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Hipster, Huren, Hengste: Die Hamburger Partyszene ist ein Witz

Es reicht. Ich habe die Nase voll. Endgültig. Klar, ich liebe die Großstadt. Und sie liebt mich. Manchmal. Vor allem liebe ich Hamburg, denn wie könnte man diesen windigen Ort des Glücks nicht lieben? Ich wohne hier, ich ergieße mich in diesen losen Zusammenhalt aus Häusern, Straßen und Häfen, ich m...
Hipster, Huren, Hengste: Die Hamburger Partyszene ist ein Witz

Hipster, Huren, Hengste

Die Hamburger
Partyszene ist ein Witz

Christin Hauer

Es reicht. Ich habe die Nase voll. Endgültig. Klar, ich liebe die Großstadt. Und sie liebt mich. Manchmal. Vor allem liebe ich Hamburg, denn wie könnte man diesen windigen Ort des Glücks nicht lieben? Ich wohne hier, ich ergieße mich in diesen losen Zusammenhalt aus Häusern, Straßen und Häfen, ich möchte hier sein und nirgends anderswo, aber Hamburg, du machst es mir schwer. Jedes Wochenende aufs Neue. Und das macht mich kaputt. Langsam, aber sicher.

Hier, in meinem Leben, einem nicht allzu alten Dasein der schwindenden positiven Gefühle, in dem pseudocoole Szenekinder das Ruder übernommen haben, die umher wandelnden Herzlosen mit den toten Augen, die fahlen Gesichter ohne Seele, indem sie die einst besten Clubs der ganzen Welt mit Mottopartys vergewaltigen, die niemand haben wollte und keiner braucht.

„20er Jahre“, „Bad Taste“ oder „Erzähl’s nicht meinem Freund“ heißen die vermeintlichen Feierlichkeiten der Menschen ohne Liebe zu sich selbst, Namen also, die mindestens genauso kreativ wie die inspirationslose Kostümierung der abgestumpften Gäste sind. „Hauptsache billig“, sollten sie allesamt heißen, die nächtlichen Aktivitäten, Ausnahmen gibt es nicht.

Niemand von ihnen gibt sich Mühe, die schnell dahin gerotzten Vorgaben werden bestenfalls ignoriert und meistens sogar falsch verstanden. Mit Absicht. 20er Jahre, das heißt nicht sich nuttig in schwarzer Spitze an der Wand herumzureiben, sondern den stilvollen Geist einer vergangenen Lebensart zu zelebrieren.

Während betrunkene Männer mit einer großen Flasche Schnaps am Tisch sitzen, hüpfen kleine Mädchen um sie herum. Die Typen lechzen, gieren, ich muss fast brechen, wie sie die Töchter anstarren und ihnen dank der zu kurzen Shorts und Röcke die Milz lecken könnten.

Ich bin jetzt 22. Und selbst mir ist das zu blöd. „Ich bin zu alt für diesen Scheiß hier“, denke ich mir dann. 22, eigentlich sollte doch jetzt erst das Leben anfangen, oder? Aber dank meines Nebenjobs als Barkeeperin, so finanziert man sich hier nämlich das Studium, muss ich diese ganze Misere auch noch jedes Wochenende durch machen, immer wieder aufs Neue.

Kleine Mädchen lassen sich Zungen, Finger und Längeres in den Hals stecken, nur, um am Ende an einem der lieblos verzierten Tische sitzen zu dürfen und sich mit zwölf anderen Leuten billigen Alkohol in Massen ins Gesicht zu werfen.

Am nächsten Morgen berichten sie ihren vor Neid berstenden Freundinnen in der Hauptschule davon, wie cool sie waren, die wissen das bereits, denn schließlich haben sie ja am selben Abend Instagram mit verwackelten Partyfotos geflutet, mit ihren champagnerfarbenen iPhones, die sie von ihren Vätern zum Geburtstag geschenkt bekommen hatten. Danke, Papa.

Leider haben sie die Geräte aber noch am selben Abend im Club verloren oder bei fastreichen Anzugträgern in der Wohnung mit Aussicht liegen gelassen. Shit happens. Egal, nächstes Wochenende sitzen die kleinen Mäuschen ja am nächsten Tisch, vielleicht sind diesmal ja sogar ein paar HSV-Spieler dabei, die ihr einen Wodka-Maracuja nach dem anderen einschenken. Das wäre dann ja das große Los für die wandelnden Vaginas, und vielleicht verwandeln sie sich dann in Spielerfrauen. Hurra.

