Die Ära der leuchtenden Katzen:

Die Ära der leuchtenden Katzen - So krass sollen Menschen in 10.000 Jahren vor dem Atommüll gewarnt werden

Kennt ihr das, wenn ihr dank YouTube, Reddit & Co. auf ein total seltsames Thema trefft und dann Stunden damit verbringt, euch alles dazu anzusehen und durchzulesen, bis euch am…
Die Ära der leuchtenden Katzen

So krass sollen Menschen in 10.000 Jahren vor dem Atommüll gewarnt werden

Kennt ihr das, wenn ihr dank YouTube, Reddit & Co. auf ein total seltsames Thema trefft und dann Stunden damit verbringt, euch alles dazu anzusehen und durchzulesen, bis euch am Ende nerdiger Sabber aus den Mundwinkeln tropft? Mein neuestes Lieblingsthema des Tages nennt sich “Atomsemiotik” und ist eine Wissenschaft, die sich damit auseinander setzt, wie Menschen in 10.000 Jahren vor den Atommülllagern dieser Welt und ihrem gefährlichen Inhalt gewarnt werden sollen, wenn man davon ausgeht, dass sie weder unsere heutigen Sprachen noch Gefahrensymbole verstehen.

Die Atomsemiotik könnte quasi aus dystopischen Science-Fiction-Geschichten stammen, aber sie ist so reell, dass es einem einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Seit Jahrzehnten zerbrechen sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt den Kopf darüber, wie zukünftige Generationen zum Beispiel davon abgehalten werden können, auf dem verseuchten Gelände des Waste Isolation Pilot Plant, auch WIPP genannt, im amerikanischen New Mexico zu graben, zu bohren, sich dort niederzulassen oder in das Innere einzudringen. Und bei den Ideen ist wirklich alles dabei, was die moderne Science-Fiction hergibt. Von riesigen pfahlartigen Monolithen, die quer über das Gelände verteilt werden, über genmanipulierte Katzen, die bei Radioaktivität leuchten, bis hin zu einem Atompapst, der gemeinsam mit seiner Gefolgschaft die Gefahren des nuklearen Schreckens predigt.

Eine Gruppe, die aus Wissenschaftlern, Autoren und Philosophen bestand, erarbeitete im Jahr 1991 konkrete Vorschläge, wie die Menschen in der Zukunft davon abgehalten werden könnten, das Waste Isolation Pilot Plant zu betreten – und zwar in Form diverser Nachrichten, die Eindringlinge nach und nach warnen sollten. Die ersten Nachrichten wären großflächige Erdwerke, die die Form des traditionellen, dreistrahligen Radioaktivitäts-Symbols oder die Form eines Totenkopfes haben könnten. Alternativ kamen unregelmäßige, nach außen zeigende Wälle in Frage. Sie würden vermitteln, dass es sich um eine Nachricht handelt, dass die Absender die Nachricht für wichtig halten und sich selbst für mächtig. Außerdem hätten sie das Ziel, den Ort als negativ und gefährlich zu markieren.

An den Erdwerken oder in ihrem Inneren würden Monolithe errichtet, auf denen Nachrichten weiterer Stufen angebracht sind. Die zweite Stufe wäre eine kurze schriftliche Warnung verbunden mit Symbolen von zwei Gesichtern mit stark negativem Ausdruck: Ein Gesicht, das an Edvard Munchs Bild Der Schrei angelehnt ist, sowie ein symbolisches Gesicht, das Irenäus Eibl-Eibesfeldt als Ausdruck von Übelkeit entworfen hat. Die beiden nächsten Stufen wären detaillierter und enthielten ausführliche Texte zur Art der Gefahr, verbunden mit hoch komplexen Symbolen und Diagrammen, die einer entwickelten Zivilisation auch ohne gemeinsame Sprache Informationen über die Gefahr, ihren Ort und ihre Dauer vermitteln sollten.

