AMY&PINK

AMY&PINK gibt dir alles, was du über Leben, Musik, Filme, Serien, Internet, Ernährung, Politik, Mode, Kunst, Spiele, Literatur, Technik, Reisen und Sex wissen musst. Jeden Tag aufs Neue.
AMY&PINK
AMY&PINK
Diagnose Magersucht
Illustration: Matt Groening

Seit Wochen schon schlafe ich regelmäßig auf dem Teppichboden in meinem Zimmer. Genauer gesagt in meinem rosa und blaugestrichenen Kinderzimmer, mit dem grauen Fußboden und den Kuscheltieren auf dem Bett. Das Bett macht mir Angst. Würde ich statt auf dem Fussboden im Bett liegen, so fürchte ich, würde ich nämlich tatsächlich schlafen. Womöglich stundenlang. Unkontrollierbar lang. Eine gruselige Vorstellung.

Denn ich möchte nicht schlafen, nein, darf nicht schlafen. Nur ein bisschen dösen. Ein bisschen ruhen. Aber auf keinen Fall darf ich schlafen. Wenn ich schlafe, dann verbrenne ich nämlich weniger Kalorien. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich jetzt auch keinen Wecker mehr brauche. Der harte, kalte Boden drückt so sehr gegen meinen knochigen Rücken, dass ich die Minuten zähle, bis ich endlich aufstehen darf.

Aufstehen darf ich aber immer erst ab sechs. Keine Minute früher, keine Minute später. Ab dieser Zeit ist jeder Schritt geplant und ritualisiert. Ab jetzt überlasse ich nichts mehr dem Zufall. Der Gang zur Toilette, wie jeden Tag, das Zurechtrücken der Waage, wie jeden Tag, und das Ablegen aller Kleider, wie jeden Tag. Erst Das Hemd, dann die Hose, dann die Unterwäsche, zuletzt die Socken und auch das Haargummi. Alles muss weg.

Der Moment der Wahrheit, mein Richterspruch. Fast schon zeremoniell atme ich langsam ein und wieder aus und schließe langsam die Augen. Die Vermessung meiner Sünden, mein Urteil in schwarzen digitalen Ziffern. Heute ließ die Waage Gnade walten: 44,7 Kilogramm. Das sind 200 Gramm weniger als gestern. Erleichterung – aber leicht genug bin ich trotzdem nicht. Auch die Tatsache, dass heute der 4. August ist, ändert nichts an meinem täglichen Prozedere. Denn dieser sommerlich-warme Dienstag ist so etwas wie ein neuer Abschnitt in meinem Leben.

Dieser neue Abschnitt beginnt auf Station 8 in Zimmer Nummer 24. Ab sofort mein Zimmer. Zum Einzug in mein neues Zuhause bekomme ich Besuch von meinen Zimmernachbarinnen und der Stationsschwester. Diese hat sogar ein kleines Präsent für mich: den Therapiewochenplan. Und plötzlich sind die steril-weißen Wände, die verstellbaren Krankenhausbetten und die Schläuche neben meinem Schrank gar nicht mehr so schlimm. Ich liebe Pläne.

Zwei Wochen später sitze ich immer noch in Zimmer Nummer 24 auf Station 8 und starre regungslos aus dem Fenster. Den Therapiewochenplan habe ich neben mein Bett links an die Regalwand geklebt, rechts daneben ein Foto von mir im schwarzen Kleid, lachend und mit meiner Mutter im Arm. Zwischen den beiden Bildern liegen genau 14 Monate, zwanzig Kilogramm und unzählige Nächte auf dem Fußboden.

Zimmer Nummer 24 darf ich nur zu den Untersuchungen, zu den Therapien und zu den gemeinsamen Mahlzeiten verlassen. Die restlichen Stunden muss ich in meinem Krankenhausbett verbringen und aus dem Fenster starren. Isolationshaft nenne ich es, Bettruhe zur körperlichen Stabilisierung nennt es der Oberarzt mit den hohen Geheimratsecken und der dreckigen Brille. Von hier oben habe ich einen Ausblick über die ganze Stadt. Da unten rechts, gleich hinter dem langgezogenen Hügel, kommen die Uni und die Bibliothek. Noch vor ein paar Wochen saß ich genau da unten und habe jeden Tag acht Stunden lang die Bücher gewälzt.

Mittlerweile weiß ich nicht mal mehr, welche Bücher das überhaupt waren. Ich war im geistigen Vakuum. Während ich da saß und angestrengt versuchte, die Buchstaben zu entziffern, war in meinem Hirn nur noch Nebel. Ein stumpfes, dunkles Irgendwas, das alle Gedanken aufgesogen hat wie Löschpapier. Umso länger ich die Seiten anstarrte, desto mehr verwandelten sie sich plötzlich in Bilder von Pizza. In Bilder von Eiscreme oder von Sahnetorte.

Ich sah wackelnde Oberarme, zu enge Jeans und ausladende Hüften. Ich sah, wie die Kalorien lebendig wurden und wie sie sich auf den Weg in meine Oberschenkel machten. Ich sah tanzende Fettzellen und turnende Kohlenhydrate. Ich sah, wie meine Beine, noch während ich da saß, plötzlich auf ein Zehnfaches anschwollen und in jedem Moment zu platzen drohten.

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann einfach aufgewacht bin und beschlossen habe abzunehmen. Was ich weiß, ist, dass ich schon immer „die Komische“ gewesen bin. Ich war es, neben die die Austauschschüler, die Störer und die Neuen in der Klasse platziert wurden, weil das der einzige freie Platz war.

Ich war es, die im Theaterstück in der sechsten Klasse mit der Zeile „Das dicke Ende kommt zum Schluss“ glänzen durfte. Ich war es, über die im Sportunterricht mit Schokoriegeln verhandelt wurde, wer mich ins Team aufnehmen muss. Ich war es, die die kreativsten und demütigsten Spitznamen verliehen bekam. Ich war es, die sich mit 13 Jahren so ungeliebt fühlte, dass sie 80 Schlaftabletten schluckte und sich versuchte, die Pulsadern mit einer Bastelschere aufzuschneiden.

Darauf folgten Höhen und Tiefen, auf der Waage und in sozialen Beziehungen. Ich wollte mich nie wieder ausgeliefert fühlen. Nie wieder wollte ich, dass andere Menschen so viel Macht über mich haben, dass ich ihnen unterlegen bin. Nie wieder wollte ich, dass meine Gefühle von anderen kontrolliert werden würden. Ich wollte besonders sein. Einzigartig, anders, herausragend. Unfehlbar, unnahbar und eiskalt. Ich wollte eine glatte, kantenlose, perfekte Barbiepuppe ohne Makel und ohne Angriffsfläche werden.

