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Panik, Pannen, Pandemie: Was ist eigentlich EHEC?

Schon wieder Montag. Bin Laden ist immer noch tot, ich bin aber nicht wirklich erleichtert. Irgend etwas ist ja schließlich immer. Wie gewöhnlich, nämlich ausnahmsweise, läuft der Fernseher beim sorglosen Genuss meiner bewusst gurken- und tomatenfrei gehaltenen Mittagsmahlzeit, während Deutschlands mit Abstand seriösestes Nachrichtenformat gerade die neuesten Trends in Sachen EHEC-Verhütung präsentiert. EHEC ist mir dank der GMX-Startseite ein Begriff, also bin ich vorbereitet. Punkt-12-Power-N…
Panik, Pannen, Pandemie: Was ist eigentlich EHEC?
Panik, Pannen, Pandemie: Was ist eigentlich EHEC?
Panik, Pannen, Pandemie
Was ist eigentlich EHEC?
Text: Maik Leder  Fotografie: Public Health Image Library from the Centers for Disease Control and Prevention

Schon wieder Montag. Bin Laden ist immer noch tot, ich bin aber nicht wirklich erleichtert. Irgend etwas ist ja schließlich immer. Wie gewöhnlich, nämlich ausnahmsweise, läuft der Fernseher beim sorglosen Genuss meiner bewusst gurken- und tomatenfrei gehaltenen Mittagsmahlzeit, während Deutschlands mit Abstand seriösestes Nachrichtenformat gerade die neuesten Trends in Sachen EHEC-Verhütung präsentiert.

EHEC ist mir dank der GMX-Startseite ein Begriff, also bin ich vorbereitet. Punkt-12-Power-News-Anchor Katja Burkhard musste nach dem Aufstehen vor dem Spiegel für die heutige Ausgabe ihr betroffenes Gesssssicht ganz sicher nicht lange üben. Denn das gehört bekanntermaßen zum Standardrepertoire eines jeden Journalisten und Politikers vor der Kamera. Es ist auch exakt das gleiche genormte Schweinegrippe-, Geflügelpest- und HNO1-Gesicht. Irgendwie sieht es sogar ein bisschen so aus wie das Familiendrama-in-Braunschweig-Gesicht, aber das ist ein anderes Thema.

Vermutlich bin ich deshalb kurz irritiert, welches Thema mich nun eigentlich beunruhigen sollte. Nennt es Selbstschutz, aber ich merke, dass ich mich unbewusst intensiv damit ablenke, warum RTL eine Moderatorin mit einem offensichtlichen Sprachfehler einstellt und dann so lange ihren Arbeitsplatz erhält. Aber sie passt da ganz gut hin. Ja ich glaube, ich kann mir die Sendung ohne Katja überhaupt nicht vorstellen. Kann es sein? Sie hat sich optisch über die Jahre auch kein bisschen verändert, noch wurde sie von irgendeinem der Übel, über die sie immer so toternst berichtete, dahingerafft. Ob die hintenrum was mit Peter Klöppel hat? Meine Fresse, worum geht’s noch mal?

Fairerweise beginnt der Beitrag mit vier großen roten Buchstaben, die mich an den Trailer von „Spuk im Hochhaus“ erinnern. Erheiternd unprofessionell, aber die Musik kommt auf jeden Fall bedrohlich rüber. Oder anders herum? Ich schaue zur Sicherheit lieber noch einmal auf meinem Teller zum Risikoabgleich. Sehr gut. Keine Gurken. Aber nanu? Der Beitrag verspricht mehr. Ein Skandal. Ein Frevel. Ein hochbrisanter Ansatz. Ja wirklich. Ohne Sex und Schwarzgeldkonto. Dafür eher so Stoff für eine gute Verschwörungstheorie. Ungefähr jedenfalls.

Der Händler in Spanien – also known as „die offizielle Quelle“ – hat über 600 kg Gurken weniger zum Hamburger Großmarkt geschickt, als dort dann ausgepackt worden sind. Angeblich hat der Spanier noch schnell den Messstab an die Gemüse gehalten und festgestellt, dass diese bei ihm sogar noch EHEC-frei waren! Wie geht das? Beim Zwischenstopp in Köln soll einer etwas auf den Laster drauf getan haben und danach verschwunden sein.

Was? In der freien Marktwirtschaft schenkt einem doch keiner was – nicht einmal Gurken und schon gar keine 600 Kilo. „Da ist doch was faul“ denke ich und warte die weiteren, vom engagierten Außendienstkorrespondenten in der Kölner Markthalle energisch recherchierten Hintergründe und Fakten ab.

Die Kamera fängt schwer erkennbare Szenen ein. Untertitel übersetzen verstümmelte Wortfetzen. So gut wie jede Einstellung ist aus datenschutzrechtlichen Gründen bis zur Unkenntlichkeit verpixelt – bis auf den Typen mit dem Mikro und der blauen RTL-Jacke natürlich. Eigentlich könnte der auch gerade in der Kantine vom Sender sein, aber ich bin mir sicher, einen Gabelstapler gesehen zu haben. Nun bin ich gespannt, wie die Folge Punkt 12-Spezial wohl diesmal ausgeht. Doch werde mit dem abrupten Ende des Beitrags auf einen anderen Termin vertröstet.

Wie unbefriedigend. Ein wenig wie bei “GZSZ”. Und wie überbrücke ich nun die Wartezeit? Wahrscheinlich sollte ich mit angemessener Angst reagieren. Okay, wird sofort erledigt. Doch die Skepsis treibt mich vorher noch ins Netz. Nach ein paar gegoogelten Fragen à la „Ich bin Vegetarier, muss ich wegen EHEC jetzt wieder Fleisch essen?“ bin ich eher abgeschreckt als ängstlich. Und weitere mich überfordernde Panikmeldungen beginnen mich rasch zu nerven. Ja sie erwecken in mir eher eine trotzige Haltung. Ich esse einfach keine Gurken mehr und gut.

Ich habe sowieso überhaupt keine Lust darauf so lange zu warten, bis die den ominösen Gurkenspender ausfindig gemacht haben. Weil bis dahin die Quelle des Erregers ohnehin für uns alle und sogar für die Wissenschaft verborgen bleiben wird oder auch nicht – völlig egal. Wenn es denn überhaupt Gurken oder gar irgendwelche Tiere waren. Bei den vorangegangenen Viruserkrankungen hat einem der jeweilige Name ja wenigstens schon viel über die Herkunft verraten.

Also wieder einmal ein kniffliges Rätsel für das ganze Land. Wie die Frage, mit welchen Tricks die Menschheit all die anderen TV-Seuchen unausgerottet einfach überleben konnte. Obwohl… das will ich euch verraten. Das ist nämlich gar nicht so schwer. Einfach ein bisschen warten, sich zwei bis drei Spiele der Champions League auf dem selben Sender ansehen, womöglich noch in den Urlaub fahren und dann müsste es auch schon so gut wie vergessen sein, Man erinnere nur an die Finanzkrise oder das Leid der Dritten Welt.

Ehrlich, ich kann schon froh sein, wenn man EHEC überhaupt noch kennt, wenn dieser Artikel hier erscheint. Und keine Sorge, falls es irgendwem zu langweilig in Deutschland wird und jemand keine Lust hat, sich mit grundlegenderen Problemen auseinander zu setzen: Bald gibt es ganz bestimmt neue Gründe, sich mal wieder so richtig kräftig vor irgendetwas zu fürchten. Der Rest lässt dann den Fernseher einfach aus.

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