Nachts um halb 4 - Eine trinkfeste Anekdote

Nachdem ich seit einigen Tagen stets bewusstlos ins Bett kippe, aus übernächtigten Gründen nicht vor 16 Uhr aufwache und wegen notorischer durchgehender Drei-Tage-Nachtarbeit sogar den 1. Mai verpasst und stattdessen…
Nachts um halb 4 - Eine trinkfeste Anekdote

Nachts um halb 4

Nachdem ich seit einigen Tagen stets bewusstlos ins Bett kippe, aus übernächtigten Gründen nicht vor 16 Uhr aufwache und wegen notorischer durchgehender Drei-Tage-Nachtarbeit sogar den 1. Mai verpasst und stattdessen 77 Anrufe in Abwesenheit mit verquollenen Augen entziffern musste, ist klar: Das Nachtleben hat mich wieder.

Ich bin quasi vom Himmel in die Hölle gefallen und das in sekundenschneller Geschwindigkeit, so dass einem schon bei dem bloßen Gedanken kotzübel wird. Der Tag hat mich wieder in die Nacht befördert und meine Pläne mit dem fettesten Textmarker schwarz durchkreuzt. Denn eigentlich hatte ich mir für dieses Jahr vorgenommen, ein „normaler“ Mensch zu werden. Mit Biorhythmus und fünf Äpfeln am Tag und so. Hm, aber wenn ich mich so umsehe, sind mehr Ringe als Augen sowieso schon seit geraumer Zeit der Catwalk in den U-Bahn-Waggons.

Allerdings beflügelt mich ein gewisser Unmut, was die Arbeit im Dunkeln angeht. Nach fünf Jahren hartem Fitnesstraining, das aus Bieren in Akkordzeit öffnen, Kronkorkenpyramiden-Olympiade und winkenden Menschentrauben, die immer nur das eine von dir fordern: „Schnaps!“, besteht, mutierst du irgendwann zum Tiger im Käfig, der sich im Kreise dreht und am liebsten in den eigenen Schwanz beißen würde, um den Schmerz des Ausgeliefertsein zu unterdrücken.

Doch trotzdem schleppst du dich immer wieder an den Tresen und setzt dieses Lächeln auf, was dir an die Schläfen getackert wurde und machst munter weiter. Warum auch nicht, schließlich bietet dir die Bar alles was du brauchst, um die „Tausend und eine Nacht“ größenwahnsinnig zu überleben. Musik, Getränke und Freunde.

Du hast die Macht. Denn deine Freunde halten dich für den „Primus Inter Pares Deluxe“. Du bist in ihren Augen Türsteher, Kassenfrau, Getränkegeber und Animateur. Synchron versteht sich. Sie wissen: Du arbeitest, also werden sie alles geben, dich zu besuchen. Schön, denkst du dir. Aber mit dem ersten Anruf, der einen Gästelistenplatz verlangt, ist es nicht getan.

Es wäre nahezu perfekt, wenn die trinkwütigen Menschen an der Bar einen Self-Service übernehmen würden und du währenddessen deine Bekannten galant an der Never-Ending-Schlange hereinführen, mit ihnen eine Clubbesichtigung unternehmen und ihnen dabei jeden durstigen Gedanken telepathisch in ein Getränk umwandeln könntest. So sollte es sein, ist es aber nicht. Denn du musst ja arbeiten. Zu doof.

Also gibst du dich stumpf dem Flaschenöffner und dem nächsten Schrei nach „Bier!“ an der Theke hin. Wie eine Gewitterwolke zieht der Sturm über dich her und will kaufen, trinken, kaufen, bis deine Kollegen dir sanftmütig ins Gesicht schlagen und einen nett dekorierten Schnaps mit Schirmchen vor die Nase stellen. Dann geht der Vorhang an der Bar zu und du stehst da, trinkst und bist kurz frei.

So langsam begibst du dich auf das Niveau der Gäste und fängst an sie zu mögen. Wie sie da so lustig mit ihren Scheinen wedeln und versuchen immer der Erste am Drücker zu sein. Es ist ein bisschen wie bei Ruck-Zuck, wessen Wortkonstellationen als Erstes in dein Gehör dringen, dessen Zähne und Gaumen können sich vor Weisheit glücklich schätzen.

Menschen, die sich in einer Buchstabensuppe vor dir übergeben und versuchen Scrabble zu spielen, haben, nicht wegen mangelnden Respekts, sondern großzügiger Toleranz, keine Chance und bekommen stumm ein Wasser gereicht. Das sind die Regeln und die müssen befolgt werden, sonst ist das Game leider over.

