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Nachts um halb 4: Eine trinkfeste Anekdote

Nachdem ich seit einigen Tagen stets bewusstlos ins Bett kippe, aus übernächtigten Gründen nicht vor 16 Uhr aufwache und wegen notorischer durchgehender Drei-Tage-Nachtarbeit sogar den 1. Mai verpasst und stattdessen 77 Anrufe in Abwesenheit mit verquollenen Augen entziffern musste, ist klar: Das Na...
Nachts um halb 4: Eine trinkfeste Anekdote

Nachts um halb 4

Eine trinkfeste
Anekdote

Katrin Olszewski

Nachdem ich seit einigen Tagen stets bewusstlos ins Bett kippe, aus übernächtigten Gründen nicht vor 16 Uhr aufwache und wegen notorischer durchgehender Drei-Tage-Nachtarbeit sogar den 1. Mai verpasst und stattdessen 77 Anrufe in Abwesenheit mit verquollenen Augen entziffern musste, ist klar: Das Nachtleben hat mich wieder.

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Ich bin quasi vom Himmel in die Hölle gefallen und das in sekundenschneller Geschwindigkeit, so dass einem schon bei dem bloßen Gedanken kotzübel wird. Der Tag hat mich wieder in die Nacht befördert und meine Pläne mit dem fettesten Textmarker schwarz durchkreuzt.

Denn eigentlich hatte ich mir für dieses Jahr vorgenommen, ein „normaler“ Mensch zu werden. Mit Biorhythmus und fünf Äpfeln am Tag und so. Hm, aber wenn ich mich so umsehe, sind mehr Ringe als Augen sowieso schon seit geraumer Zeit der Catwalk in den U-Bahn-Waggons.

Allerdings beflügelt mich ein gewisser Unmut, was die Arbeit im Dunkeln angeht. Nach fünf Jahren hartem Fitnesstraining, das aus Bieren in Akkordzeit öffnen, Kronkorkenpyramiden-Olympiade und winkenden Menschentrauben, die immer nur das eine von dir fordern: „Schnaps!“, besteht, mutierst du irgendwann zum Tiger im Käfig, der sich im Kreise dreht und am liebsten in den eigenen Schwanz beißen würde, um den Schmerz des Ausgeliefertsein zu unterdrücken.

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Doch trotzdem schleppst du dich immer wieder an den Tresen und setzt dieses Lächeln auf, was dir an die Schläfen getackert wurde und machst munter weiter. Warum auch nicht, schließlich bietet dir die Bar alles was du brauchst, um die „Tausend und eine Nacht“ größenwahnsinnig zu überleben. Musik, Getränke und Freunde.

Du hast die Macht. Denn deine Freunde halten dich für den „Primus Inter Pares Deluxe“. Du bist in ihren Augen Türsteher, Kassenfrau, Getränkegeber und Animateur. Synchron versteht sich. Sie wissen: Du arbeitest, also werden sie alles geben, dich zu besuchen. Schön, denkst du dir. Aber mit dem ersten Anruf, der einen Gästelistenplatz verlangt, ist es nicht getan.

Es wäre nahezu perfekt, wenn die trinkwütigen Menschen an der Bar einen Self-Service übernehmen würden und du währenddessen deine Bekannten galant an der Never-Ending-Schlange hereinführen, mit ihnen eine Clubbesichtigung unternehmen und ihnen dabei jeden durstigen Gedanken telepathisch in ein Getränk umwandeln könntest. So sollte es sein, ist es aber nicht. Denn du musst ja arbeiten. Zu doof.

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Also gibst du dich stumpf dem Flaschenöffner und dem nächsten Schrei nach „Bier!“ an der Theke hin. Wie eine Gewitterwolke zieht der Sturm über dich her und will kaufen, trinken, kaufen, bis deine Kollegen dir sanftmütig ins Gesicht schlagen und einen nett dekorierten Schnaps mit Schirmchen vor die Nase stellen. Dann geht der Vorhang an der Bar zu und du stehst da, trinkst und bist kurz frei.

So langsam begibst du dich auf das Niveau der Gäste und fängst an sie zu mögen. Wie sie da so lustig mit ihren Scheinen wedeln und versuchen immer der Erste am Drücker zu sein. Es ist ein bisschen wie bei Ruck-Zuck, wessen Wortkonstellationen als Erstes in dein Gehör dringen, dessen Zähne und Gaumen können sich vor Weisheit glücklich schätzen.

Menschen, die sich in einer Buchstabensuppe vor dir übergeben und versuchen Scrabble zu spielen, haben, nicht wegen mangelnden Respekts, sondern großzügiger Toleranz, keine Chance und bekommen stumm ein Wasser gereicht. Das sind die Regeln und die müssen befolgt werden, sonst ist das Game leider over.

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Irgendwann sind dann endlich alle betrunken und der Feierabend schaut fröhlich und ein bisschen vernebelt um die Ecke. Du trinkst noch ein paar Schnäpse und schmiedest „Tagespläne“ mit deinen Kollegen. Wenn die Sonne scheint, könnte man ja noch in den Park gehen und apathisch auf der Wiese sitzen. Wenn es grau ist, geht’s ins Berghain. Bei Tageslicht kann eh keiner schlafen, also die Nacht muss dann doch schon her.

Und wo auch immer das Getümmel stattfindet, du landest meist betrunken zu Hause, oder woanders, und wachst in Klamotten, oder ohne, auf und fragst dich, wer eigentlich gestern die Bar zugemacht hat und wo das bisschen Trinkgeld, für das du dein weißes Shirt mit einer Flasche Jägermeister übergossen hast, wohl in der letzten Nacht gelandet ist.

Die Fotografie stammt von Justin
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