Clickbait, Pranks und Vollidioten - YouTube ist scheiße

Mittlerweile hat sich mein Konsumverhalten, was Medien angeht, komplett in Richtung Internet verschoben.
Clickbait, Pranks und Vollidioten - YouTube ist scheiße

Clickbait, Pranks und Vollidioten

Mittlerweile hat sich mein Konsumverhalten, was Medien angeht, komplett in Richtung Internet verschoben. Filme schaue ich auf Netflix, Amazon & Co. und meine tägliche Berieselung durch seichte Unterhaltung hole ich mir bei YouTube ab. Einen Fernsehanschluss besitze ich nicht einmal mehr.

Ich glaube in all den Jahren, in denen ich jetzt schon im Internet unterwegs bin, stellt YouTube die von mir meist besuchte Seite dar. Ich bekam den Aufstieg und Fall der Außenseiter mit, danach den Aufstieg und Fall von Y-Titty und werde wahrscheinlich noch die ein oder anderen YouTuber dabei beobachten können. Was ich damit sagen will: Ich bin schon sehr lange im YouTube-Game. In letzter Zeit kotzen mich YouTube und vor allem die YouTuber an. Warum das so ist, will ich euch hier verraten.

Jahrelang predigte man geradezu auf YouTube, dass YouTube »das neue Ding« ist. Das Fernsehen kann abdanken, sich selbst begraben und am besten versammeln sich alle YouTuber um das Grab herum und spucken nochmal drauf. YouTube begann mal als Plattform auf der Amateurvideos geteilt wurden, irgendwelche Katzenvideos hochgeladen wurden oder man sah, wie jemand auf die Fresse flog. Nichts ist mehr von diesem Charme übrig geblieben.

Mittlerweile kann man sagen: Der Content, der einem auf der Startseite, in der Suche, in den Vorschlägen und in den Trends entgegenkommt ist der letzte Rotz und steht dem berühmten »Assi-TV« in absolut nichts nach. Die Amateurvideos und kreativen Ideen wichen einer Durchkommerzionalisierung, bei der selbst das Fernsehen noch Augen macht.

Kaum ein großer YouTuber kommt heute noch ohne Management aus. Die Haupteinnahmequelle besteht nicht aus den Klicks. Die Kontaktpreise, die Kohle, die man für 1000 Klicks bekommt, ist den meisten zu niedrig und so wird ganz tief in die Trickkiste gegriffen.

Was der große Bruder, das Fernsehen und vor allem der Film kann, kann man wohl erst Recht, dachte sich die YouTube-Landschaft und so werden heute Produkte platziert, bis dieses verfickte Ikearegal, das bei nahezu Allen im Hintergrund steht, aus den Nähten platzt. Da halten diese ganzen Anfang Zwanzigjährigen irgendwelche beschissene Beautyprodukte in die Kamera oder erzählen mir doch, wie geil dieses neuste technische Gadget ist, das niemand braucht.

Und das alles unter dem Deckmantel von Kreativität und Jugendlichkeit. Im Fernsehen lachen wir alle über diese Verkaufssender, wie QVC und wie sie nicht alle heißen, wir lachen über die Rentner, die darauf reinfallen und sich dort etwas bestellen. Dabei schaut gerade eine Generation irgendwelchen Hackfressen dabei zu, wie haargenau das Gleiche machen. Nur eben in cooler und nicht ganz so auffällig.

Wenn wir schon bei dem Vergleich mit dem Fernsehen sind: YouTube gilt als der Hort der Kreativität, der geilen Ideen und der jungen Macherinnen und Machern. Dort soll die Unterhaltung revolutioniert werden. Die Realität sieht anders aus. Schaut man sich die Trends oder die Startseite an schlägt einem die redundanteste Scheiße entgegen, die das Internet zu bieten hat.

Unzählige „Baden in Nutella / Burger / Chicken Wings / Cola / Was weiß ich“-Videos oder auch gerne mal »Pranks«. Von denen die meistens so durchgeskriptet, gestellt und dermaßen schlecht geschauspielert sind, dass die Laiendarsteller aus Mitten im Leben einen Oscar verdient hätten. Das ist aber nicht genug.

Mir schlagen noch fünfhunderttausend »Lifehack« Videos entgegen, in denen einfach nur strunzdumme Scheiße gezeigt wird, die meistens umständlicher ist, als einfach in den Laden zu fahren und sich das Teil was man braucht, für ein paar Euro zu kaufen. Da bastelt dann jemand aus einer Blechdose eine Käsereibe. Lecker Metallspäne im Essen. Oder irgendein Idiot steckt sich Knicklichter in die Fahrradspeichen. Wow, du Genie, da wäre nie im Leben wer drauf gekommen!

Oder es sind die typischen „Ich höre auf“-Videos zu sehen, in denen einem vorgeheult (manchmal wortwörtlich) wird, warum YouTuber XY jetzt keine Videos mehr macht, nur um dann eine Woche später das ganze Aufzulösen und irgendwelche fadenscheinige Gründe zu liefern, warum man doch weiter macht. Hier wird künstlich Drama erzeugt, weil es halt Klicks bringt.

