Nicht allein sein:

Nicht allein sein - Die Suche nach einem neuen Freund hat in meinem Leben oberste Priorität

Gestern rief mich meine beste Freundin an und erzählte mir, dass sie und ihr Freund, mit dem sie seit etwa neun Monaten zusammen ist, in Zukunft auf Verhütung verzichten werden.…
Nicht allein sein

Die Suche nach einem neuen Freund hat in meinem Leben oberste Priorität

Gestern rief mich meine beste Freundin an und erzählte mir, dass sie und ihr Freund, mit dem sie seit etwa neun Monaten zusammen ist, in Zukunft auf Verhütung verzichten werden. Im ersten Moment hielt ich das für einen schlechten Scherz, doch dann wurde mir bewusst, dass die beiden sich wirklich ein gemeinsames Kind wünschen. Und damit sind sie nicht die einzigen in meinem Freundeskreis. Gefühlt ist jeder meiner Bekannten gerade mit Verlobungen, dem Feiern von opulenten Hochzeiten oder dem Zeugen und Gebären von Nachkommen beschäftigt.

Nur ich sitze hier und masturbiere. Was mir zwar große Freude macht, immerhin habe ich im Gegensatz zu einigen meiner Bekannten dadurch regelmäßig fantastische Orgasmen. Doch irgendwie steigt in mir langsam aber sicher das Gefühl auf, dass ich mit den perfekten Leben meiner perfekten Freunde, die die perfekten Jobs haben und jetzt auch noch die perfekte Familie gründen, nicht mehr mithalten kann. Eben weil ich Single bin, zu viel masturbiere und meine Tage und Nächte lieber in irgendwelchen Clubs verbringe, statt mich ernsthaft mit der Suche nach einem geeigneten Nebenjob oder – Gott bewahre – dem Abschluss meines Studiums zu beschäftigen.

Damit wird allerdings nun Schluss sein. Denn gestern Abend habe ich beschlossen: Die Suche nach einem neuen Freund wird bei mir ab sofort oberste Priorität haben. Ich habe nämlich wirklich keine Lust darauf, mich länger als Aussätzige zu fühlen, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommt und keinen Partner länger halten kann als ein paar unverbindliche Nächte. Ich will nicht mehr die sein, die ihre verlobten und verheirateten Freunde damit unterhält, dass ihr auf der Clubtoilette ein völlig fremder Typ das Arschloch geleckt hat, während sie eine Line Koks geballert hat. Ich will endlich auch eine richtige Beziehung, mit der ich angeben kann und um die ich von meinen wenigen Single-Freundinnen beneidet werde.

Meine erste Amtshandlung, nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, ab sofort meinen gesamten Fokus auf die Suche nach einem neuen festen Freund zu legen, war also, Tinder und die ganzen anderen Hook-Up-Apps zu deinstallieren und mich bei einem etwas elitäreren Partnervermittlungsdienst anzumelden. Richtig, die Rede ist von OkCupid. Da kann man nämlich ganz gezielt nach Leuten suchen, die auch an einer festen Partnerschaft interessiert sind und sich so bald wie möglich fortpflanzen möchten. Gemeinsame Interessen zu haben ist für eine Beziehung sowieso essenziell, und jemand, der nur mit mir ins Bett möchte, kommt mir jetzt, da ich mich dazu entschieden habe, mir einen echten Partner zu angeln, nicht mehr in die Bude.

Leider bedeutet das auch, dass ich die drei Affären, die ich gerade am Laufen habe, irgendwann in den kommenden Tagen (oder Wochen) beenden muss. Von denen sind alleine zwei schon deshalb kein Heiratsmaterial, weil sie bereits Ehefrauen zuhause sitzen haben, die nichts von ihren Abenteuern mit mir wissen, und der andere kommt nicht infrage, weil er zu hässlich und dumm ist, als dass sich aus seinem Erbgut noch irgendetwas Vernünftiges machen ließe. Aber wer wie ich auf der Suche nach einer richtigen Beziehung ist, der muss sich eben auch selbst optimieren, und dazu gehört nun mal, dass ich alten Ballast (sprich: alte Affären und Männer, die mir nicht mehr taugen) abwerfe und hinter mir lasse. Auch, wenn es schwerfällt.

