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Das Popkultur Magazin

Dirty Eating: Von gesundem Essen muss ich kotzen

Vor ein paar Tagen habe ich mein Instagram-Profil gelöscht, weil ich es einfach nicht mehr aushielt. Eure ständigen Selfies und Katzenfotos gingen mir ja schon gewaltig auf die Nerven, doch dann kamt ihr mir auch noch mit diesem Quatsch von Detox und Clean Eating und habt alle Cheeseburger und Pizze...
Dirty Eating: Von gesundem Essen muss ich kotzen

Dirty Eating

Von gesundem Essen
muss ich kotzen

Nadine Kroll

Vor ein paar Tagen habe ich mein Instagram-Profil gelöscht, weil ich es einfach nicht mehr aushielt. Eure ständigen Selfies und Katzenfotos gingen mir ja schon gewaltig auf die Nerven, doch dann kamt ihr mir auch noch mit diesem Quatsch von Detox und Clean Eating und habt alle Cheeseburger und Pizzen aus meinem Instagram-Feed durch Bilder von grüner Pampe in Möchtergern-Fancy-Ikeagläsern ersetzt.

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Und ich musste leider schon beim Anblick davon kotzen, also habe ich mein Profil gelöscht und mir erst mal ein Schnitzel gemacht. Mit Fritten und der fettigsten Jägersoße, die ich im Supermarkt bei den Fertiggerichten finden konnte. Als ihr plötzlich alle tierfreundliche Veganer wurdet und einen Supermarkt, der auf Verpackungen verzichtet, mit dem Geld unterstützt habt, von dem ihr früher eure Drogensucht und Alkoholexzesse finanziert habt, fand ich das noch okay. Ehrlich.

Tier- und Umweltschutz sind eine super Sache, aber die Spinatgetränke und armseligen Nüsschen, die ihr euch nun statt MDMA in den Mund steckt, die gehen mir zu weit, zumal alles, was man euch von Detox-Kuren und Clean Eating verspricht, noch nicht einmal wissenschaftlich bewiesen ist, aber was weiß ich schon, wer glaubt, dass diese Zuckerkügelchen namens Homöopathische Arzneimittel wirklich helfen, wird ja schließlich auch schneller gesund, obwohl belegt ist, dass sie faktisch rein gar nichts tun.

Clean Eating heißt ja in erster Linie, auf künstliche und chemisch hergestellte Lebensmittel zu verzichten. Ihr könnt euch also zuerst einmal von eurem geliebten Nutella verabschieden. Und der Bärchenwurst. Und dem Körnerbrot vom Bäcker. Und sogar dem “frisch gepressten Orangensaft” aus dem Kühlregal. Dafür dürft ihr dann aber sechsmal am Tag essen. Solange die Portionen nicht zu groß sind. Und natürlich selbst gemacht.

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Positiv ist, dass ihr so nie wieder den ekligen Fraß in der Mensa in euch hinein drücken müsst. Dafür fällt halt auch der Lieblingsburger flach. Und das Feierabendbier. Aber hey, wer braucht das schon, wenn er stattdessen Algencocktails haben kann? Die machen die Haut dann schön und den Körper viel fitter und euch zu einem besseren Menschen. Und zu einem unglücklichen auch.

Denn egal wie viele gute Fette und Vitamine ihr mit dieser Art der Ernährung zu euch nehmt und egal wie gut die für euer Immunsystem und damit auch das Wohlbefinden sind: ich glaube daran, dass Soul Food glücklich macht – und niemand kaut ernsthaft gerne beim abendlichen Serien gucken an einer unbehandelten Karotte aus Muttis Garten herum, wenn er stattdessen Pepperoni-Pizza mit Käse im Rand haben kann, die auch noch bis ans Bett geliefert wird.

Diejenigen von euch, die so richtig hardcore drauf sind, machen neben Clean Eating auch noch eine Detox-Kur. Zwei Wochen lang nur püriertes Etwas, das aussieht wie Erbrochenes und genauso schmeckt. Ihr müsst mir gar nicht erzählen, dass das eigentlich voll lecker ist, ich hab’s nämlich probiert und spätestens am zweiten Tag hängt dir das Zeug zum Hals raus, da kannst du die Gemüsesorten variieren wie du willst.