Und das wurde ich auch. Je mehr ich lernte meinen Hunger zu kontrollieren, desto mehr lernte ich auch meine Gefühle zu kontrollieren. Irgendwann hatte ich keinen Hunger und keine Gefühle mehr. Es war überwältigend. Ich allein, niemand anders, ja, nicht einmal mein eigener Körper, hatte nun mehr das Sagen über mich. Ich, nur ich, ich und niemand anders.

Ich bestimmte, wann ich aß, wie viel ich aß, ob ich überhaupt aß. Ich setzte mir Ziele. Erst waren es drei Kilo. Dann noch einmal drei. Dann waren es fünf. Ich schaffte sie alle und das nur durch meine reine Willenskraft. Ich hatte Ehrgeiz. Ich war so verdammt gut, in dem was ich tat. Die ganze Welt stand mir auf einmal offen. Konnte es noch besser werden? Und wie es das konnte. Ich hatte nicht nur Macht über mich, sondern auch über die anderen. Plötzlich war ich nicht mehr „die Dicke“ oder „die Komische“. Ich hatte endlich eine Identität bekommen.

Je fragiler und zerbrechlicher ich wurde, desto vorsichtiger wurde der Umgang mit mir. Wer mit mir sprach, nutze nur noch schonende, sanfte, zarte und federleichte Worte. Ich wurde in Zuckerwatte gepackt und mit Honig übergossen. Meine Erscheinung hauchte den anderen Ehrfurcht ein. Niemand mehr, der mich „Happy Hippo“ oder „Rollmops“ rufen würde. Die Angst, jedes falsche Wort könnte meine verhungerten Arme zerbrechen, war zu groß.

Jedes Kilo weniger war mein Triumph. Jedes Gramm, das ich abwarf, befreite mich von den Altlasten des Rollmopses. Jedes verlorene Kilo war ein Manifest an meine Außenwelt: Schaut mich an. Schaut mir dabei zu, wie ich mich zu Tode hungere. Schaut mich an, wie ihr nur daneben stehen könnt und machtlos seid. Schaut her, wen ihr damals faul und dick genannt habt.

Schaut euch an, was ich kann. Und ich kann noch mehr. Ja, verdammt, ich bin nicht mal ein bisschen außer Atem. Ich fange jetzt erst richtig an. Schaut her, wie dieser verhungerte Mensch besser funktionieren kann als ihr es jemals können werdet. Und ich funktionierte tatsächlich. Ich hatte Erfolge im Sport. Ich engagierte mich sozial. Ich gewann Wettbewerbe und Preise. Ich schaffte mein Abitur mit Auszeichnung. Ich gewann ein Stipendium. Und währenddessen wurde ich langsam aber sicher immer weniger.

Irgendwann war ich so wenig, dass ich es nicht mehr schaffte aufzustehen. Ich war so wenig, dass ich bei 30 Grad im Schatten zwei dicke Pullover getragen hatte und trotzdem fröstelte. Ich war so wenig, dass ich blaue Hände und lila Füße hatte. Ich war so wenig, dass sich auf meiner fast schon transparenten Haut ein Flaum aus Haaren gebildet hatte. Eine Art Schutzfell, das mich warmhalten sollte. Ich war so wenig, das ich an nichts anderes mehr denken konnte außer an Essen und an Gewicht. Ich hatte mich in meiner eigenen Welt verloren. In meinem Labyrinth aus Kaffeebechern und Kaugummipapierchen war ich dabei, mir mit meinem geliebten Maßband die Kehle abzuschnüren.

In Zimmer 24 auf Station 8 sind Kaugummi und Maßbänder verboten. Genau wie in meiner Welt, gibt es hier für alles eine Regel. 30 Minuten lang hat man für eine Mahlzeit Zeit. Zwei Gläser Wasser darf man maximal zu den Hauptmahlzeiten trinken. Teelöffel und Kuchengabeln stehen auf dem Index. Light-Produkte ebenfalls. Beim Essen darf auf keinen Fall über Kalorien gefachsimpelt werden.

Regelmäßigen Ausgang bekommt nur, wer brav zunimmt und immer aufisst. Wer so viel abnimmt, dass sein BMI in einen lebensgefährlichen Bereich rutscht, bekommt ein milchshakeähnliches Aufpäppel-Getränk, das es in den Sorten Waldfrucht, Vanille oder Cappuccino gibt. Und wer das nicht trinkt, der bekommt eine Sonde durch die Nase geschoben.

Auf Station 8 bin ich das erste Mal seit langem nicht mehr der Strippenzieher, sondern die Marionette. Eine Marionette, mit langen Fadenbeinen und feinen Fadenärmchen, die mit ihrem BMI von 15.2 nur eine von vielen Fadenmädchen ist. Eins haben wir Fadenmädchen alle gemeinsam: Wir sind hier, weil wir in unserem Leben in eine Sackgasse geraten sind.

Vielleicht hat uns irgendwer absichtlich in die Irre geschickt. Vielleicht waren wir auf der Flucht und haben nicht auf den Weg geachtet. Vielleicht war es dunkel und wir konnten die Kreuzung nicht erkennen. Vielleicht waren wir neugierig, wo uns der Trampelpfad hinführt. Gelandet sind wir dann alle hier, in einem sterilen und weißen Krankenhauszimmer auf Station 8. Wir sind dabei, unseren Weg zurück zu finden, zu dem Punkt, an dem wir falsch abgebogen sind. Und wenn wir diesen Weg gehen, dann müssen wir uns wohl oder übel auch verändern. Wir müssen die Metamorphose endlich wagen.

Und während ich über meinen langen Weg vor mir nachdenke, kommt mir plötzlich ein Gedanke. Bevor mir dieser Gedankte entwischt, kritzele ich ihn noch schnell in mein Notizbuch: „Als es Winter wurde und die kleine Raupe bemerkte, dass sie sich fortan nicht mehr vom süßen Nektar der Blüten nähren kann, beschloss sie zum Schmetterling zu werden. Doch als sie aus ihrem Kokon schlüpfte und ihre Flügel entfaltete, da war sie plötzlich gar nicht mehr hungrig.“

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Digitaler Lifestyle

Mit freundlicher Unterstützung von Huawei

Das Leben in der großen Stadt steckt voller Wunder, voller Geheimnisse, voller Überraschungen. Aber es kann auch sehr schnell ziemlich verwirrend und unklar werden. Das, was du jetzt wirklich brauchst, ist ein digitaler Kamerad, der immer an deiner Seite ist und dich durch den Dschungel der wunderschönen Metropolen dieser Welt führt, egal ob wo sie liegen.

