen Gründen.

„Midoriko ging neben mir. Sie war immer noch etwas kleiner als ich, hatte aber deutlich längere Beine. ‚Haben alle Mädchen jetzt so lange Beine?‘, versuchte ich mit ihr ins Gespräch zu kommen, aber Midoriko nickte nur genervt und ließ sich zurückfallen. ‚Komm‘, sagte ich zu Makiko, die mit der alten, braunen Sporttasche an ihrem Ärmchen kämpfte, ‚gib mir die Tasche.‘ Aber Makiko lehnte jedes Mal ab. ‚Es geht schon‘, sagte sie, ‚lass nur, es geht schon‘, und gab die Tasche nicht aus der Hand.“

Es sind diese kleinen Begebenheiten zwischen Menschen, die sich nahe stehen und doch so fern zu sein scheinen, die Brüste und Eier zu einem Erlebnis machen. Man fühlt sich den Akteuren in dieser nur ein paar Flugstunden entfernten Welt verbunden, möchte, dass ihre Geschichte glücklich endet, bei all den vor kleinen und großen Ängsten gefütterten Schatten, die in ihren Köpfen hausen.

„Ich stellte mich gerade hin, drückte den Rücken durch und zog das Kinn ein. Dann drehte und wendete ich mich, ohne den Blick von meinem Spiegelbild abzuwenden. Auf halber Höhe sah ich meine Brüste. Zwei flache Hügel, die sich nicht wesentlich von denen Makikos unterschieden, mit braunen Brustwarzen darauf. Ein flacher Hintern, kurze Beine, um den Bauchnabel ein fleischiger Ring mit Falten. Es kam mir so vor, als würde sich mein Körper im Licht der Abendsonne, das durch das Fensterlten fiel, das ich noch nie geöffnet hatte, und im Neonlicht der Badezimmerlampe, im Spiegel verewigen.“

Die Stärke in Miekos Roman liegt in den nachvollziehbaren Gedanken der Charaktere, die kein Detail auslassen, um uns dessen Umwelt näher zu bringen. Was als feministisches Meisterwerk einer asiatischen Autorin gehandelt wird, entpuppt sich mit jedem weiteren gelesen Satz als Kammerspiel zwischen drei Frauen, die das Glück suchen, die Hoffnung womöglich zu diesem Zeitpunkt nicht ganz aufgegeben haben, noch nicht bereit sind, alles zu opfern, und innerhalb der Barrieren einer verrosteten und antiquarischen Gesellschaft agieren.

Wer in Brüste und Eier eine absolute 08/15-Abrechnung mit der Männerwelt sucht, einen obligatorischen Tritt in die metaphorischen Hoden, der wird enttäuscht werden. Mieko Kawakamis Erzählung ist ein dicht geflochtenes Zusammentreffen dreier Generationen, das von Gedanken, Emotionen und deren fast schon steriler Hinführungen zueinander getragen wird. Es geht um die Aufarbeitung einer schmerzhaften Vergangenheit und dem Blick in eine ungeahnte Zukunft, die nur jetzt und hier verändert werden könne, wenn man sich denn trauen würde.

Brüste und Eier thematisiert im weiteren Sinne die anhaltende Unterdrückung von Frauen in Japan und die Möglichkeit von Befreiung, Armut, häuslicher Gewalt und Reproduktionsethik. Mit einer Mischung aus Tragik, Komik und Realismus wird daraus eine lebensbejahende Reise, auf der es darum geht, innere Stärke und Frieden zu finden. Inmitten eines scheinbar uralten Mikrokosmos, der nicht darauf vorbereitet ist, dass dessen Bewohner einen Blick über seine Grenzen werfen.

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Die Fotografie stammt von DuMont
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