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Noch dazu macht es nicht satt, und von Hunger bekommt man nun mal schlechte Laune, da kann man “von innen heraus” so viel strahlen wie man will. Abgesehen davon, dass die angebliche Wirkung halt für den Arsch ist – und zwar nur für den, denn von eurer Verdauung könnt ihr euch für die gesamte Dauer eurer Detox-Kur getrost verabschieden. Und damit auch von euren Freunden, denn ganz ehrlich, niemand will Zeit mit einem schlecht gelaunten und permanent furzenden Menschen verbringen.

Jetzt mal im Ernst, Leute: wer von euch hält diesen Scheiß eigentlich durch? Geht euch das nicht nach allerspätestens vier Wochen so tierisch auf die Nerven, dass ihr euch nachts heimlich Schokoriegel in die gierigen kleinen Münder stopft und bei Mamas Sonntagsbraten mal wieder so richtig zulangt? Gesundes Essen hin oder her – braucht ihr nicht auch mal so ein richtig fettes Steak mit Senf und Ketchup, um euch wieder wie ein richtiger Mensch zu fühlen?

Und selbst wenn ihr eure Detox-Kuren und selbstgebastelten Clean-Eating-Pläne bis ins letzte Detail einhaltet: vermisst ihr nicht irgendwie doch was? Ich meine, was macht ihr zum Beispiel, wenn ihr auf dem Jahrmarkt an der Pommesbude vorbei lauft. Oder dem Stand, der diese ganzen vielen Zuckersachen verkauft. Vergießt ihr denn keine einzige Träne, dass ihr all den Scheiß, für den wir das Leben so lieben, nicht essen dürft oder könnt?

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Ich glaube ja, dass viele von euch das nur für die anderen tun. Clean Eating als Vorbildfunktion für die drogenverseuchte Jugend. Sonst könntet ihr das nämlich machen, ohne ständig darüber zu reden. Eure scheiß Vitamindrinks auf Instagram sehen nämlich nicht mal gut aus. Im Gegensatz zu einem dicken mit Käse und Fleisch belegten Burger. Oder den zuckrigen bunten Cupcakes, die ihr auf den ganzen Bloggerevents, die ihr so gern besucht, weil es dort nämlich Goodie Bags gibt, immer gemampft habt.

Am besten fotografiert ihr eure “gesunden Drinks” und die dazugehörigen Selleriestangen noch direkt vor euren Sportschuhen und schreibt dazu, dass so ein widerlicher Smoothie genau das Richtige ist, wenn man von zwei bis drei anstrengenden Stunden Sport kommt, nach denen man sich ja auch sooo gut fühlt. Ich sag euch wie man sich wirklich fühlt: beschissen. Beschissen und ausgelaugt.

Wenn man vom Sport kommt – und ja, Bierflaschen vom Supermarkt an der Ecke in den vierten Stock der Altbauwohnung zu schleppen, ist auch Sport – dann hat man Bock auf Schokolade und Schnitzel, nicht auf Kartoffeln, Spiegelei und Spinat – ach halt, Kohlenhydrate esst ihr ja auch nicht, weil sie schlecht für die Figur und sowieso sehr ungesund sind.

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Und das reibt ihr uns täglich in die Fresse. Auf Instagram. Und Twitter. Und euren Blogs, die eh keiner liest. Und so verderbt ihr uns unseren Appetit. Wenn ihr ganz übel drauf seid, hängt ihr sogar noch ein paar Links an, die uns zeigen, wie schlecht es eigentlich den Tieren geht, die wir Tag für Tag töten, um an unser Fleisch zu kommen und wie beschissen die Arbeiter in den Lebensmittelfabriken doch dran sind und die Kinder in Afrika, ach, die erst, haben ja nichts, während wir im Überfluss leben, von Zeug, das kein Mensch braucht.

Nur, davon wird es halt auch nicht besser. Und ich, ich brauche das. Weil ich nämlich Spaß am Essen habe. Ich will nicht darüber nachdenken, ob das, was ich als nächstes in mich hinein stopfe, irgendwie ethisch nicht okay oder am Ende vielleicht sogar krebserregend ist. Oder ob es mich fett und hässlich macht. Es ist mir nämlich egal, solang es schmeckt.

Ihr könnt ja essen was ihr wollt, das will ich schließlich auch, aber bitte hört auf, mir eure “tolle Ernährung” ständig um die Ohren zu hauen. Wenn ich das sehe, wird mir nämlich schlecht, und davon hat ja wohl niemand etwas.

Die Fotografie stammt von Thought Catalog
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