Wir haben die Instagram-Liebhaberin, Medienstudentin und Kunstenthusiastin Anouk dazu eingeladen, das neue Huawei MediaPad M2 an ihren Lieblingsorten in Deutschlands Wunderwelt Berlin zu testen. Wir schlenderten zu einem veganen Paradies namens Dandy Diner, sahen uns in der Vintageschatztruhe Made in Berlin um und aßen Leckereien bei Yoli Frozen Yogurt.

Das Huawei MediaPad M2 definiert die Welt des Tablets neu. Dank seines neuen, noch reaktionsfreudigeren Displays kannst Du mit einem Stylus schreiben, zeichnen und Apps bedienen. Und erstmalig kannst Du Dich mit dem neuen Fingerprint-Sensor sicher und schnell identifizieren. Mit diesem technischen Wunderwerk machen Ausflüge in den Großstadtdschungel gleich noch mehr Spaß.

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Fotografie: Marlen Stahlhuth
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Sein Name war Peter
Erinnerungen an die erste kleine Liebe
Von Jana Seelig

Das erste Mal verliebt war ich in der dritten Klasse. Sein Name war Peter. Er hatte dunkle Locken, war Fußballer und bewarf mich im Unterricht gerne mit Papierkügelchen, die, wenn man sie auseinander rollte, erkennen ließen, dass er sie aus den Seiten seines Mathematikheftes gebastelt hatte. Das erklärte wohl auch seine schlechten Noten in diesem Fach.

Peter war ein Rebell. Und genau das mochte ich an ihm. Dass er mich auch ganz gerne hatte, hatte ich natürlich längst durchschaut. Zumindest in der Grundschule kann man noch darauf vertrauen, dass an dem Satz „Was sich liebt, das neckt sich!“ wirklich etwas dran ist.

Ich war ein ziemlich schüchternes Kind. Und abgesehen davon fand ich Jungs – zumindest, wenn meine Freundinnen und Eltern mich zu dem Thema befragten – entsprechend meines Alters auch noch ziemlich doof. Es war damals so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass man als bis zu einem gewissen Alter Jungs blöd zu finden hatte – und umgekehrt. In der Realität waren die meisten von uns jedoch bereits im Kindergarten zum ersten Mal so ein ganz wenig verknallt.

Jedenfalls hätte ich niemals den ersten Schritt gemacht und Peter meine Liebe gestanden. Obwohl es natürlich ganz offensichtlich war, dass ich ihn mochte und er mich. Und so flogen fast ein ganzes Schuljahr lang lediglich Papierkügelchen zwischen uns hin und her, oder wir klauten uns gegenseitig das Lineal, was man halt als Kind so macht, wenn man die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich ziehen möchte. Im Nachhinein betrachtet was das Ganze natürlich ziemlich affig, und ich glaube, sowohl Peter als auch ich können heute froh sein, dass uns diese Aktionen keinen Eintrag im Klassenbuch beschert haben.

Gegen Ende des dritten Schuljahres jedoch änderten sich ein paar Dinge. Peter wurde plötzlich ruhig, sah mich kaum noch an. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass meine erste Liebe kein Interesse mehr an mir hatte, als kurz vor den Sommerferien etwas Erstaunliches geschah: Nach einer Stunde Gemeinschaftskunde kam Peter zu mir und legte mir wortlos und ohne mich eines Blickes zu würdigen einen Briefumschlag auf den Tisch.

Meinen Freundinnen war das natürlich nicht entgangen, und so musste ich den Umschlag in der großen Pause vor ihren Augen öffnen und den Inhalt des Briefes laut vorlesen. Es war eine Einladung zu Peters Geburtstagsfeier, die in der letzten Woche der Sommerferien stattfand. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Meinen Freundinnen allerdings gefiel die Sache nicht so gut wie mir. Sie betrachteten es als eine Art Hochverrat, wenn ich zu dieser Feier gehen würde – schließlich kam die Einladung von einem Jungen, und Jungs waren zu dieser Zeit unser allergrößter Feind. Neben Hausaufgaben und unangekündigten Klassenarbeiten, versteht sich.

Das Datum fiel allerdings genau in den Zeitraum, den ich im Familienurlaub in Spanien verbringen würde, wie ich erfuhr, als ich meiner Mutter am Nachmittag Peters Einladung vorlegte. Mein Traum, mit dem aus meiner Sicht tollsten Jungen, den die Welt je gesehen hatte, anzubandeln, war damit wieder einmal geplatzt.

Ich war mir sicher, dass Peter mich nie wieder eines Blickes würdigen würde, wenn ich nicht zu seiner Feier käme – zumal ich wusste, dass er noch ein paar Mädchen aus der Parallelklasse eingeladen hatte, die ihn auch alle toll fanden und sich die Chance, einen ganzen Nachmittag mit ihm zu verbringen, sicher nicht entgehen lassen würden.

Zu Beginn des vierten Schuljahres hatte ich mit dem Thema Peter eigentlich schon abgeschlossen. Ich war sowieso noch viel zu jung für einen Freund, und außerdem hatte ich inzwischen andere Dinge im Kopf, die mich beschäftigten, wie auf welche weiterführende Schule ich wohl gehen würde und wie ich meine Eltern dazu überreden könnte, mir ein Tamagotchi zu kaufen. Außerdem hatte ich gerade mit dem Klavier spielen begonnen und opferte meine gesamte Freizeit dafür auf, Stücke zu lernen, die meiner Klavierlehrerin niemals auf den Notenständer gekommen wären.

Dann kam allerdings meine allererste Klassenfahrt. Und die änderte dann noch mal alles. Wir waren in irgendeinem Landschulheim, gar nicht weit von zuhause entfernt, und wurden von unseren Lehrern jeden Tag regelrecht zum Wandern gezwungen. Es war die Hölle, denn irgendwie hatten wir alle uns unsere erste große Klassenfahrt anders vorgestellt – eben mehr so, wie in den Spielfilmen, die wir aus dem Fernsehen kannten.