Diese Masche wurde zuletzt von Apecrime auf die Spitze getrieben. Von einen Tag auf den anderen waren alle Videos auf „privat“. Nach einer Woche des Schweigens erklärte man, man könne sich nicht mehr mit dem alten Content identifizieren und wolle neue Wege gehen. Eine weitere Woche später war nichts mehr davon übrig. Heute zieren den Kanal der selbe redundante Müllinhalt, wie hier aufgezählt

Die Liste dieser sich immer wiederholenden Videos ist lang. Spontan fallen mir direkt noch „10 Arten von“-Videos und diese Videos, in denen irgendwelches krasse Essen getestet wird. Sowieso werden einfach sehr viele krasse Sachen gezeigt. Das Capslock im Titel und irgendwelche gephotoshopten Thumbnails dürfen dabei nicht fehlen. Clickbait ist hier das Stichwort.

Was bei Zeitungen zum Glück noch verpönt ist, ist auf YouTube gang und gebe. Da wird dann auch mal Blut auf das Thumbnail gepackt, oder der Klassiker: Brüste. Sex sells eben. Dass davon nichts im Video zu sehen ist, ist dabei natürlich klar.

Das Ganze bleibt aber nicht der Gipfel der Einfallslosigkeit. Dieser stellt eindeutig der Versuch von YouTubern da Kinofilme zu machen. In der Theorie klingt das alles richtig geil. Und das ist es auch. Es ist einfach großartig, wenn Leute ohne großes Studio, sondern nur durch gute Ideen die Möglichkeit bekommen einen Film zu drehen, der dann auch noch in Kinos läuft. Aber was bekamen wir? „Kartoffelsalat“ und „Bruder vor Luder„. Jeder, der noch einigermaßen bei Verstand ist, kann sich diesen Quatsch echt nicht anschauen.

Da werden irgendwelche „Witze“ abgefeiert, die so vielleicht in einem Witzebuch für die 4. Klasse stehen. Man ist sich nichtmal zu schade einen „Nur weil ich schwarz bin“-Witz oder den letzten Kalauer, den Otto vor 40 Jahren schon gebracht hat auszupacken. Wer nicht gerade zum ersten mal mit Comedy in Berührung kommt wird darüber nicht lachen können, denn die meisten Jokes wurden so oder so ähnlich schon tausend mal erzählt.

YouTuber können zwar keine Filme machen, dafür können sie aber umso besser schauspielern. Zumindest vor eigenen 14-Jährigen Zielgruppe. Oder glaubt ihr, dass die wirklich so sind, wie sie sich in den Videos geben? Zugegeben, einige scheinen im wahren Leben wirklich auf dem geistigen Level einer Gurke zu sein, dazu später mehr. Aber der Großteil schlüpft einfach in eine Rolle, um den ganzen Kindern, die ihre Videos schauen weiß zu machen, sie wären »eine/r von Ihnen«.

Wenn man schon das Filmgeschäft nicht in Ruhe lassen kann ist es auch nur konsequent ins Musikgeschäft einzusteigen. Bibi mit ihrem Song in Fünft-Klässler-Englisch ist da bei weitem nicht die Erste. Jeder Clown auf YouTube dachte sich irgendwann mal er müsste mit „rappen“ anfangen, die ein oder andere Single oder sogar ein ganzes Album, natürlich nur echt mit Deluxe-Box-Edition, raushauen. Mit Musik hat das ganze meistens wenig zu tun. Objektiv gesehen ist das einfach scheiße.

Das schlimmste an YouTube ist aber, dass die Asis und Hohlköpfe nach oben kommen. Auf YouTube gibt es keinen Redakteur oder Intendanten wie im Fernsehen, der sagt: „Ne, das ist komplett scheiße. Sowas können wir nicht bringen“. Auf YouTube hat einer dieser Idioten eine Idee und die wird dann in die Welt geblasen. Auf keiner anderen medialen Plattform wäre es möglich, dass irgendwelche Leute wie die beiden Merts ihren homophoben Müll in die Welt tragen.

Da hast du dann auch einen KSFreak, der von sich erzählt, er habe mal mit einer schwarzen Frau geschlafen, weil er wissen wolle ob die »anders sind, anders riechen, anders schmecken«. Wieder tun wolle er das aber natürlich nicht. Zuschauer seiner Kritiker bezeichnet er so nebenbei ganz gerne mal als „Schwuchtel“.

Oder Leon Machére, dessen Hobby-Bodyguards auf einem seiner »Konzerte« Zuschauer verprügeln. Von diesen Grundschulabbrechern gibt es noch einen ganzen Haufen mehr. So viele, dass man da mittlerweile den überblick verliert. Zum Schluss bleibt mir nur noch übrig euch den ultimativen Lifehack zu geben: Schaltet YouTube öfter mal ab oder schaut nur noch die guten Sachen.

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Illustration von Natasha Remarchuk und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Filme mit den Themen Bibi, Bruder vor Luder, Fernsehen, Internet, Kartoffelsalat, KSFreak, Netflix, Y-Titty und YouTube
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