Dazu kommt, dass ich mir mit der Feierwut, die ich in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren, an den Tag gelegt habe, optisch natürlich so überhaupt gar keinen Gefallen getan habe. Obwohl ich noch nicht einmal annähernd 30 bin, haben sich auf meiner Stirn und neben meinen Augen bereits kleine Falten gebildet – von den eitrigen und rot glänzenden Pickeln, mit denen ich immer noch zu kämpfen habe, mal ganz abgesehen. Meine Fuckbuddys hat das nie weiter gestört, aber die wollten genau wie ich ja auch nur das Eine. Jetzt, wo ich auf der Suche nach einer ernsthaften Partnerschaft bin, kann ich es mir selbstverständlich nicht mehr leisten herumzulaufen wie das asoziale Drogenopfer, das ich in Wirklichkeit bin. Während ich also diesen Text tippe, entfaltet auf meinem Gesicht hoffentlich die Anti-Pickel-Maske endlich ihre Wirkung. Was die nicht bereinigt bekommt, wird später dann unter einer ordentlichen Schicht Camouflage-Make-Up verdeckt. Ich habe heute Abend nämlich bereits das erste Date mit meinem potenziellen Ehemann.

Weil ich aber nicht komplett bescheuert bin und glaube, dass der erstbeste Typ, den ich auf OkCupid aufgerissen habe, tatsächlich der Mann meiner Träume ist, habe ich mir für die kommenden zwei Wochen jeden Abend ein Date organisiert. Dafür hab ich unter anderem all meine Freundinnen und Freunde angeschrieben, die einen Single-Mann im erweiterten Freundeskreis haben, und sie gebeten, mir Dates mit diesen zu organisieren. Das hat ganz wunderbar geklappt. Das Internet allein hat nämlich leider nicht genug Typen hergegeben, die Zeit und Lust hatten, sich auf ein ernsthaftes Date mit mir zu treffen und nicht nur zum Poppen und Kiffen. Weil mir die Sache mit der Beziehung aber durchaus sehr ernst ist, war es mir wichtig, mich die nächsten zwei Wochen ausschließlich mit der Partnersuche zu beschäftigen.

Leider ist mein letztes ernsthaftes Date nun doch schon eine ganze Weile her. Wie gesagt, ich war lange Zeit die geile Tante, die sich auf dem Klo eines Clubs das Arschloch lecken ließ, während sie Drogen nahm. Ein bisschen Angst habe ich schon davor, mit einem der zwölf Typen, die ich in den nächsten zwei Wochen treffen werde, ins Bett zu steigen, einfach weil ich nicht mehr weiß, wie Daten geht. Deshalb werde ich die Zeit, die die Enthaarungscreme an meinen Beinen einwirkt, nutzen, um im Internet nach wertvollen Tipps für das erste Treffen zu suchen und vielleicht noch ein paar mentale Coachings à la Bastian Yotta, die ich auf YouTube gefunden habe, mitmachen, um wenigstens nicht ganz so unvorbereitet zu sein, wie ich mich gerade fühle.

Ich weiß wirklich nicht, wie das die anderen Leute aus meinem Umfeld gemacht haben, die in festen Partnerschaften sind, sich verloben, heiraten und plötzlich aufhören, auf die Verhütung zu verzichten, weil sie sich auf einmal vorstellen können, ihren Wodka-Tonic gegen vollgeschissene Windeln zu tauschen. Aber was ich weiß: Ich will es auch. Weil ich einfach nicht der letzte Loser in meinem Bekanntenkreis sein will, der all das nicht hat.

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