Ein Tag jedoch ist mir bis heute in wunderbarer Erinnerung geblieben. Peter und ich hatten seit Wochen kein Wort mehr miteinander gesprochen, doch an diesem einen Tag, lief er bei einer unserer Ausflüge neben mir – und nahm einfach meine Hand. Einfach so, ohne etwas zu sagen. Und ich ließ ihn. Ab diesem Moment kam mir die Wanderung, auf der wir uns befanden, nämlich gar nicht mehr so schlimm vor wie zuvor.

Wir haben zwar nie wirklich darüber gesprochen, aber seit diesem Zeitpunkt waren Peter und ich irgendwie zusammen. Ein Paar, so wie Erwachsene eben auch Paare waren, zumindest in unseren kindlichen Vorstellungen von Paarbeziehungen. Wir schrieben uns im Unterricht gegenseitig Zettel, wie gerne wir uns hatten und in den Pausen hielten wir Händchen. Über diese Art der Zuneigung ging unsere Beziehung nie hinaus – aber wir waren ja auch noch Kinder, und irgendwie war das, was wir hatten, wirklich schön.

Nach den darauffolgenden Sommerferien trennten sich jedoch unsere Wege, weil wir auf unterschiedliche Schulen in verschiedenen Städten kamen. Ein Versprechen, dass wir den Kontakt halten würden, hat es nie gegeben. Es endete so sanft und wortlos, wie es begonnen hatte. Aber irgendwie war das nicht schlimm, sondern auf seine eigene Art und Weise genau richtig. Und ich glaube, es gibt nur wenige Menschen, die von ihrer ersten Beziehung sagen können, dass sie durch und durch schön war, vom Anfang bis zum Schluss. Die von Peter und mir war es.

Vor einigen Tagen habe ich seinen Namen bei Google eingetippt. Und tatsächlich seine Telefonnummer gefunden. Ich hätte ihn gerne angerufen und gefragt, was er heute macht. Wie sein Leben und seine Lieben so verlaufen sind, seit wir uns aus den Augen verloren haben. Ich hab mich aber entschieden, es nicht zu tun, denn ich mag zwar die Erinnerung an ihn – meine allererste Liebe – aber manchmal muss man es genau dabei belassen.

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Non Non Biyori
Das Wohlfühlparadies ist ein Anime
Von Marcel Winatschek

Wer in einer Kleinstadt oder gar auf dem Land aufgewachsen ist, der kennt den Drang, den einen Drang: So schnell wie möglich weg von dort, sobald sich auch nur die irrelevanteste Gelegenheit ergibt, ab in die große Stadt, mit den hohen Häusern und den lauten Partys und den billigen Drogen. Oder so. Hauptsache: Weg, weg, weg. Alles, nur kein Landei sein. Und wenn man es dann endlich geschafft und fünf, zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre im Dschungel der Metropole überlebt hat, dann läuft einem plötzlich „Non Non Biyori“ über den Weg und reißt einen wieder zurück. Zurück in eine grüne, klare Welt, in der alles besser zu sein schien, echter, näher. Eine langsame Welt, die einen bei der Hand nimmt und einem zulächelt.

Die Geschichte ist so öde wie ein ausgedehnter Blick in den Teich. Hotaru geht in die fünfte Klasse und zieht aufgrund des Berufs ihres Vaters von Tokio in das verschlafene Kaff Asahigaoka. Dort trifft sie auf eine sympathische Truppe von noch sympathischeren Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – das war’s, mehr gibt’s nicht zu sehen. In „Non Non Biyori“ findet ihr keine bombastischen Bösewichter, keine explodierenden Tentakel, keine ominösen Zauberkräfte. Nur die schüchterne Hotaru und die zu kurz gewachsene Komari und die freche Natsumi und die winzige Renge, die so spricht, als hätte sie alle paar Sekunden einen Schlaganfall. Renge ist die Beste – das merkt ihr ziemlich schnell.

Jede einzelne Folge ist so herzzerreissend ruhig und unaufgeregt und idyllisch, im Grunde ist die Serie von Atto ein harmonischer Rückzugsort für alle, die überfordert sind, vom Leben, von der Arbeit, von der Liebe. Nichts liegt euch mehr am Herzen, als für ewig dort zu bleiben und das Jahr in dem Dorf zu verbringen, in dem Kaede von allen nur Candy Store genannt wird und Kazuho ständig einschläft und Suguru nicht viel zu sagen hat. Es ist so schön dort, dass ihr gleichzeitig schreien und heulen wollt. Wenn ihr euch damals bereits in so grandiose Serien wie „Missis Jo und ihre fröhliche Familie“ oder „Anne mit den roten Haaren“ oder „Niklaas, ein Junge aus Flandern“ verliebt habt, dann werdet ihr auch „Non Non Biyori“ zu schätzen wissen, als friedliches Paradies, in dem jeder Tag gut ist. Egal, welche Katastrophe dort draußen auch gerade herrschen mag.

Illustration: Kadokawa
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Sexting für Anfänger
Die geheime Kunst der digitalen Nacktfotos
Von Daniela Dietz
Illustration: René Magritte

Alte Leute haben einen besonders kreativen Begriff dafür erfunden, wenn ihr euren Kommilitonen Nacktfotos von euch schickt: Sexting. Und weil sie nicht gerade begeistert davon sind, dass wir uns gegenseitig unsere primären und sekundären Geschlechtsteile zeigen, gibt es immer wieder Aufklärungs- und Medienkampagnen, die uns davon warnen und abhalten sollen, die eigenen entblößten Körper quer durchs Internet zu schicken. Da uns allen klar ist, welchen Nutzen solche Initiativen haben, nämlich gar keinen, und dass sich Professoren, die sich immer wieder laut und öffentlich empören, wahrscheinlich selbst erst mal einen runterholen, wenn sie Fotos ihrer eigenen Studentinnen im Internet entdecken, gibt es an dieser Stelle wertvolle Tipps für digitale Nacktfotos – damit ihr am Ende nicht allzu doof da steht, wenn die halbe Uni sie in die Finger bekommt.

Alle paar Wochen schüttet das Internet mehr schlecht als recht ansehnliche Nacktaufnahmen von irgendwelchen meist drittklassigen Promis vor uns aus, die aussehen, als hätte sie gerade ein Paparazzo durchs Badfenster beim Kacken erschreckt. Mieses Licht, noch miesere Pose, mieseste Auflösung. Wer will denn so in die Geschichte eingehen? Wenn ihr euch schon die Mühe macht, euren unbedeckten Körper zur Schau zu stellen, dann müsst ihr das in einer Art und Weise zelebrieren, die alle anderen umhaut und euch und eure Auffassungen vom Leben niemals wieder in Frage stellt.

