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Fische haben keine Gefühle: Ich darf essen, was ich will

Ne, danke, ich esse kein Fleisch. Das hat viele Gründe. Ja, Fisch esse ich. Ob ich glaube, dass dieser weniger leiden musste? Wie oft ich diese Art von Konversation schon führen musste und wie oft sie latent schlechte Stimmung über das rituelle Grillen im Sommer am Kanal oder das gemeinsame Kochen zu Hause gelegt hat.
Fische haben keine Gefühle: Ich darf essen, was ich will
Fische haben keine Gefühle: Ich darf essen, was ich will

Fische haben keine Gefühle

Ich darf essen,
was ich will

Anna-Charleen Klahölter
Anna-Charleen Klahölter

Ne, danke, ich esse kein Fleisch. Das hat viele Gründe. Ja, Fisch esse ich. Ob ich glaube, dass dieser weniger leiden musste? Wie oft ich diese Art von Konversation schon führen musste und wie oft sie latent schlechte Stimmung über das rituelle Grillen im Sommer am Kanal oder das gemeinsame Kochen zu Hause gelegt hat.

Der Vegetarismus ist ja mittlerweile stark verbreitet, gerade junge und oft "hippe" Leute verzichten vermehrt auf Fleisch. Aber auch jede Menge ältere Leute, denen entweder die Reinheit des Produkts nicht sicher genug oder aber die Massentierhaltung zuwider ist, lehnen den Fleischkonsum größtenteils oder auch eben ganz ab.

Viel zu groß ist das Risiko, mit der nächsten Packung Discountersalami gleichzeitig auch eine Ladung Antibiotikaresistenz mit einzukaufen, obwohl wir ja grundsätzlich gerne was umsonst bekommen. Ein Nichtfleischesser zu sein, kann heute viele Gründe haben.

Ich habe beispielsweise eine Freundin, die ein wirklich liebenswürdiger Mensch ist, der das Leben der Tiere aber ziemlich egal zu sein scheint. Sie findet Fleisch ganz einfach unappetitlich. Geruch, Farbe, sowie Konsistenz.

Das führt mich gleich zu Anfang schon zu meiner ersten Frage: Ist ihr Argument für den Fleischverzicht jetzt unethischer oder weniger wert, als das des musterhaften Tierliebhabers oder des Peta-Mitglieds, das sich in halsbrecherischen Aktionen in gefährliche Situationen begibt, um der unwürdigen Haltung der armen Kreaturen ein Ende zu bereiten?

In meinem Philosophiestudium lernte ich einiges über einen Denker des Landes, von dem ihr wenigstens schon mal etwas gehört haben solltet. Immanuel Kant. Ja genau, da war mal was, irgendwann in der Schule, richtig? Und dieser bedeutende Herr hat etwas ziemlich Einschlagendes über moralisches Handeln gesagt.

Natürlich werde ich es für euch vereinfacht darstellen, denn wenn auch verdammt geistreich, simpel hat sich damals wirklich niemand ausgedrückt, was mir oft den Unimorgen nach den Studentenpartys auch nicht leichter machte. Kant stellte eine Formel auf, nach der man sicher moralisch handelt und nannte sie den Kategorischen Imperativ. Da klingelt was, oder?

Dieser besagt jedenfalls, dass wir nur so handeln sollen, als würden wir wollen können, dass unsere Handlung ein allgemeines Gesetz wird. Er verlangt von moralischem Handeln, dass es nur aus Pflicht, nicht aber aus Eigeninteresse entsteht. Das bedeutet, einen Hühnerstall aufzubrechen, um die armen Federtiere aus dem Innern zu befreien, geschieht zwar aus guter Absicht, allerdings kann man ja kaum wollen, dass kriminelles Handeln zur Normalität werde. Letzteres lassen wir jetzt zumindest mal dahingestellt.

