Die McFit-Hölle - Sport ist ein Arschloch

Letztes Jahr wurde mir auf meiner Rucksackreise durch Südostasien vor allem nahe gebracht, wieso Asiaten eigentlich immer so eine schmächtige Statur haben. Weil ihr Essen meistens Durchfall verursacht. Es schmeckt…
Die McFit-Hölle - Sport ist ein Arschloch

Die McFit-Hölle

Letztes Jahr wurde mir auf meiner Rucksackreise durch Südostasien vor allem nahe gebracht, wieso Asiaten eigentlich immer so eine schmächtige Statur haben. Weil ihr Essen meistens Durchfall verursacht. Es schmeckt fantastisch und sieht eigentlich recht gesund aus, aber ein kausaler Zusammenhang zwischen der Nahrungsmittelaufnahme und den regen Magen-Darm-Aktivitäten muss bestehen. Anders können sich meine Oberschenkel nicht den Gewichtsverlust von zehn Kilogramm innerhalb von sechs Monaten erklären.

Vielleicht neige ich hier zu übereilten Schlussfolgerungen. Vielleicht lag es auch an meinen Muschi-Organen, die nur mit luftdicht abgepackten Lebensmitteln und sterilem Porzellan klarkommen. Arme Backpackerjahre sind keine Herrenjahre. Die Ost-Asiaten haben sicherlich eine durchschnittliche Darmflora und können genauso gut und stabil kacken gehen, wie alle anderen gesunden Menschen.

Obwohl ich sicherlich als Folge der Ernährungsumstellung mit Verätzungen an sensiblen Stellen rechnen muss, hatte meine kleine Reise in die Activia-Hämisphäre einen großen Vorteil zu verbuchen. Ich war rank und schlank und konnte im Bikini, wenn schon nicht mit einem ganzheitlichen Frauenbild, dann wenigstens mit einem schlanken Bauch triumphieren. Dann sollte man aber auch betonen, dass das an Thailands Stränden nicht besonders schwer ist. Dort konkurriert man hauptsächlich mit fettbäuchigen Sextouristen aus Westeuropa.

Die kleine Reise hat ein Ende genommen und meine Auto-Schlankheit leider auch. Bedauerlicherweise hat die psychologische Umstellung nicht ganz mitgezogen. Ich war zwar zurück beim festen Stuhlgang, allerdings nicht bei den proportionalen Essgewohnheiten. Und so kam es, dass ich innerhalb weniger Monate ungefähr zehn Kilo zunahm und heute aussehe, als hätte sich eine Fettschwarte mit Eigenleben um meinen zarten Elefantenkuhkörper gelegt.

Den Prozess konnte ich jeden Morgen am Spiegel beobachten, jedoch war ich machtlos. Tiefkühlpizza, drei Mal am Tag Chilli Cheese Fries bei Burgermeister und ein Sommer voller Eis-am-Stiel. Auch in der Grätsche berühren sich meine Beine noch, und meine Kimme schwitzt, wenn ich mich beim Aufstehen strecken möchte. Jetzt ziehe ich die Zügel der Disziplinlosigkeit. Spätestens, wenn man dem Zug hinterherrennt und dabei Blut kotzt und schwitzt, als käme man gerade frisch aus einem Brandkatastrophengebiet, muss man zur Tat schreiten, die Hand erheben und laut rufen: Stop! Hungertime!

Ich werfe alle meine Prinzipien der “effizienten Faulheit” (das bedeutet “zu faul sein, um sich etwas zu essen zu machen, deshalb einfach weiterhungern” als Diätregelung) über Bord, denn der Appetit hat ein Monster erschaffen, welches mein Bewusstsein hypnotisiert und dafür sorgt, dass ich den ganzen Tag nichts anderes mache, außer Fettklumpen in meinen Rachen zu schieben und Flüssigschmalz zu gurgeln.

Ganz ehrlich: Wenn das so weiter ginge, ich wäre schon bald die Hauptrolle für das Remake von “Feed”. Und deshalb bin ich jetzt eines dieser Opfer, Sklavin der Schönheitsideal-Gesellschaft, die zwei bis drei Mal die Woche in die McFit-Filiale ihres Vertrauens reinrollen, um etwas für ihr Geschlechtsverkehr-Rating zu tun.

McFit, der 24-Stunden Discounter für Menschen, die “Sport” machen wollen, ist ja ein Biotrop für Kulturen, denen man sonst nicht nahe kommt. Pumper, die sich gegenseitig per Grunzlaute anfeuern, Schwule, die stundenlang den Stepper für einen begehrenswerten Knackarsch belegen, Michaela und Sabine, die sich seit der Scheidung den Yoga-Kurs nicht mehr leisten können und natürlich ich, wie immer die Einzige, die ins Fitnessstudio geht, um tatsächlich abzunehmen. Mein Schwabbel und mein Wabbel fallen auf, aber ich bin da jetzt hart und lasse niemanden über mich urteilen, ohne nicht mindestens genauso angeekelt zurück zu spucken.

Das Gerät meiner Wahl ist der Crosstrainer. Das Wort alleine bringt mich schon zum schwefeligen angstfurzen. Nach jeder halbstündigen Session sehne ich mich nach Nachkriegsreha und einer Streicheleinheit. Ich verstehe das nicht, wie Menschen tatsächlich Spaß an Sport haben. Wisst ihr, was Spaß für mich ist? Essen. Und rumliegen.

Ich will keinen Sport machen, niemand will Sport machen, man muss Sport machen, so lange man noch keinen Mann so hart gegen die Wand gebumst hat, dass Kinder aus dem eigenen Arsch fallen. Die Option der Fortpflanzung möchte ich mir irgendwie erhalten – und das geht nur, wenn man unter den Speckfalten meine primären Geschlechtsteile auch noch findet.

Ich habe auch andere Formen der Kalorienabnahme in Erwägung gezogen. Eine Salat-Diät, die mich wütend macht. Speed, weil ich ja nicht genug Suchtprobleme zu bewältigen habe. Teamsport, damit mir auch alle schön beim Sterben zusehen können. Fett absaugen, die Kohle sitzt ja locker unter den Achseln. Aber der soziale Druck im Fitnessstudio und die Selbstgeißelung vor dem Spiegel sollten das nötigste Commitment herauspressen, um Ergebnisse zu erzielen.

Aber das Schlimmste an so einer drastischen Maßnahme ist wahrscheinlich nicht einmal der Sport, sondern der ausbleibende Effekt. Ich habe nämlich nicht das Gefühl, dass sich mein Körper im Zustand des Bewegens oder des Nicht-Essens von seinen Fettreserven ernährt. Eigentlich habe ich die meiste Zeit nur noch mehr Lust als sonst, in einen Laib Käse zu beißen und mich unter eine Cola-Dusche zu stellen.

Wie machen das die Leute, die sich bedingungslos selbst lieben und das als Motivationsgrundlage für gesunde Ernährung und Sport (!) nehmen? Wieso reicht es nicht, drei Mal am Tag einfach irgendetwas zu essen und täglich die fünf Stockwerke in die eigene Wohnung hoch und wieder runter zu laufen? Ich komme zu dem Schluss, dass das Leben ein Arschloch ist und die Dringlichkeit von Sport in meinem Leben die Strafe für all meine Sünden ist. Und ihr so?

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Illustration von Dmitry Nikulnikov und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Essen mit den Themen Fitness, Gesundheit, Gymnastik, McFit und Sport
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