Hütet euch also davor, schnell irgendwelche dahin gerotzten Bilder eurer Brüste mitsamt BH-Abdrücken oder der mit Stoppeln, Fusseln und weißem Schmodder bedeckten Muschi zu machen. Schminkt euch, stylet euch, wascht euch und eure Haare. Und rasiert euch, falls ihr nicht gerade zu den Mädchen gehört, die den wärmenden Busch zelebrieren und keine Lust darauf haben, da unten wie eine Grundschülerin auszusehen. Gebt euch einfach ein wenig Mühe, schließlich wollt ihr nicht denselben dilettantischen Fehler machen wie schon so viele andere Leichtgläubige vor euch und am schlimmsten noch zu hastig zwischen zwei wichtigen Terminen auf die unmenschlichste Art und Weise zu Selfies zwingen lassen, die euch im Nachhinein nur noch leid tun können. Denn Reue ist ein schreckliches Gefühl.

Nichts ist peinlicher, als ein Nacktfoto von euch, auf dem ihr ausseht wie ein 80er-Jahre-Pornostar. Werft euch nicht die Schminke und den Lippenstift ins Gesicht, posiert nicht, als würde euch gleich ein Pferd aus einer anderen Dimension von hinten rammeln und leckt euch auch nicht lasziv über den sabbernden Mund. Das will doch niemand sehen! Je natürlicher ist ausseht umso sexuell attraktiver fühlt ihr euch und seid ihr auch für andere. Stellt oder legt euch ganz normal hin, guckt sexy, aber nicht übertrieben, und seht von bescheuerten Gesten wie dem Duckface, Posen aus Kinofilmen oder dem in die Kamera gestreckten Peace-Zeichen ab.

Wer selbst auf Nackedeibildern selbstbewusst und auf eine natürliche Art und Weise sexy rüberkommt, der gewinnt sowohl den Respekt des Betrachters als auch seinen eigenen. Sich ausziehen und davon Bilder machen, das kann wirklich jeder. Die Magie eures entblößten Körpers rüberbringen, das schaffen allerdings nur sehr wenige. Selbst Mädchen mit dem schönsten Körper, den krassesten Augen und dem heißesten Lächeln sind bereits über eine Sache gestolpert: Ihr ätzendes Zimmer. Denn auf den Fotos, die ihr so in die Welt pustet, seid nicht nur ihr selbst zu sehen, sondern auch euer schonungslos dargestelltes offenes Leben.

Dreckige Unterwäscheberge am Boden, versiffte Fantaflaschen auf dem vollgemüllten Schreibtisch, uralte rosa Teddybären auf dem Schrank, peinliche Kinderfotos aus der Vorschule an der Wand und am besten auch noch euren vibrierenden besten Freund auf dem Bett – mit dem Sexting verratet ihr manchmal mehr als ihr überhaupt wollt. Versichert euch also entweder, dass ihr eine Stelle in eurem Zimmer findet, die nicht aussieht, als ob gerade der Dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre oder flüchtet gleich in einen anderen Raum – am besten das Bad. Und wenn ihr euch dafür entscheidet, euch durch einen Spiegel zu fotografieren, dann putzt ihn vorher! Schlieren und Flecke wurden schon so mancher Schwester zum Verhängnis.

Wer, warum auch immer, immer noch mit seinem aufklappbaren und fast schon auseinander fallenden Razr von Motorola herum rennt, der weiß, wie beschissen die eingebaute Handykamera ist. Und alles, was ihr damit fotografiert, sieht auch beschissen aus. Was für euch wiederum bedeutet: Euer Körper sieht beschissen aus. Entweder ihr setzt beim Sexting auf die neueste Technik, also das brandaktuelle iPhone, ein sehr gutes Android-Handy oder am besten gleich eine teure Spiegelreflexkamera, oder auf das genaue Gegenteil: Analog, also zum Beispiel das gute alte Polaroidformat, das euch gleich noch kreativer aussehen lässt. Sexting? Nein: Das ist fuckin‘ Kunst!

Pixelige Bilder eurer Fotze mögen zwar so manches Detail verstecken, aber im Grunde bedeutet das nur eins: Am Ende wissen alle, dass ihr Nacktfotos verschickt habt, das Problem ist nur: Ihr seht auf ihnen aus wie im Jahr 2003. Und das wollt ihr euch nun wirklich nicht antun. Besonders nicht euch selbst. Wer zum ersten Mal in seinem Leben ein Nudeselfie macht, der dürfte ein wenig mit den Möglichkeiten der Entblößung überfordert sein. Wie viel zeige ich? Was zeige ich? Wie nah zeige ich es? Muss mein Gesicht mit drauf sein? Steht irgendwer da draußen auf meine seltsam geformten Füße?

Gleich vorweg: Fotos eures Körper, auf dem ihr das Gesicht aufgrund einer scheinbaren Anonymität abgeschnitten habt, scheinen zwar am Anfang am logischsten zu sein, aber die wirkliche Erotik entfaltet sich erst, wenn man auch eure Augen sehen kann. Die sind nämlich der Schlüssel zur digitalen wie, wenn wir mal ganz ehrlich sind, auch analogen Sexualität. Aber ihr müsst euch nicht gleich breitbeinig eine mutierte Zucchini durch eure gedehnten Schamlippen in den Uterus prügeln, um auch nur irgendeinen Hauch von Aufmerksamkeit zu erregen. Fangt klein an, zeigt erst mal nur einen Nippel – und wenn ihr euch danach noch wohl fühlt, womöglich mehr. Lasst euch auf keinen Fall hetzen, weder von euch selbst noch von eurem notgeilen Gegenüber.

Jawohl, die Verlockung ist nicht gerade klein, dass ihr eure ewigen Fettröllchen, die Schwangerschaftsstreifen oder die jetzt schon auftretende Cellulite nach der Aufnahme mit Photoshop wegpinselt, aber das Problem an der Sache ist, dass keiner von euch das wirklich drauf hat. Am Ende verbiegt sich nämlich der Hintergrund – und das ist peinlich. Arbeitet von vornherein so, dass alle Problemzonen, die ihr womöglich verstecken wollt, nicht unbedingt sichtbar sind. Und sucht euch eine vorteilhafte Pose auf, bei der nicht eure ganze Wampe über dem Stuhl klebt oder beide Hängebrüste, warum auch immer ihr die jetzt schon habt, nach links und rechts schaukeln.

