Was ich nicht verstehe - Menschen, die das Ende von Filmen verraten

Das Ende von „Sieben“ wurde mir versaut, als ich in einer Kinozeitschrift eine Analyse des Kinojahres las und dort im Nebensatz verraten wurde, dass Brad Pitt ein Paket erhält und…
Was ich nicht verstehe - Menschen, die das Ende von Filmen verraten

Was ich nicht verstehe

Menschen, die das Ende
von Filmen verraten

Das Ende von „Sieben“ wurde mir versaut, als ich in einer Kinozeitschrift eine Analyse des Kinojahres las und dort im Nebensatz verraten wurde, dass Brad Pitt ein Paket erhält und findet dann darin „Sixth Sense“ verdarb mir eine Arbeitskollegin, die mir begeistert vom Film berichtete, und davon, dass Bruce Willis die ganze Zeit und das Serienfinale der „Sopranos“ offenbarten mir ausgerechnet die alternativen Enden von „Lost“. Es ist schwierig, etwas zu vergessen, wenn man sechs Staffeln lang versucht, etwas zu vergessen.

Warum tun Menschen das? Warum verraten Menschen einen das Ende eines Films? Ich versteh es nicht. Ist ja nicht jeder Film so vorhersehbar wie „Inception“, bei dem man nach einer guten Viertelstunde weiß, was die letzte Einstellung sein wird, es gibt ja auch Filme wie „Citizen Kane“, bei dem man am Ende total überrascht ist, dass Rosebud, oder „Psycho“, wo sich herausstellt, dass die mordende ältere Dame, echt mal, warum müssen Menschen immer das Ende von Filmen erzählen? Wenn mir jemand von einem Film erzählt, reichen mir drei Informationen: Wie er heißt, ob er totale Grütze ist und ob Scarlett Johansson mitspielt. Trifft letzteres zu, sind mir die beiden ersten Punkte schnurzpiepegal. Mehr muss ich nicht wissen. Weder, wie er endet, noch, was bis dahin passiert.

Und dann entschuldigen sie sich und sagen, na ja, du wolltest „High School Musical“ ja eh nicht gucken. Oder, na ja, jetzt sei es ja umso spannender, den Film zu gucken und herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, dass der Killer in „Scream“, ich meine, was soll das denn. Ich gehe doch auf Hochzeiten auch nicht nach vorn und flüstere dem Brautpaar ins Ohr, geile Hochzeit, super Essen, ach, übrigens, ihr lasst euch am Ende scheiden, aber jetzt ist es ja umso spannender herauszufinden, wie es dazu kommt.

Ich sag doch auch keinem Krebspatienten, dass er sterben wird, das verrat ich ihm doch nicht. Obwohl, da ist es ja anders, da lügt man ja gern, da sagt man, schaffste, mein Freund, das wird schon. Auch irgendwie schlimm. Wie diese Spezialisten, die sich für besonders intelligent halten, weil sie einem ein ganz anderes erfundenes Ende erzählen, um einen in die Irre zu führen, und denken, dass sie witzig seien. Ist nicht witzig. Vor allem, weil man sich dann doch mal auf das Ende freut und dann – Überraschung – Frodo Sam gar nicht einen Heiratsantrag macht, nach all dem, was sie zusammen durchgestanden haben.

Noch schlimmer finde ich Menschen, die in Büchern immer die letzte Seite zu erst lesen. Vor allem, wenn es mein Buch ist. Denen man das Buch signiert und dann stehen sie vor einem, sie besitzen ja noch nicht mal den Anstand, sich umzudrehen und den Frevel hinterm Rücken zu begehen, nein, sie gucken einen an und blättern zur letzten Seite und lesen sie. Und fragen dann, was der letzte Satz bedeutet. Oder, ob das Buch gut ist. Fragen den Autor des Buches, ob sein Buch gut ist. Genauso schlimm, wie Leute, die das Ende von Filmen verraten oder die letzten Seiten in Büchern zu erst lesen. Denen sollte man allen die Hände abhacken. Mit einem Buch.

Meine Mutter ist so eine. Ok, ihr würde ich die Hände nicht abhacken, aber sie macht das immer, die letzte Seite im Buch zuerst lesen. „Mama“, fragte ich sie mal, „was soll der Scheiß?“ Okay, so habe ich das nicht gesagt, aber gedacht. Gefragt habe ich sie aber schon, sinngemäß. Sagte sie dann, dass sie die Spannung sonst nicht aushalte, weil sie unbedingt wissen müsse, wie das Buch ausgehe.

Ich versuchte, an ihren Gerechtigkeitssinn zu appellieren. Ob sie denn nicht wisse, wie viel Arbeit ein Schreiber in so ne Geschichte investiere, wie viel Mühe er sich gebe, seine Leser über hunderte von Seiten auf fälsche Fährten zu locken, zu täuschen und zu belügen, bis es am Ende alles ganz anders würde, wie viele Grabenkämpfe er dafür mit sich selbst, mit seinem Lektor, mit dem Vertrieb und mit unzufriedenen Lesern fechten müsse, nur damit jemand wie sie käme und ohne mit der Wimper zu zucken die letzte Seite zuerst lese, wollte ich ihr sagen, als mir seufzend einfiel, dass sie eh nur Rosamunde Pilcher liest. Da ist sowieso in jedem Buch die letzte Seite gleich.

Hab dann trotzdem aus pädagogischen Gründen bei ihrem Muttertagsgeschenk die letzten fünf Seiten rausgerissen. Hab dann ein YouTube-Video gedreht, in dem ich vermummt die letzten fünf Seiten als Geisel über ein Feuerzeug halte und drohe, das Ende in Flammen aufgehen zu lassen, wenn sie mir nicht eine zehn bis zwanzigseitige Zusammenfassung des Inhalts liefert. Fandse nicht witzig, meine Mutter. Aber solange Hände abhacken in Deutschland verboten ist, muss man eben zu drastischen Mitteln greifen.

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Die Fotografie stammt von Mollie Sivaram
Der Text erschien in der Kategorie Filme mit den Themen Citizen Kane, Freundschaft, High School Musical, Inception, Lost, Netflix, Serien, Sixth Sense, Sopranos und Spoiler
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