Ich vermisse die Abende in Clubs, an denen noch alles echt war, wir und die, an denen noch gute DJs gebucht wurden. Wir pilgerten dort hin, um uns zu verausgaben, körperlich, geistig, es war toll, Erfahrungen, die es so nirgends gab.

Dort ging es nicht darum, verwöhnte Szenekinder zu treffen und sich ein Küsschen links und rechts zu geben, sondern darum, sich selbst zu finden. Heute ist alles anders. Der “DJ” ist jetzt dein bekiffter Nachbar mit MacBook, er war billig und da, warum sollte man noch gutes Geld investieren? Was er zu Hause kann, kann er schließlich auch in einem Club.

Als ich vor langer Zeit nach Hamburg zog, mit einem warmen Gefühl im Herzen, das ich kaum beschreiben kann, legte Steve Aoki auf. Ich war noch zu jung und musste mich mit viel Mühe ins heiße Innere des Gebäudes schummeln. Für mich gab’s keinen Alkohol, das war mir egal, wirklich, mir ging es nur um diesen Schwall an puren Emotionen, welche ich nur dort verspürte.

Hier gab es keine kleinen Jungs, die ihr Taschengeld damit aufbesserten, indem sie Playlists „auflegten“. Das war echt. Und jeder wusste es. Ich wollte für immer dort bleiben. Gemeinsam mit jedem lachenden Gesicht, das genau dasselbe fühlte.

Heute interessiert sich in Hamburg niemand mehr für die Musik. Jetzt geht es darum, möglichst aufreizend von einem der unzähligen Partyfotografen, die sich zu oft auf LastNightsParty oder The Cobrasnake herum getrieben haben, ablichten zu lassen. Sie machen schließlich geile Fotos von dir, in dem superengen Top mit Ausschnitt bis zur äußeren Schamlippe.

Am Montag Morgen weiß zwar niemand mehr wie der DJ hieß, aber immerhin gibt’s dieses tolle Foto von dir, auf dem du vor einer grauen Betonwand stehst und deine Möpse reibst, auf Facebook und über den Betten perverser Partyhengste. Herzlichen Glückwunsch. Deine Eltern freuen sich bestimmt über dieses Bild, vielleicht wird es ja die nächste Weihnachtskarte.

Wer heute spontan in einem Club vorbei schauen möchte, um sich eine schöne Zeit zu machen, der hat schlechte Karten, denn das ist schier unmöglich. In diesem Jahr finden hier nur noch 30 verschiedene Partyreihen statt, die alle gleich sind und irgendwie nur von drei seltsamen Menschen veranstaltet werden.

Hier hängen die immer gleichen kleinen Mädchen und alten Säcke ab, die ihre immer gleiche Show aus Alkohol, Knete und Geschlechtsteilen abziehen. Wenn du dort bist, willst du nur noch nach Hause – außer du hast dich in einen Menschen verwandelt, der du nie sein wolltest.

Also fällt man in seinen eigenen vier Wänden deprimiert ins Bett, schwört sich selbst, dass man nie wieder auf so eine ätzende Veranstaltung geht und löscht seinen Namen von allen Veranstaltungsseiten bei Facebook. Und doch ist es nahezu unmöglich, aus diesem Kreislauf der schwellenden Hoffnung und niederschlagenden Depression zu fliehen.

Schließlich habe auch ich Bedürfnisse, jede Menge davon, das ist auch mein gutes Recht, ich möchte mich bewegen und Spaß haben und meine Freunde treffen, an Orten, an denen großartige Musik gespielt wird und tolle Menschen tanzen und lila Wolken vorbeiziehen.

Ich liebe Hamburg. Wie könnte man das auch nicht? Und vielleicht wird irgendwann wieder alles gut. Wenn die vergewaltigenden Mottopartys fort sind. Und die pseudocoolen Szenekinder. Und die kleinen Mädchen.

Der Text wurde von Christin Hauer geschrieben
Die Fotografie stammt von Neal E. Johnson
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