Wenn ihr wollt, könnt ihr entweder einen Instagram-Filter verwenden, um die Kontraste und Farbstufen so hinzudrehen, dass ihr besser ausseht – oder ihr setzt gleich auf Schwarz und Weiß. Wenn euer kleiner Bruder dann eure Bilder im Netz entdeckt, könnt ihr wenigstens zu eurer Verteidigung sagen, dass ihr die Aufnahmen für ein Kunstprojekt erstellt habt. Oder so. Macht am besten so viele Fotos von euch wie nur irgendwie möglich, mit verschiedenen Gesichtsausdrücken, Posen, Winkeln. Einmal mit und einmal ohne Selbstauslöser, einmal von nah, einmal von fern. Danach könnt ihr in Ruhe aussuchen, welche Bilder ihr freigeben wollt und welche in die Umlaufbahn geschossen werden.

Seid sehr sorgfältig dabei und achtet bei den ausgewählten Fotos auf jedes nur erdenkliche Detail. Denn ihr müsst bedenken: Jede dieser kleinen Zeitbomben kann theoretisch genau DAS Bild sein, das euch am Ende in den gerade entblößt in die Kamera gehaltenen Arsch beißt – und ihr müsst hundertprozentig dazu stehen können. Löscht am besten alle Originalaufnahmen, die ihr nicht benötigt, für immer von eurer Kamera, eurem Handy und eurem Computer. Und eurem USB-Stick, eurem CD-Rohling und euer Diskette. Und aus der Cloud. Nicht dass am Ende noch der gesamte Ordner „Meine Pussy 2020“ auf dem nächsten Universitätscomputer auftaucht.

Seid ihr in dem Bereich bereits etwas fortgeschritten, dürft ihr euch gerne kreativer werden. Irgendwann hat man nämlich keine Lust mehr darauf, blöd vor seinem Spiegel zu stehen und ein stumpfes Vollbildfoto von seiner Statur nach dem anderen zu machen. Selfies können schließlich so viel aufregender sein als nur das. Egal, ob ihr den nahegelegenen Wald fahrt, um dort nur in Socken auf einem Baum zu sitzen, eine noch nie da gewesene FKK-Reise durch Südostasien veranstaltet oder euch in euer Lieblingsnerdkostüm presst, nur um an den richtigen Stellen freie Sicht aufs Wesentliche zu erlauben: Sexting kann Spaß machen!

Und ihr müsst euch auch nicht alleine mit der Kamera vergnügen – holt eure allerbesten Freunde dazu, euren gerade mal wieder aktuellen Liebhaber oder euer gerade frisch herausgeploppte Katzenbaby, solange ihr nichts Verbotenes mit dem kleinen Bündel anstellt – das kommt dann eher weniger gut bei der breiten Masse da draußen an. An wen auch immer ihr die Teile letzten Endes verschickt, ihr könnt euch sicher sein: Früher oder später tauchen sie im Internet auf! Entweder, weil euer Exfreund sauer auf euch ist und in einem notgeilen Moment Rachepornos auf YouPorn hoch lädt, weil durch die ständige Synchronisierung mit euren Geräten jeder kleine Mist automatisch ins Netz gesaugt wird – oder weil ihr einfach das falsche Bild auf Facebook veröffentlicht.

Deswegen sind drei Dinge besonders wichtig. Erstens: Ihr dürft kein Problem damit haben, dass euch andere Menschen nackt sehen – egal ob eure Kollegen, eure Freunde oder eure Familie. Zweitens: Ihr müsst euch sicher sein, dass ihr nur Fotos verschickt, hinter denen ihr zu 100 Prozent steht. Und drittens: Seid mental darauf vorbereitet. Es ist nicht das Ende der Welt, wenn wildfremde Menschen eure Titten sehen. Schließlich haben 50 Prozent der Weltbevölkerung und nicht gerade wenige fette Typen ebenfalls Brüste (und zwar meistens hässlichere…) – und Muschis sind eigentlich auch nichts Besonderes. Lasst euch auch nicht mobben! Die meisten, die euch verarschen, haben selbst am meisten Probleme mit sich selbst. Am besten ignoriert ihr sie knallhart und lebt mit einer neuen Erfahrung im Gepäck ein sexuelles erfüllteres Dasein weiter.

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Lauren Isenberg
Das Mädchen mit den Sommersprossen
Von Annika Lorenz

Wenn ihr Lauren Isenberg, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Renforshort, fragt, welche Art von Musik sie macht, könnte euch ihre Antwort überraschen. „Geschmacklich seltsam“, wird sie dann nämlich sagen. Und doch wäre kein akademischer Meister der Linguistik besser geeignet, um die persönliche Marke des rätselhaften aufsteigenden Popstars zu charakterisieren, die zutiefst nachdenklich und doch unbestreitbar verwandt mit dem Alt-Pop links von der Mitte ist.

Die aus Toronto stammende, im geradezu makellos zutreffenden Sinne des Wortes wunderbare 17-jährige Sängerin und Musikerin war zum Popstar bestimmt, lange bevor sie ihren ersten Plattenvertrag in der Tasche hatte. Inspiriert von der Arbeit musikalischer Ikonen wie Bob Dylan, über den Renforshort sich weise wie folgt erinnert: „Als ich aufwuchs, sagte mein Vater immer, er sei der beste Songschreiber der Welt“, und die im Jahr 2011 verstorbene Souldiva Amy Winehouse sowie von atmosphärischen und emotionalen Filmen wie „Coraline“ und „Call Me By Your Name“, war ihre kreative Kindheit vollgepackt mit Klavier- und Gesangsunterricht, Musiktheater, Filmen und dem Schreiben von Geschichten – Aktivitäten, die von der künstlerisch veranlagten Familie der jungen Künstlerin vollends gefördert wurden.

