Finsterworld - Ein deutscher Film

Deutschland ist hässlich wie Scheiße. Es wurde zerbombt und in Platte und Pastellfarben wiederaufgebaut, damit dumme Menschen in Shorts und Birkenstock-Sandalen sich jede Woche über neue Belanglosigkeiten ereifern können, während…
Finsterworld - Ein deutscher Film

Finsterworld

Ein deutscher
Film

Deutschland ist hässlich wie Scheiße. Es wurde zerbombt und in Platte und Pastellfarben wiederaufgebaut, damit dumme Menschen in Shorts und Birkenstock-Sandalen sich jede Woche über neue Belanglosigkeiten ereifern können, während der Rest der Welt untergeht. Zum Glück gibt es einen Film, der genau über dieses Deutschland lacht: Frauke Finsterwalder und ihr Mann Christian Kracht haben die „Finsterworld“ erfunden, ein etwas hübscheres Parallel-Deutschland. Darin treffen in verwobenen Episoden zwölf völlig unterschiedliche Menschen vom Einsiedler bis zum Fußfetischisten aufeinander und erleben gemeinsam, wie schmal der Grat zwischen Normalität und Wahnsinn ist.

Privatschüler Dominik, Leonard Schleicher, ist einer von ihnen. Gerade ist er vom Schulausflug zum KZ abgehauen und sitzt in einer Nobelkarre – Cadillac oder so. Das versnobte Ehepaar, das ihn mitgenommen hat, unterhält sich über Ästhetik: „Ich weiß nicht, was die in Stuttgart mit ihrem Bahnhof haben. Die Stadt ist so hässlich, dass man sie komplett abreißen könnte“, sagt Herr Sandberg, Bernhard Schütz. „Ich hasse Deutschland“, antwortet seine Frau, Corinna Harfouch.

Und Dominik erklärt ihnen, warum das Land aussieht, wie es aussieht: „Das ist reine Absicht.“ Weil im Dritten Reich alles so ästhetisch aussah, die Häuser noch schön waren, die Flagge gut aussah und die Uniformen auch, wurde nach Nazi-Deutschland alles extra-hässlich gemacht ̶ damit so etwas nie wieder passieren kann. „Der Film ist sicher auch ein Seitenhieb gegen das bigotte Bildungsbürgertum“, sagt Frauke Finsterwalder, Regie und Drehbuch.

„Es geht mir nicht darum ‚die Reichen‘ zu portraitieren, sondern um die bürgerliche, aufgeklärte Welt, die alles weiß, gerne über den Holocaust spricht und auf der anderen Seite selbst faschistoide Verhaltensweisen an den Tag legt.“ Finsterwalder teilt Schläge auf Augenhöhe aus, denn sie ist selbst Teil des Bildungsbürgertums, studierte Geschichte, ist Teil der Medienelite und verheiratet mit einem berühmten Schriftsteller.

Um diese Welt für uns, die in ihr leben, sichtbar zu machen, hat sie die Regisseurin also von innen heraus ausgehöhlt und ihr eine schönere gegenüberstellt, die „Finsterworld“. Dieses hübschere Parallel-Deutschland funktioniert nach dem Prinzip: Ständig schlechtes Wetter wird einem viel bewusster, wenn man einen Ort sieht, an dem immer die Sonne scheint.

Fast alle Drehorte wurden dafür extra gebaut: Die Autobahnraststätte, an der das arrogante Rich-Kid Maximilian Sandberg seine Außenseiter-Mitschülerin Natalie küsst, wurde ebenso künstlich geschaffen, wie das Konzentrationslager, wo er sie in einen Verbrennungsofen steckt. Und weil alles künstlich ist, sieht die „Finsterworld“ zwar aus, wie Kassel oder Hannover, wirkt aber irgendwie fremd.

Die Wiesen strahlen, die Straßen sind leer und die zwölf Protagonisten, die sich zunächst ohne Kenntnis voneinander in dieser Welt aufhalten und später zusammenfinden, sind gut angezogen. Ihre Sprache ist zwar Deutsch, aber sie sprechen so langsam und betont wie auf einer Bühne. So verfremdet Finsterwalder ihr persönliches Deutschland zu einem Wachtraum, in dem die Realität immer ein Stück ins Surreale driftet. Widersprüche in der Realität werden deutlicher, ähnlich wie bei Brecht.

