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Wie viel wiegst du? Gespräch mit einer Magersüchtigen

Samantha wird in einigen Monaten volljährig und hat seit über 48 Stunden nichts gegessen. Aber auch nicht gekotzt. Sie wohnt in einem großen Einfamilienhaus in einem der besseren und grüneren Stadtviertel von Berlin und als ich sie nach der Schule besuche, um mich von ihr in Sachen Ernährung beraten zu lassen, sitzt ihre beste Freundin in der Küche und macht Hausaufgaben. "Das ist Sandra. Wir sind eigentlich jeden Nachmittag zusammen." Wahrscheinlich ist sie als Aufpasserin hier.
Wie viel wiegst du? Gespräch mit einer Magersüchtigen
Wie viel wiegst du? Gespräch mit einer Magersüchtigen

Wie viel wiegst du?

Gespräch mit einer Magersüchtigen

Lena Freud
Lena Freud

Samantha wird in einigen Monaten volljährig und hat seit über 48 Stunden nichts gegessen. Aber auch nicht gekotzt. Sie wohnt in einem großen Einfamilienhaus in einem der besseren und grüneren Stadtviertel von Berlin und als ich sie nach der Schule besuche, um mich von ihr in Sachen Ernährung beraten zu lassen, sitzt ihre beste Freundin in der Küche und macht Hausaufgaben. "Das ist Sandra. Wir sind eigentlich jeden Nachmittag zusammen." Wahrscheinlich ist sie als Aufpasserin hier.

Wir gehen hoch in Samanthas Zimmer. Alles darin ist weiß, eine farblose, mädchenhafte Welt ohne Gefühle. Eine Grünpflanze steht vor dem Fenster, ein paar Vogue-Hefte liegen auf dem Schreibtisch, ein großer Spiegel thront zentriert an der Wand. Er scheint ihr besonders wichtig zu sein.

Samantha legt sich zusammen mit einer prall gefüllten, zwei Liter beinhaltenden Wasserflasche auf das mit weißer Bettwäsche und einem weißem Laken bedeckte Bett. Die Flasche wird sie während des Gesprächs komplett leer trinken. Ihre dunklen Haare fallen ihr immer wieder ins Gesicht, aber sie schafft es, sie graziös zur Seite zu streichen. Etwas unbeholfen bleibe ich mitten im Raum stehen, bis ich den Schreibtisch anvisiere und mich auf den Stuhl davor setze.

Wie viel wiegst du?

43,5 Kilogramm bei einer Größe von 1,65 Metern. Das entspricht einem momentanen BMI von 16. Aber das ist mir noch nicht genug. Mein Traumgewicht liegt bei 38 Kilogramm. Ich arbeite daran. Das haben schließlich schon andere vor mir geschafft und die waren nur halb so motiviert wie ich.

Was motiviert dich denn?

Mein damaliger Freund hat mich verlassen, als ich 15 war. Wir waren fast drei Jahre zusammen. Erste große Liebe, erstes Mal, bla bla bla. Irgendwann fing er an komische Bemerkungen über meine Figur zu machen. Dass ich einen fetten Arsch hätte. Der Babyspeck ja nie verschwindet. Und mein Bauchnabel horizontal anstatt vertikal sei.

Dabei war ich gar nicht mal dick, ich habe mir Fotos angeguckt. Naja, da war ich zwar kein Model, aber nicht fett. Er machte kurz danach mit mir Schluss und schlief mit einer anderen, die er für dünner hielt. Ich heulte wegen ihm einige Monate und konnte aus Kummer nichts essen. Da waren die ersten Kilos dahin und ich habe einfach nicht wieder angefangen zu essen.

Ist die Versuchung nicht groß etwas zu essen? Voller Kühlschrank, Heißhunger, McDonald’s?

Hier ist mein Ordner. Darin habe ich Pläne, wie und was ich wann essen darf. Und daran halte ich mich. Angefangen habe ich mit der ABC-Diät. Anas Bootcamp. Danach ging’s weiter mit Giovanni’s 30 und momentan probiere ich die Russian Gymnast Diet aus.

Im Grunde funktionieren aber alle gleich: Iss viel Obst und Gemüse, trinke jede Menge Wasser, kombiniere das mit Sport und versuche immer so bei um die 500 Kalorien pro Tag zu bleiben. Am Wochenende dürfen’s auch mal 700 sein. Schwimmen, Joggen, Gymnastik. Umso länger man das macht, umso leichter fällt es einem. Probier’s einfach aus.

Deine Eltern müssen doch sicherlich mitbekommen, dass du so viel an Gewicht verlierst. Sagen die nichts dagegen?

Die sind ziemlich selten zu Hause und meine Mutter ist von Natur aus sehr dünn. Die denken wohl es ist vererbt. Und ich versuche auch nicht gerade in Unterwäsche oder im Bikini vor ihnen herum zu laufen. Nur mein kleiner Bruder weiß etwas davon. Er kam eines Abends weinend in mein Zimmer gerannt und hat gesagt, dass ihn einige Jungs aus der Klasse Fettklops genannt hätten. Seitdem helfe ich ihm beim Abnehmen. Das läuft ganz gut und ist so etwas wie unser geheimer Pakt.