Obwohl Renforshort sich schon immer für Gesang interessierte, war es während einer glücklichen Open-Mic-Nacht im Jahr 2016, als die 14-jährige Kanadierin erkannte, dass sie wirklich dazu bestimmt war, Musik zu machen. Anfang 2019, nur wenige Jahre nach ihrer Offenbarung am Mikrofon, veröffentlichte Renforshort ihre Debütsingle „Waves“, eine atmosphärische, wehmütige Ode an die aufkeimende Romantik. Aber es dauerte nur ein paar Monate, bis sie in die oberen Ränge des digitalen Ruhmes katapultiert wurde, als ihre zweite Single, das verdrehte Liebeslied „Mind Games“, dank ihres unerwartet kantigen Tons, ihres sofort eingängigen Hooks und ihres unheimlichen, von Tim Burton inspirierten Musikvideos viral ging. Und nun warten wir eigentlich nur noch darauf, dass Lauren Isenberg ein Superstar wird. Genug Talent dafür hat sie auf jeden Fall.

Fotografie: Universal Music
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Mark Forster
Die deutsche Popkultur ist nicht mehr zu retten
Von Marcel Winatschek
Illustration: Benjamin Kakrow

Wenn das Deutschland ist, dann möchte ich mit dieser Nation nichts mehr zu tun haben, denke ich mir, als zum zwölften Mal hintereinander die nervige Telekom-Werbung für ein Konzert mit dem als hippen Kappenträger verkleideten Schlagersänger Mark Forster läuft. Dabei wollte ich doch nur Pamela Reifs neuestes Fitnessvideo auf YouTube schauen – aus Gründen, die genau so wenig mit Gesundheit, Sport und richtiger Ernährung zu tun haben, wie der doppelt belegte Dürümdöner, extra scharf und mit Käse obendrauf, den ich mir währenddessen so weit wie nur irgendwie menschlich möglich in den weit aufgerissenen Mund schiebe.

Nazis, Verschwörungstheoretiker und hustende Impfgegner sind noch nicht schlimm genug, um dieser Nation endgültig den Rücken zu kehren, aber Mark Forster, nein, das geht gar nicht, da schüttelt es mich ganz tief drin, da wird sogar ein gewagter Sprung aus dem offenen Küchenfenster mit jedem weiteren Takt, mit jedem weiteren Wort attraktiver. Mark Forsters Musik, wenn man das so nennen möchte, kommt künstlerisch gesehen gleich nach Hüttenkäse mit Schnittlauch. Lediglich das Altpapier zum lokalen Wertstoffhof zu fahren, sich einen Parkplatz zu suchen, auszusteigen, den Kofferraum zu öffnen, das Bündel an vergilbten Zeitungen, Magazinen und Pornoheftchen auszuladen und anschließend in den korrekten Container zu werfen, bevor man zwei, drei Sätze über’s Wetter mit dem hiesigen Stadtangestellten austauscht, ist noch langweiliger – obwohl ich für diese kecke Behauptung gerne eine wissenschaftliche Grundlage hätte, bevor ich mich da endgültig festlege.

Wenn irgendwer mich fragt, warum die deutsche Popkultur nicht im Entferntesten so erfolgreich ist wie die amerikanische, die britische, ja selbst die südkoreanische, dann spiele ich ihnen „194 Länder“ von Mark Forster vor und sie verstehen es, das Leid, die Ohnmacht, die kreative Dystopie, die dieses, naja, Machwerk ausstrahlt. Ihr Blick senkt sich, ein kurzes Nicken, ein schwerer Seufzer, bevor sie mit ihren Platten von Kendrick Lamar, Dua Lipa und BTS unter’m Arm zurück in die künstlerische Zivilisation flüchten – Hauptsache fort von hier, diesem schwarzen Loch der medialen Diversität, so schnell wie nur irgendwie möglich. Bei Mark Forster fühlt man sich, als würde einen der eigene Onkel unsittlich im Schritt berühren, während er einem leise „Du bist toll!“ ins Ohr haucht. Und man fragt sich selbst: Ist das jetzt noch Missbrauch oder schon die neue Normalität?

Seitdem ich meine ersten drei englischen Wörter gelernt habe, „Dog“, „Tree“ und „Cockcumcunt“, möchte ich Deutschland den Rücken kehren. Die Inspiration strahlt vom Westen, vom Osten, vom Norden, vom Süden herüber, aber eines ist sicher: Hier ist sie nicht. Hier gibt es nur Schwarzbrot, RTL und Mark Forster. Aber je weiter es mich fort zieht, desto stärker pocht mein Drang auf Heimat. Und mit Heimat meine ich sicherlich keine Werte, keinen Stolz und auch keine Parolen. Heimat, das ist für mich die Techno-CD der Schlümpfe, das sind die mehr schlecht als recht synchronisierten Animes auf RTL 2 und das ist bei McDonald‘s gleichzeitig sowohl vom nachfolgenden Kunden als auch vom ungeduldigen Kassierer angeschnauzt zu werden, weil man mal einen mutigen Tag hatte und wissen wollte, was das bitte für eine weiße Sauce auf dem ranzigen Aktions-Big-Mac ist.

In Deutschland ist nichts, aber auch gar nichts cool. Filme, Serien, der 08/15-Ich-ficke-deine-Mutter-Hip-Hop – selbst mongolische YouTuber sind wahrscheinlich interessanter als das, was sich innerhalb unserer Grenzen auf dieser kontinuierlich als zukunftsweisend titulierten Plattform eigenständig aus einem Pool von heute vollkommen irrelevanten Amateurkomikern heran gezüchtet hat und nun von einer ganzen Generation an Medienschaffenden zunächst gefürchtet und anschließend gefeiert wird, fast so, als würde sie am digitalen Stockholm-Syndrom leiden.

Rezo sagt einmal etwas über die amtierende Bundeskanzlerin und wird anschließend durch jede Talkshow mit mehr als fünf auf den ersten Blick noch lebenden Zuschauern geschleift, weil er ja die politisch und gesellschaftlich kritische Stimme der Jugend ist – und von der darf es schließlich nur eine geben, mehr können sich die langsam dahin rottenden ZDF-Zuschauer nämlich nicht merken. Der Typ mit den blauen Haaren, das muss reichen. War da nicht noch eine, die das Klima retten wollte? Ach, egal. Von Instagram, Twitter und TikTok möchte ich erst gar nicht anfangen, da haut schließlich jeder drauf, der mehr als drei Minuten im Internet verbracht hat – und zwar zurecht.

Deutschen Schauspielern sieht man in jeder einzelnen Sekunde an, dass sie lieber auf der Theaterbühne stehen würden, als sich hier für den dreiundzwölftigsttausendsten Tatort niederschießen zu lassen. Aber was willste machen? Die ARD zahlt halt besser als die Wald-und Wiesen-Schaubühne in Buxtehude. Über das deutsche Fernsehen an sich wird seit seiner Entstehung geschimpft, auch und gerade von den Menschen, die es machen. Ein weiteres Wort darüber zu verlieren, das wäre, als würde man das sprichwörtliche tote Pferd treten, drauf spucken und dann einen dämlich grinsenden TikToker drüber tanzen zu lassen.