Wenn dann mitten am Tag die flauschigen „Furries“ miteinander tanzen, scheint klar, dass wir es mit der Fantasie Finsterwalders zu tun haben. Doch diese Leute, die in Tierkostümen auftreten, gibt es nicht nur in der „Finsterworld“, sondern auch im realen Deutschland: Frauke Finsterwalder hat echte „Furries“ für ihren Film engagiert, also Menschen, die sich als tierhafte Wesen verkleiden. „Alle Furries, die man sieht, sind das auch im wahren Leben“, sagt sie.

„Wir hatten nicht das Geld, um diese teuren, besonderen Kostüme anzuschaffen. Unsere Praktikantin hat sich in spezielle Foren begeben und den Leuten über Wochen und Monate erklärt, dass wir uns nicht über sie lustig machen wollen.“ Streifenpolizist Tom, Ronald Zehrfeld, ist im Film so ein Kuschel-Fetischist und wird zu Hause gerne zum Eisbären.

Eigentlich will er nur umarmt werden, doch als er sich in voller Montur seiner Freundin präsentiert, rastet sie völlig aus. Es geht um Vertrauensbrüche, sagt Finsterwalder. „Der Schock ist weniger, dass Tom ein Bären-Kostüm trägt. Das ist an sich ja nichts Schlimmes. Eher, dass etwas hinter dem Bekannten steckt, wovon man nichts ahnt, ein Parallel-Leben.“

So haben fast alle Figuren in „Finsterworld“ eine B-Seite: Fußpfleger Claude, Michael Maertens, besticht nicht nur Streifenbullen mit Fußcreme, sondern ist auch ein Fußfetischist mit kreativen Verwendungsmöglichkeiten für abgeschabte Hornhaut: Er backt Kekse damit und reicht sie seinen Kundinnen zum Nachmittagstee.

Der erfolgreiche Werbefachmann Sandberg verprügelt einen Teenager, weil er seiner Ehefrau angeblich beim pinkeln zugeschaut hat. Und die sinnsuchende Filmemacherin Franziska Feldenhoven, Sandra Hüller, versteigt sich in voyeuristischen Dokus über Arbeitslose im Plattenbau, wieder übt Frauke Finsterwalder Kritik auf Augenhöhe, denn die auffälligen Parallelen bei Name, Aussehen und Beruf sind sicher kein Zufall. Aber eigentlich, im Kern, wollen die Geschöpfe der „Finsterworld“ doch nur umarmt, gevögelt und geliebt werden. Und so ist dieses Parallel-Deutschland voller perverser, labiler und einsamer Menschen im Grunde doch sehr real.

„Finsterworld“ ist sicher auch eine thematische Rückkehr der Regisseurin zur eigenen Herkunft. Ein Motiv im Film ist immer wieder vorgetäuschte Offenheit in Kontrast zur Rohheit gegenüber denen, die anders sind. „Was nicht passt, wird gehasst“, hat Finsterwalder dazu gesagt. Auch das ist etwas, das Deutschland charakterisiert und das nicht mit dem Ende der Nazi-Zeit verschwunden ist. Frauke Finsterwalder und Christian Kracht, haben Deutschland übrigens den Rücken gekehrt.

Sie leben seit Jahren in Florenz und Lamu, einem Ort in Kenia mit hellblauem Wasser und weißem Sand. Dort gibt es keine Autos, aber viele Schriftsteller. Hemingway hat dort geschrieben. Auf jeden Fall ist es weit entfernt von bösen Kleingärtnern mit Kontrollzwang. „Man kann dem Deutschsein nicht entkommen“, sagt Finsterwalder. Aber man kann es in der Kunst von außen betrachten, auseinandernehmen und darüber lachen, um es besser verstehen zu können. Das ist mit „Finsterworld“ gelungen.

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Die Fotografie stammt von Arte, Markus Förderer und Walker+Worm Film
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