Sport ist Mord - Ich scheiterte an der Bosstransformation

„Kind, was ist denn mit dir passiert? Du siehst aber nicht gut aus!“ Das waren die ersten Sätze, die meine Mutter zu mir sagte, nachdem wir uns fast ein halbes…
Sport ist Mord - Ich scheiterte an der Bosstransformation

Sport ist Mord

„Kind, was ist denn mit dir passiert? Du siehst aber nicht gut aus!“ Das waren die ersten Sätze, die meine Mutter zu mir sagte, nachdem wir uns fast ein halbes Jahr lang nicht gesehen hatten. Sie besuchte mich gerade das erste Mal in meiner Wahlheimat Berlin, seit ich hergezogen war, und statt sich zu freuen, dass ich überhaupt noch lebte und offensichtlich nicht irgendwelchen Drogenhändler und Vergewaltigern zum Opfer gefallen war, beschwerte sie sich über mein äußeres.

Dabei sah ich gar nicht so scheiße aus. Ich hatte mir weder die Nächte um die Ohren geschlagen, noch die Haare bunt gefärbt, mir nichts ins Gesicht tätowieren lassen und blutunterlaufene Augen, wie sie mein kiffender Mitbewohner manchmal hat, konnte ich auch nicht bieten. Das Einzige, das sich verändert hatte, seit ich mein bescheidenes Dorf verlassen hatte, war mein Gewicht.

Seit meine Mutter und ich uns das letzte Mal gesehen hatten, hatte ich zwanzig Kilo zugenommen. Was ich nicht weiter verwunderlich finde in einer Stadt, in der es an jeder Ecke einen Dunkin‘ Donuts gibt und frittierte Kichererbsenbällchen mit Erdnusssoße für 2,50 Euro. Von den Pizzastücken, die einem hier regelrecht hinterhergeworfen wurden, ganz zu schweigen. Und den Versuchungen, die um 3 Uhr nachts in einem Spätkauf auf dich warten. Okay, ich sah fett aus. Aber fett ist nicht gleich scheiße!

Nichtsdestotrotz wurde mir nach der Bemerkung meiner Mutter klar, dass ich schleunigst etwas ändern musste. Meine Kondition hatte nachgelassen. Und ich seit bestimmt zwei Monaten die immer gleiche Jogginghose spazieren getragen, weil mir nichts Anderes mehr passte, ich aber auch nicht zum Kleidung kaufen kam. Ich war einfach mit wichtigeren Dingen beschäftigt gewesen. Essen zum Beispiel.

Es blieb ja auch nicht bei diesem einen Seitenhieb von ihrer Seite. Da kamen noch ungefähr 100 mehr, die ich jetzt nicht alle rezitieren möchte. 100 pro Tag, versteht sich. Und sie alle deuteten mehr oder minder subtil an, dass ich richtig, richtig fett geworden war. Genau genommen sprechen wir von 78 Kilo bei einer Körpergröße von nur 1,60 Meter. Wie das aussieht, könnt ihr mit Sicherheit erahnen.

Ich ließ mir nachdem meine Mutter wieder abgereist war allerdings noch etwas Zeit mit der Suche nach einem geeigneten Diätprogramm. Oder, wie man es heute nennt: Ernährungsumstellung. Um ehrlich zu sein vergaß ich es komplett, bis ich auf einen Artikel in der Vice stieß, in der jemand die „Bosstransformation“ machte. Nennt mich ungebildet, aber ich hatte bis dato noch nie etwas von Kollegah gehört und bin mir sicher, dass er auch zukünftig nicht auf Heavy Rotation bei mir laufen wird. Vor allem nicht, seit ich herausfinden musste, dass der Typ offenbar Antisemit ist. Aber das Programm machte mich neugierig. Boss sein klingt nach etwas, das mir gefallen könnte.

Leider stellte sich sehr schnell heraus, dass das Programm einzig und allein auf Männer abzielte. Ich wäre wirklich gerne die erste Frau geworden, die prominent auf der Website der Bosstransformation gefeatured wird, war dann aber doch zu einschüchtert von den ganzen aufgepumpten Typen, die ich dort vorfand.

Meine Recherche führte mich weiter zur Influencerin Sophia Thiel, die ein eigenes Fitnessprogramm entwickelt hat und verkauft. Aber auch das konnte nicht ködern. Ich fand, dass es schlicht und ergreifend zu anstrengend für mich aussah. Ich bin eine verdammte Kugel, die meisten dort vorgestellten Fitnessübungen sind für mich nicht einmal ansatzweise ausführbar.

