Tenet - Kino im Zwiebellook

Man müsste ihm eigentlich danken. Nicht nur für die 180 Minuten auf der Kinoautobahn. Auch für den rezeptorischen Zangengriff, in den er uns nimmt. Reflexhaft suchen wir nach der besten…
Tenet - Kino im Zwiebellook

Tenet

Kino im
Zwiebellook

Man müsste ihm eigentlich danken. Nicht nur für die 180 Minuten auf der Kinoautobahn. Auch für den rezeptorischen Zangengriff, in den er uns nimmt. Reflexhaft suchen wir nach der besten Schablone, die uns sagt, was wir mit diesem Film anfangen sollen: Ist er kompliziert oder schon zu kompliziert? Ist er deswegen gut oder macht ihn das schlecht? Ist es ein Meisterwerk oder überbewerteter Größenwahn? Ein wahrer Nolan oder wieder nur ein Nolan? Zehn Sterne? Einen Stern? Großartig? Scheiße? Ja, was is‘ er denn jetzt? Tenet ist vor allem erst mal eins: Nolans Version eines James-Bond-Spy-Films.

Und so liest sich auch der Plot: Ein mysteriöser Agent, gespielt von John David Washington, erfährt von einer Geheimorganisation Tenet. Diese will, oder muss, den Dritten Weltkrieg verhindern. Dazu reist der Geheimagent, der im Film der Protagonist heißt, um die Welt. Er trifft eine nicht so gesprächige Wissenschaftlerin, Clémence Poésy, einen loyalen Gefährten, Robert Pattinson, eine indische Waffenhändlerin, Dimple Kapadia, und einen britischen Gourmet, Michael Caine, um schließlich den Waffenboss und Antagonisten Andrei Sator, Kenneth Branagh, zu finden.

Andrei ist Russe, reich und ruchlos. Und mit der Britin Kat, portraitiert von Elizabeth Debicki, verheiratet. Diese will ihren Mann verlassen, wird von ihm aber sowohl erpresst als auch misshandelt. Der Protagonist möchte deswegen nicht mehr nur die Welt retten, sondern auch Kat aus ihrer toxischen Ehe. Als Gegenleistung verspricht sie ihm, den Kontakt zu ihrem Mann herzustellen, damit der Protagonist mehr über die Weltkriegswaffe herausfinden kann. Und so beginnt ein Wettlauf gegen Zeit.

So weit, so einfach. Jetzt wird’s kompliziert. Denn in Tenet geht es um keine gewöhnliche Waffe. Die Welt wird von einer Zeitbombe bedroht. Und Sator hat den Auslöser. Ja, wie geht denn das? Irgendwo in der Zukunft hat eine Person einen Weg gefunden, die Entropie von Gegenständen und Lebewesen umzudrehen. Der Film nennt das invertieren. Invertierte Objekte bewegen sich ab dem Zeitpunkt ihrer Inversion nicht mehr vorwärts durch die Zeit, sondern rückwärts. Und können so in die Vergangenheit reisen. Das ist kompliziert. Findet auch die Wissenschaftlerin und gibt uns diesen Rat: „Don’t try to understand it. Feel it.“

Wenn man dem Tipp folgt, fühlt sich diese Zeitreisenummer erstmal verdammt echt an. 
Das liegt zum einen am Set Design, das mit seinem rustikalen Industriecharme ganz aus unserer Zeit kommt. Keine futuristischen weißen Räume, weirde Licht-Portale oder fliegende Autos, sondern schwere Maschinen, die man genau so auch in einer Fabrik vermutet.

Zum anderen liegt das an der Art der Zeitreise. Will man eine Woche in die Vergangenheit reisen, muss man sich nach der Inversion eine Woche lang rückwärts durch die Welt bewegen. Das heißt: Es gibt keine großen Zeitsprünge. Stattdessen müssen die Protagonisten Zeiten durchleben, an denen sie kurz zuvor waren. Damit ist in die Vergangenheit reisen wie weiterleben, nur eben rückwärts. Aus irgendeinem Grund erscheint mir das plausibel.