Den Designern war wichtig, dass in ihrem Entwurf das Zentrum leer bliebe: „Für Menschen ist das Herstellen eines Zentrums (Wir sind hier) der erste Akt des Ordnens im Chaos. Ein Zentrum war immer ein hoch geschätzter Ort. In diesem Projekt wollen wir diese symbolische Bedeutung umkehren und vermitteln, dass dieses Zentrum kein Ort von Privilegien, Ehre oder Wert ist, sondern sein Gegenteil. Dieses Zentrum ist unbewohnt, verachtet, eine Leere, ein Loch, ein Un-Ort.” Doch würde so etwas ausreichen, um Menschen, die Radioaktivität womöglich nicht einmal messen können, vor ihrer Gefahr zu warnen? Schließlich haben wir keine Ahnung davon, wie kulturell anders zukünftige Generationen sein können. Wir lassen uns auch nicht von irgendwelchen uralten Warnungen davon abbringen, unserem Forscherdrang nachzugeben. Das Totenkopfsymbol zum Beispiel stand früher für Tod und Verderben, heute eher für Piraten, Schätze und Abenteuer.

Im Bericht der Arbeitsgruppe wurden Vorstellungen von kulturellen Brüchen und technischem Wandel zusammengestellt, darunter auch solche, die in der Literatur als “fantastisch” bezeichnet wurden. Geopolitische und sprachliche Veränderungen, Bevölkerungswanderungen und globale Katastrophen wurden gleichermaßen diskutiert wie eine “Feministische Welt”, in der „Wissenschaft des 20. Jahrhunderts als fehlgeleitete, epistemologische Arroganz von aggressiven Männern“ abgewertet wurde. Markierungen und Warnungen am Endlager würden „als Beispiel für minderwertiges, ungeeignetes und verqueres männliches Denken“ ignoriert. Ein weiteres Szenario umfasste eine Welt des radikalen Relativismus basierend auf Thomas S. Kuhn und Herbert Marcuse. In dieser Welt würden Menschen die Warnungen als für ihre Gesellschaft bedeutungsloses Ergebnis einer inkommensurablen Perspektive betrachten. Das Future Panel verwies in seiner Arbeit auf die generellen Schwächen von lokalen Markierungen, deren dauerhaftes Verständnis nicht vorausgesetzt werden könnte.

Für den Fall, dass dennoch Teile unserer Sprache auch in Zukunft noch verständlich sind oder von findigen Wissenschaftlern dechiffriert werden könnte, würden vor und in dem Atommülllager auch Tafeln mit Warnungen verewigt werden. Auf ihnen würde folgender Text stehen: “This place is a message… and part of a system of messages …pay attention to it! Sending this message was important to us. We considered ourselves to be a powerful culture. This place is not a place of honor… no highly esteemed deed is commemorated here… nothing valued is here. What is here was dangerous and repulsive to us. This message is a warning about danger. The danger is in a particular location… it increases towards a center… the center of danger is here… of a particular size and shape, and below us. The danger is still present, in your time, as it was in ours. The danger is to the body, and it can kill. The form of the danger is an emanation of energy. The danger is unleashed only if you substantially disturb this place physically. This place is best shunned and left uninhabited.”

Erst im Jahr 2133, wenn das Endlager WIPP gefüllt und verschlossen ist und weitere 100 Jahre eines „aktiven Monitorings“ vergangen sind, sollen Pläne zur Abschreckung zukünftiger Generationen umgesetzt werden. Ideen werden jedenfalls weiterhin gesammelt. Von Kinderliedern, die vor Nuklearblumen warnen, über einen gigantischen schwarzen Monolithen, der auf das Gelände gesetzt wird, bis hin zu einer verwirrenden Struktur im Inneren des Lagers, das Eindringlinge verschrecken soll, ist alles dabei. Erst vor zwei Jahren gewannen zum Beispiel Tei Carpenter, Arianna Deanne und Ashley Kuo den ersten Preis bei einem dazu gehörigen Wettbewerb. Sie wollen das Gelände dank Kohlenstoffdioxid in unnatürliche Formen und grelle Farben verwandeln und so auch unsere ahnungslosesten Nachfahren davon abhalten, jemals einen Fuß in das Endlager zu setzen…

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