Schließlich stieß ich auf das „Bikini Bootcamp“ von Silke Kayadelen, die dem ein oder anderen aus der Sendung „The Biggest Loser“ bekannt sein dürfte. Es versprach mir eine ganze Kleidungsgröße kleiner in nur drei Wochen. Sowohl das vorgeschriebene Ernährungs-, als auch das Sportprogramm sahen für mich machbar aus. Also kaufte ich mir hochmotiviert für 60 Euro einen Zugang zum Onlinekurs und legte los.

Tag 0 ist sogenannter Cleaning Day. Warum der so heißt, wird mir am späten Nachmittag bewusst. Mein Körper entledigt sich ohne mein weiteres Zutun auf allen Wegen die ihm zur Verfügung stehen sämtlicher Nahrung, die ich gestern und heute zu mir genommen habe. Nicht unbedingt das, was ich mir von so einem Programm erwartet hätte, aber hey, es gibt mehr als genug Leute, die sich regelmäßig den Finger in den Hals stecken und zu Abführmittel greifen, um schlank zu werden oder bleiben. Umso besser, dass man den gleichen Effekt offenbar mit einem einfachen grünen Smoothie erzielen kann. Der Fitnesscheck, den man vor Beginn des Programms durchführen soll ergibt, dass ich sportlich eine totale Niete bin und meine Maße – auch die soll man an Tag 0 auf den Millimeter genau ausmessen – naja, reden wir nicht weiter drüber.

Bereits an Tag 1 des Programms bestätigt sich, was gestern bereits der Fitnesscheck ergeben hat: Ich bin der unsportlichste Mensch der Welt. Insgesamt investiert man pro Tag rund eine Stunde in Bewegung. Man macht Silke Kayadelen einfach alles nach, was sie einem in ihren Videos vorturnt und erwacht am nächsten Morgen mit dem Muskelkater des Todes. Insgesamt ist das Programm aber machbar und ich sterbe nicht, wie vermutet, fast an einem Lungenkollaps oder allgemeiner Erschöpfung. Das Essen aus dem dazugehörigen Kochbuch schmeckt erstaunlich gut. Lediglich Kopfschmerzen, die angeblich vom Zuckerentzug her rühren, machen mir die ersten beiden Tage etwas zu schaffen. Im Verlauf der Woche wird es besser und auch wenn ich merke, dass mir Squats, Planks und Dips von Tag zu Tag leichter fallen – eine spaßige Freizeitaktivität sieht für mich anders aus.

Montag ist Wiegetag. Der Check nach einer Woche intensivem Training und strengem Einhalten des vorgegebenen Ernährungsplans ergibt, dass ich nach zwei Wochen gerade einmal 300 Gramm abgenommen habe. Ich bin enttäuscht und irgendwie entmutigt. Ich hatte mir als Zwischenergebnis irgendwie etwas anderes erhofft und einen Verlust von mindestens einem Kilo erwartet. Vor allem, da ich im Gegensatz zu sonst wirklich diszipliniert war und nicht im Übermaße Essen in mich hineinstopfte. Dennoch mache ich weiter mit dem Programm. Ich merke allerdings, dass meine Motivation ob des geringen Gewichtsverlusts in der ersten Woche deutlich nachgelassen hat und werde schludriger. Zwar halte ich mich weiterhin an den Trainingsplan, gönne mir aber am Wochenende mit einer Freundin ein paar Drinks, obwohl Alkohol während des Programms eigentlich verboten ist.

Ich gebe in der dritten Woche auf. Mein Gewicht stagniert und ich habe keine Lust mehr, mich weiterhin zu quälen. Natürlich weiß ich, dass es meine eigene Schuld ist, weil ich konsequenter hätte sein müssen, aber wenn ich nicht sehr schnell große Ergebnisse sehe, verliere ich eben die Lust an der Sache. Dann doch lieber fett und Spaß dabei.

Das Programm scheint zwar vielen Menschen beim Abnehmen geholfen zu haben und sogar Spaß zu machen, aber mir persönlich war es dann doch zu viel Qual. Wenn man sich nicht ganz genau an die Vorgaben, ist alles für die Katz, und ich bin ein zu freiheitsliebender Mensch, als mir von irgendjemandem sagen zu lassen, was ich essen soll und wie ich mich zu bewegen habe, nur um dünn zu sein. Es muss eben auch fette Menschen geben auf dieser Welt. Nun gehöre ich zu diesem Kreis. Bevor ich mich weiterhin mit Squats, Planks und Dips quäle, lerne ich lieber, meinen Körper zu akzeptieren, auf die Kommentare meiner Mutter zu scheißen und meine Nachmittage im Dunkin‘ Donuts zu verbringen.

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Fotografie von Benjamin Klaver
Der Text erschien in der Kategorie Essen mit den Themen Dunkin' Donuts, Ernährung, Fitness, Gesundheit, Silke Kayadelen, Sophia Thiel und Sport
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