Jedenfalls so lange bis ich überlege, was passiert, wenn Menschen für längere Zeit invertiert bleiben. Altern sie rückwärts? Kann man über seine eigene Geburt hinaus rückwärts reisen? Darauf gibt der Film keine Antwort. Was uns der Film aber gibt, sind spannende Aufeinandertreffen von vorwärts- und rückwärtsreisenden Menschen.

So schafft es Nolan, uns die gleiche Kampfszene zweimal zu verkaufen. Während man einmal nach vorne reist, reist man das andere Mal in der Zeit zurück. Aber irgendwie auch trotzdem nach vorne, weil man ja jetzt mehr weiß, als vorher. So springt man von einem Aha-so-war-das-also zum nächsten Aha-das-hat-er-da-gemacht und kommt am Ende trotzdem bei Wie-ging-denn-das-jetzt aus.

Trotz Zeitreisespektakel bleibt dann der Plot an manchen Stellen verwirrend. Nicht weil er so kompliziert ist, sondern weil man sich fragt, warum er so geschrieben wurde. Für mich sticht da vor allem die Rolle von Elizabeth Debickis Kat raus.

In Tenet geht es nicht um tiefgreifende Charakterentwicklungen. Dennoch hat man das Gefühl, die Charaktere haben ein Vorher und ein Nachher, das nicht nur aus einer einzigen Charaktereigenschaft besteht. Neil und der Protagonist retten nicht nur die Welt, sondern sind auch Freunde. Diese Freundschaft ist für unseren Zeitausschnitt nicht wichtig. Man glaubt aber, dass sie existiert.

Kat dagegen ist Mutter. Davor, danach, immer. Sie ist so doll Mutter, dass sie, konfrontiert mit einer bis dahin nicht bekannten temporalen Weltzerstörungsbombe mit „oh nein, auch mein Sohn“ antwortet. Das ergibt vielleicht Sinn, ist aber für einen Charakter, der im ganzen Film so wenig handeln darf wie Kat eine extrem kleine Reaktion. Während andere die Größenordnung der Bedrohung verstehen, sieht sie nur die Auswirkungen auf ihre eigene Welt. Es fühlt sich oft an, als wäre sie da, um den Plot voranzutreiben, den Protagonisten zu einer Handlung zu bewegen oder zu zeigen, wie böse Sator wirklich ist. Spoiler: So böse wie ein Tiger.

Handelt sie selbst, gefährdet sie den Plan des Protagonisten. So auch am Ende, wo man sich eigentlich freuen muss. Endlich hat sie Ruhe von ihrem Ehemann. Endlich hat er gesehen, dass sie keine Angst vor ihm hat. Endlich durfte sie selbständig handeln.

Und gleichzeitig nervt es, dass sie in dem einzigen Moment, in dem sie Teil des Weltrettungsplans ist, nicht nur den Protagonisten mit einem Kuss in den Kugelregen schickt, sondern auch im Bikini mit ihrem gewaltbereiten Mann flirten muss. Um dann im Affekt noch fast den ganzen Weltrettungsplan zu versauen. Auch hier: Das ergibt schon Sinn. Kat ist keine Agentin. Warum sollte sie ruhig bleiben und sich an den Plan halten? Und trotzdem wünscht man sich, es wäre anders. Man wünscht sich, sie wäre nicht auch noch im Plot gefangen.

Aber vielleicht, liege ich auch falsch. Was mich jetzt zur Stärke von Tenet bringt. Denn mit all der Komplexität zwingt uns der Film, mehrmals hinzuschauen. Zu akzeptieren, dass Zeit nicht linear verläuft, dass Ursache und Wirkung vertauscht sind, dass die Zukunft die Vergangenheit bestimmt, dass unser Handeln von Morgen unser Handeln von Heute bestimmt. Da raucht der Kopf.

Und keine Schablone will so richtig passen. Ist er gut, weil er kompliziert ist? Oder ist er so kompliziert, weil er gut ist? Vielleicht ist das sogar egal. Keine Ahnung. Da hilft nur ins Kino gehen und hinsehen. Am besten mehrmals.

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Die Illustration stammt von Warner Bros.
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