Mit dieser digitalkritischen Anmerkung möchte ich im Übrigen nur beweisen, dass ich am Anfang des Jahres gelernt habe, welche neue, hippe Social-App die 12- bis 12-½-Jährigen heutzutage verwenden, um für 15 Sekunden Ruhm halbnackt in ihren mit Ikea-Möbeln zubetonierten Kinderzimmern herum zu hampeln. Anfang nächsten Jahres wird das schon wieder eine andere Applikation sein, das ist schließlich der unaufhaltsame Kreislauf der sozialen Medien.

So zu tun, als würde man sich nur am Rande mit der voran schreitenden Evolution der digitalen Revolution befassen, anstatt zuzugeben, dass man einfach nur zu alt, zu fett und zu hässlich ist, um auf diesen neuen Plattformen etwas zu reißen, und sich deshalb Nacht für Nacht mit einer Packung Schokoladeneiscreme im Arm leise in den Schlaf weint, ist übrigens genauso traurig wie öffentlich immer und immer wieder breitzutreten, dass man keinen Fernseher besitzt, Facebook gelöscht hat oder Brot ab jetzt selbst backt, weil man das ja immer schon mal machen wollte. Warum auch immer.

Menschen, die zu Hause Brot backen, das sind diejenigen, die währenddessen Mark Forsters neues Album laufen lassen, seinen pseudoweisen Worten lauschen, zuhören, mitwippen. „Mann, wann seh‘ ich dich endlich? Ich schick‘ ’n Herz in Rot zu dir!“ Wow, so romantisch, der Mark. „Manches kommt und geht und kommt nie mehr, und dadurch ist es noch mehr wert!“ Wow, so tiefsinnig, der Mark. „Ich sag‘ dem alten Leben Tschüss, Affe tot, Klappe zu, wie die Kinder in Indien, ich mach‘ ’n Schuh!“ Wow, so… ähm… okay, das ist selbst mir zu hoch.

Ich möchte den Leuten, die sich freiwillig ein komplettes Album von Mark Forster anhören, von vorne bis hinten, die auf seinen Konzerten zustimmend mit dem Kopf nicken, die sich dabei an den Freund oder die Freundin kuscheln und sich endlich durch und durch verstanden fühlen, die philosophische Vollkommenheiten wie „Wir sind für immer, forever, von jetzt an bis zum Schluss, ich geh nicht mehr weg, never ever, bin bei dir, wenn wer mich sucht!“ mitgrölen und es auch so meinen, tief in die Augen schauen, direkt in ihren Kopf, und wirklich, ganz ehrlich verstehen, welche fatalen Entscheidungen sie in ihrem Leben getroffen haben, um jetzt, hier, vor dieser Bühne zu stehen, und den einlullenden Lebensweisheiten von Mark Forster zuzuhören, anstatt wortwörtlich irgendetwas anderes zu erleben. Irgendetwas. Irgend. Etwas.

Sie hätten, im wahrsten Sinne des Wortes, alles andere auf diesem Planeten und darüber hinaus machen können, aber nein, sie haben sich bewusst dazu entschieden, Tickets übers Internet zu kaufen, mit drei, vier Freunden in ein Auto zu steigen, ins Deutsche Eck nach Koblenz zu fahren, sich zwei Stunden lang Lieder wie „Übermorgen“, „Chöre“ und „Wir sind groß“ anzuhören, und das auch noch gut zu finden, und anschließend am besten noch ein Tour-T-Shirt und ein Poster käuflich zu erwerben, damit auch ja alle übrig gebliebenen Freunde, Kollegen und Bekannten mitbekommen, dass sie bei Mark Forster waren. Und anstatt sich dafür zu schämen, sind sie auch noch stolz drauf.

Im Groben und Ganzen trägt genau diese in allen erdenklichen Faktoren durchschnittliche Einstellung der jedes Jahr für eine Woche nach Mallorca, und wenn sie tollkühn sind, auch mal nach Thailand fliegenden Bankangestellten dazu bei, dass die deutsche Popkultur nicht mehr zu retten ist. Und mir geht es dabei gar nicht um den Mainstream oder dass nur diejenigen tolle Menschen sind, die sich psychedelischen 70er-Jahre-Underground-Rap-Metal aus Finnland anhören, weil nur der einem den Sinn des Lebens klar macht.

Mark Forster ist, genau wie Helene Fischer und Andrea Berg vor ihm, der absolute Nullpunkt derjenigen, die in ihrem Leben niemals auch nur einen Millimeter über den kulturellen Tellerrand geschaut haben. Die sich ihren Musikgeschmack von Spotify, Antenne Bayern und dem Kulturressort von Omas Fernsehzeitung diktieren lassen, die das Erstbeste in ihre seichte Persönlichkeit aufgenommen haben, was ihnen an den Kopf geworfen wurde: eine harmlose Poprockschlagerscheiße, die so knapp an der kreativen Flatline vorbei schrammt, dass selbst das Besetztzeichen im Telefon aufregender ist.

Wenn du nachmittags eine Stunde lang durchgängig Radio hören kannst, von einer Nachrichtensendung bis zur nächsten, ohne vollkommen verrückt zu werden, ohne den langsam in dir aufsteigenden Drang zu verspüren, den Empfänger aus dem Auto zu reißen oder aus dem Großraumbüro, in dem du irgendwie gelandet bist, zu werfen, dann weißt du, dass dein Leben vertan ist, dass du niemals etwas Bedeutungsvolles schaffen oder erreichen wirst, dass du den gleichen Weg gehst, den schon Millionen vor dir gegangen sind, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, dass man vielleicht nicht immer nur geradeaus laufen muss, sondern auch mal eine der unzähligen Abzweigungen nutzen könnte. Aber das wäre viel zu riskant, wer weiß, was da auf einen wartet. Also hörst du lieber weiter Mark Forster, auf den man nur trifft, wenn man in seinem kläglichen Dasein niemals auch nur den Hauch eines Risikos eingegangen ist, und hast dich längst an diese unsittliche Berührung irgendwo tief in deiner in Mittelmäßigkeit ertrinkenden Seele gewöhnt. Oder wie Mark es philosophisch versiert ausdrückt: Da fährt ein Bus.

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