Um damit auf meine Frage zurückzukommen, behaupte ich an dieser Stelle, dass es nicht wichtig ist, warum man etwas Gutes tut und es somit auch scheißegal ist, aus welchem Grund du kein Fleisch isst, denn das Resultat bleibt dasselbe. Man kann es ein bisschen mit dem beliebten Phänomen der Spende vergleichen.

Der Unicef-Anstecker an deiner Jacke mag ja ganz hübsch aussehen, ist in vielen Fällen aber selbstverständlich mit dem Wunsch nach Anerkennung verbunden. Und ja wirklich, deine einmalige 5-Euro-Spende am Red Nose Day bei ProSieben hat vermutlich echt einiges verändert, dafür hast du eine dicke Portion Lob verdient. Aber ich sag was soll's. Das Resultat bleibt dasselbe.

Allerdings ist scheinbar nicht jeder meiner Meinung, womit ich auf den Klassiker vom Anfang zurückkomme. Viel zu oft durfte ich mich mit super schlauen Nichtvegetariern auseinandersetzten, die mit einem scheiß provokanten Grinsen auf den Lippen versucht haben, mich in meiner Rechtfertigung bei einem Denkfehler zu ertappen.

Ihre größte Angriffsfläche dürfte dabei sein, dass ich immer noch Fisch esse. Und ab da geht's dann auch schon los, mit all den Fallen als Fragen getarnt, nur um mich am Ende wortlos zu machen und ich denke mir: Wieso? Ich gehöre nicht zu denen, die anderen versuchen ihre Werte auf zu zwängen, wieso also dann andersherum?

Wahrscheinlich haben die meisten, so wie ich, eigentlich schon keine Lust mehr über dieses Thema zu schwadronieren, denn natürlich spreche ich überhaupt nichts Neues an. Das hat sich beispielsweise bestätigt, als ich neulich nostalgisch zu Nirvana gelauscht habe und Kurt Cobain sich in schönstem Sarkasmus über Leute wie mich ausgelassen hat, als er sagte: "It's okay to eat fish, 'cause they don't have any feelings." Oh Mann, ich dachte ich wäre ein Rebell, wie du, Kurt, und jetzt das.

Niemand von uns ist perfekt und ich bin es schon mal gar nicht. Manchmal bin ich ein schwacher Mensch. Meine spanischen Wurzeln und die daraus resultierenden, traumhaft zubereiteten Meeresfrüchte von Oma, sind und bleiben nunmal mein Leibgericht, seitdem ich denken kann. Da lässt sich einfach nichts dran rütteln.

Ich könnte mich auf die obligatorischen WG-Küchendiskussionen einlassen und über Schmerzempfinden von Säugetieren und Fischen philosophieren, aber das ist mir mittlerweile echt zu anstrengend geworden und hat mir schon das ein oder andere Mal den Appetit verdorben.

Vielleicht bin ich irgendwann mal wieder dabei, wenn die Freunde sich ans "Burgern" machen und vielleicht verzichte ich aber auch eines Tages ganz auf jegliche Art von tierischen Produkten. Die Debatten werden sich wohl oder übel eh nicht ändern, aber wenigstens bewegt es die Menschen sinnvoll über Dinge mit Gehalt zu diskutieren und die Glotze leiser zu schalten.

Da mein Problem anscheinend weit verbreitet ist, hat man sich ja übrigens mittlerweile etwas ganz Schlaues einfallen lassen, nämlich den revolutionären Begriff Pescovegetarier. Wow, das klingt irgendwie nach etwas Ansteckendem, oder wie das, was ich mir auf meine Spaghetti packe und zwar alla Genovese. Guten Appetit!

Der Text wurde von Anna-Charleen Klahölter geschrieben. Das Bild stammt von Icons8. Der Artikel erschien in der Kategorie Essen mit den Themen Fische, Fleisch, Gesundheit, Tiere, Veganismus und Vegetarier. Wenn er euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen. Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
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