Hast du noch andere Freundinnen, die mit dir gemeinsam abnehmen?

Ich hatte mal eine beste Freundin, die die ganze Sache mit mir gemeinsam begonnen hat. Wir kontrollierten die Mahlzeiten der Anderen ganz penibel, heulten zusammen, als unsere Periode ausblieb, und wir Angst hatten schwanger zu werden, und steckten uns gegenseitig den Finger rein, wenn wir uns mal etwas gehen ließen.

Irgendwann drehte sie aber ab. Eines Nachts stand sie betrunken vor meinem Fenster und rief hoch: "Wenn du fett wirst, bringe ich dich um!" Sie ist in eine dieser Kliniken für Essgestörte nach Bayern gekommen. Anfangs besuchte ich sie noch, aber wenn man länger als zwei Stunden da unten ist, bekommt man Selbstmordgedanken und wird depressiv. Keine Ahnung, wie’s ihr heute geht. Oder ob sie noch lebt.

Wie wichtig ist das Internet beim Abnehmen?

Ich habe im Internet viele Mädchen kennen gelernt, die an dem gleichen Problem leiden. Wir tauschen uns über Foren, Blogs und Instagram aus, treffen uns in meist wöchentlichen Runden im Real Life und ermutigen uns gegenseitig dazu nicht aufzugeben. Ohne meine Mädchen und das Netz wüsste ich oft nicht, was ich machen soll. Rezepte, Fotos, Kotztechniken. Es gibt dort nichts, was es nicht gibt.

Dass man Extrakte aus Bitterorangen schlucken soll. Unter der Dusche musst du dich immer richtig abschrubben. Und versalze deine Mahlzeiten, wenn du etwas Gekochtes essen musst. Dann schmeckt’s beschissen und du isst weniger davon. Viele Dinge sind ganz logisch, aber du musst erst einmal darauf kommen.

Du gibst also zu, dass ihr ein Problem habt?

Ja, schon. Es ist nicht natürlich, auf Teufel kaum raus so dünn sein zu wollen. Die meisten von uns sind ja nicht dumm. Wir wissen, dass Models auf Covern bis zur Unkenntlichkeit mit Photoshop bearbeitet wurden. Oder dass wir Flecken, Mundgeruch und verätzte Speiseröhren bekommen können, wenn wir so weiter machen. Und viele schon dran gestorben sind. Aber das ist uns eigentlich egal.

Ich möchte zufrieden mit meinem Körper sein, einen flachen Bauch haben und um jeden Preis verhindern, dass meine Oberschenkel sich berühren, wenn ich nackt vor einem Spiegel stehe. Das ist alles. Ich kotze auch so gut wie gar nicht mehr, sondern esse einfach weniger. Das beruhigt mich ziemlich. Aber es ist und bleibt eine Krankheit und da kann ich nichts dagegen machen.

Wie hält man diesem psychischen Druck stand?

Jeder geht anders damit um. Viele ritzen sich an Körperstellen, die sonst keiner sieht, um den Wunsch nach Essen auszugleichen. Und sie geben damit an, seit wie vielen Tagen sie schon nicht mehr gekotzt haben. Magersüchtige Männer schlafen mit vielen Frauen, um sich abzulenken. Zumindest wenn man ihren Geschichten glauben kann darf. Wahrscheinlich sitzen sie nur zu Hause und schauen sich Werbespots von McDonald's an. Früher habe ich mich auch geritzt, aber mein Freund hat es mir verboten.

Und was sagt dein Freund zu deinem extrem dünnen Körper?

Keine Ahnung, wir sprechen da eigentlich ziemlich selten darüber. Ich hoffe natürlich, dass er es gut findet, so eine schlanke Freundin zu haben. Wenn er doch mal was sagt, dann lenke ich vom Thema ab. Mache ihm irgendwas zu essen oder wir haben Sex. Dann ist er zufrieden und hält wieder für ein paar Wochen den Mund.

Allerdings sind meine Brüste durch die Magersucht ziemlich klein geworden. Da sind eigentlich nur noch Nippel. Sogar die Kinder-Sport-BHs von früher sind zu groß für die. Mein Freund fasst sie auch nicht mehr an oder spielt mit ihnen, er ignoriert sie völlig, wenn wir miteinander schlafen. Das macht mich dann schon ein bisschen traurig.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, dir professionelle Hilfe zu suchen?

Ja, aber das möchte ich nicht. Ich weiß, was mir gut tut, und das lasse ich mir von niemandem kaputt machen. Vielleicht irgendwann mal, wer weiß.

Was machst du heute noch?

Sandra und ich fahren jetzt dann ins Alexa. Ein wenig Shoppen. Vielleicht finde ich ja etwas Schönes zum Anziehen. Aber sie will danach bestimmt wieder irgendwo etwas Essen gehen. Davor fürchte ich mich immer ein wenig, aber ich werde mir schon etwas einfallen lassen...

Der Text wurde von Lena Freud geschrieben. Die Fotografie stammt von Jairo Alzate. Der Artikel erschien in der Kategorie Essen mit den Themen Ängste, Anorexie, Berlin, Bulimie, Depressionen, Ernährung, Fettsucht, Frauen, Interviews, Mädchen und Magersucht. Wenn er euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen. Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
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