Irgendwann sind dann endlich alle betrunken und der Feierabend schaut fröhlich und ein bisschen vernebelt um die Ecke. Du trinkst noch ein paar Schnäpse und schmiedest „Tagespläne“ mit deinen Kollegen. Wenn die Sonne scheint, könnte man ja noch in den Park gehen und apathisch auf der Wiese sitzen. Wenn es grau ist, geht’s ins Berghain. Bei Tageslicht kann eh keiner schlafen, also die Nacht muss dann doch schon her.

Und wo auch immer das Getümmel stattfindet, du landest meist betrunken zu Hause, oder woanders, und wachst in Klamotten, oder ohne, auf und fragst dich, wer eigentlich gestern die Bar zugemacht hat und wo das bisschen Trinkgeld, für das du dein weißes Shirt mit einer Flasche Jägermeister übergossen hast, wohl in der letzten Nacht gelandet ist.

Bücher über Alkohol auf Amazon kaufen

Fotografie von Justin
Der Text erschien in der Kategorie Essen mit den Themen Alkohol, Bars, Berlin, Bier, Cocktails, Drogen, Kneipen, Kreuzberg, Rum und Wodka
Wenn euch dieser Artikel gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
EMPFEHLUNGEN
Weitere Artikel lesen
Impressum
AMY&PINK

Herausgeber

Marcel Winatschek

AMY&PINK ist euer digitales Popkulturmagazin und gibt euch alles, was ihr über Mode, Kunst, Musik, Filme, Spiele, Essen, Reisen, Liebe, Sex und das Leben im Allgemeinen wissen müsst. Jeden Tag aufs Neue.

Sendet uns eure CDs, Filme, Serien, Bücher, Magazine, Comics, Getränke, Videospiele, Schuhe, Kleidungsstücke, technischen Spielereien und weitere schöne Dinge an die folgende Adresse und vielleicht stellen wir sie auf AMY&PINK vor.

Wenn ihr auf AMY&PINK werben oder veröffentlicht werden wollt, eine rechtliche oder inhaltliche Anfrage habt oder weitere generelle Informationen benötigt, dann schickt uns eine Email!

Adresse

AMY&PINK
Bgm.-Strauß-Straße 8
86807 Buchloe
Deutschland

Kontakt

Email: kontakt@amypink.com
Telefon: +49 157 34335280

Kategorien
Leben  Mode  Kunst  Musik  Filme  Spiele  Essen  Reisen  Liebe  Sex

Themen
Mädchen  Frauen  Jungs  Beziehungen  Männer  Fotografie  One-Night-Stands  Japan  Internet  Berlin  Asien  Tokio  Deutschland  Gesundheit  Instagram  Feminismus  Gedanken  Partys  Liebeskummer  Emotionen  Anime  Drogen  Manga  Facebook  Blogs  Beziehung  Freundschaft  Pornografie  Studium  Twitter  Gefühle  Karriere  YouTube  Depressionen  Tinder  Sexismus  Alkohol  Krankheiten  Jugend  USA  Geld  Hass  Onanie  Penisse  Harajuku  Kyoto  Bücher  Interviews  Shibuya  Masturbation  Kreuzberg  Hip Hop  Brüste  Arbeit  Ängste  Kinder  Australien  Nintendo  Pop  Prostitution  WhatsApp  Comics  Reddit  Teenager  Cartoons  Trennung  Fantasy  Wohngemeinschaften  PlayStation  Osaka  Friedrichshain  Homosexualität  Los Angeles  Rassismus  Analsex  Berghain  Urlaub  Menschen  Europa  Sailor Moon  Nacktfotos  Schule  Muschis  Xbox  Selbstbefriedigung  Shimokitazawa  Handys  Psychologie  England  Finanzen  Vibratoren  Sexting  Fitness  Speed  Gewalt  Haruki Murakami  Geschichten  HIV  MDMA  Familie  

© 2020  •  Alle Rechte vorbehalten

Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für unverlangte Einsendungen.

Mit dem Erhalt von Fotografien, Texten und ähnlichen analogen wie digitalen Materialien erklärt sich der Einsender dazu bereit, dass er die vollen Rechte daran besitzt und diese kostenfrei, lizenzfrei und für unbestimmte Zeit auf AMY&PINK veröffentlicht werden dürfen.

Diese Webseite verwendet Cookies und wird finanziell sowie inhaltlich durch Werbung, Produktplatzierungen und Affiliate-Links unterstützt.

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil.

Weitere Informationen findet ihr in unserer Datenschutzerklärung.