Digitale Depression:

Digitale Depression - Seitdem ich mein Leben nicht mehr auf Instagram teile, bin ich viel glücklicher

Ziemlich genau ein Jahr ist es nun her, dass ich meinen Instagram-Account gelöscht habe. Ich gehörte zwar nicht zu der Riege der oft bewunderten Influencer, sondern betreute einen privaten Account…
Digitale Depression

Seitdem ich mein Leben nicht mehr auf Instagram teile, bin ich viel glücklicher

Ziemlich genau ein Jahr ist es nun her, dass ich meinen Instagram-Account gelöscht habe. Ich gehörte zwar nicht zu der Riege der oft bewunderten Influencer, sondern betreute einen privaten Account mit etwas mehr als 100 Followern, von denen ich den größten Teil zu meinen Freunden zählen würde. Dennoch bin ich viel glücklicher, seit ich es aufgegeben habe, auch diese paar Personen mit mehr oder weniger sinnlosen Inhalten aus meinem vermeintlichen Leben zu unterhalten.

Vor allen Dingen aber bin ich glücklicher, seit ich nicht mehr rund 2.000 wildfremden Menschen dabei zusehe, wie sie ihr perfekt inszeniertes Fake-Leben auf einer Plattform teilen, bei der Photoshop bereits zum guten Ton gehört und Chia-Samen sowas wie der Heilige Gral für ansehnliche Fotos und einen besseren Stuhlgang sind. Ich habe meinen Instagram-Account direkt komplett gelöscht und würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich seitdem ein viel besserer Mensch geworden bin.

Die Geschichte zwischen Instagram und mir fing im Jahr 2013 eher harmlos an. Damals waren um die einzelnen Bilder noch Rahmen, die den Fotos diesen ganz speziellen „Vintage“-Touch verliehen, der mehr schlecht als recht daherkam. Scrollte man sich zu diesem Zeitpunkt durch die einzelnen Profile, wirkte alles noch eher unaufgeräumt und zusammengewürfelt. Bilder von fettigen Burgern mit viel Mayo und Pommes Frites reihten sich neben Fotos von lackierten Fingernägeln und Selfies, die von schräg oben oder direkt im Spiegel fotografiert waren, weil es noch keine Frontkameras gab.

Inzwischen allerdings gleichen die meisten Instagram-Profile und die Bilder, die man darauf bewundern kann, eher gut kuratierten Hochglanzaufnahmen die dank ihres speziellen Farbschemas auch eine Fotostrecke in einem hippen Mode-Magazin sein könnten. Von der lockeren Verspieltheit, die Instagram einst mit ins App-Game brachte, ist inzwischen überhaupt nichts mehr geblieben. Alles ist professionell. Alles ist Business. Alles ist mit superteuren Luxuskameras fotografiert, im Anschluss durch Photoshop geschleift und erst dann hochgeladen worden, wenn es in den perfekt inszenierten Feed gepasst hat und sich nicht farblich oder inhaltlich mit einem vorangegangenen Post beißt.

Ich selbst sah mich irgendwann auch diesem Druck nach Perfektion, dem Druck nach dem perfekten Leben ausgesetzt, bei dem es nur perfektes Essen, perfektes Make-Up auf noch perfekterer Haut und natürlich den perfekten Urlaub gab. Und das, obwohl ich eine Privatperson mit nur etwas mehr als 100 Followern bin und mit meinem Instagram-Profil weder Geld verdienen tue noch Geld verdienen will.

Dieser Selbstoptimierungswahn, dem ich mich durch diese Online-Scheinwelt ausgesetzt sah, betraf mich allerdings eher weniger auf der persönlichen Ebene, wo ich das Gefühl hatte, mehr leisten zu müssen, sondern ausschließlich mein Instagram-Profil. Ich wollte nicht mich verändern, sondern lediglich wie die Leute, die sich meine Fotos auf dem derzeit beliebtesten Sozialen Netzwerk ansahen, mich wahrnahmen. Ich wollte, dass sie bemerkten, wie perfekt mein Leben doch war, während es in der Realität genauso langweilig war wie das von nahezu allen Studenten und Azubis, die in meinem Alter sind.

Also versteckte ich meine Pfandflaschensammlung und putzte stundenlang die Bude, kaufte sogar neue Bilder dafür und stellte mir Bücher ins Regal, die ich niemals lesen würde, nur um für ein Foto des Szenarios um die zehn Likes auf Instagram zu kassieren und damit mein Ego ein wenig aufzupolieren. Like wer’s auch kennt.

Wenn das also bei mir schon der Fall ist, dürft ihr dreimal raten, wie das bei den großen Instagrammern unserer Generation so aussieht, die sich damit ihr täglich Brot verdienen. Egal wie real jemand tut und wie authentisch er euch auch erscheinen mag, am Ende ist auch der Inhalt der Person, die mit diversen Hashtags für „mehr Realness auf Instagram“ wirbt, nur ein gut ausgewählter und platzierter Ausschnitt aus ihrem Leben. Ihr könnt euch ziemlich sicher sein, dass selbst Selfies von ungeschminkten und verheulten Gesichtern nicht so echt und authentisch sind, wie sie gerne verkauft werden.

Am Ende geht es nämlich auch da nicht darum, sich als lebensnahen Menschen mit echten Gefühlen zu präsentieren, sondern darum, möglichst viele Likes und neue Follower einzustreichen, die man im Anschluss daran wieder zu Kohle machen kann. Es ist das gleiche Spiel, wie seine Titten oder einen Arsch in die Kamera zu halten, nur dass man für das ungeschminkte Gesicht eher für seinen supergeilen Feminismus und seine Unabhängigkeit gefeiert wird als für ein paar nackte Titten, bei denen die Nippel zensiert wurden, damit es ja auch insta-tauglich bleibt. Vermarktet und verkauft wird aber beides, und beide Sorten Mensch sind gleich gut – oder besser gesagt gleich schlecht, denn sie verdienen Geld mit eurer Unsicherheit und eurem Streben nach dem perfekten Insta-Leben.

Ja, all diese Informationen sind nicht neu und ihr seid euch dessen sehr wohl bewusst, konsumiert aber trotzdem fleißig weiter. Schön und gut, es ist ja nur euer Leben, das ihr mit sinnlosem Content verschwendet. Ihr habt alle gelesen, dass Facebook und Instagram Depressionen fördern und den sowieso schon auf uns lastenden Konkurrenzdruck erhöhen, ich brauche es euch also nicht noch einmal erzählen. Ehrlich gesagt ist es mir sogar vollkommen egal, ob ihr Soziale Netzwerke nutzt oder nicht, denn zu meinem großen Glück habe ich gelernt, eine große emotionale Mauer zwischen mir selbst und fremden Leuten zu ziehen.

Und so kam es, dass ich am Neujahrstag 2018 meinen Instagram-Account kurzerhand löschte. Nicht, weil ich irgendwelche Vorsätze für das Jahr gemacht hätte, sondern einfach, weil es sich in diesem Moment absolut richtig anfühlte. Was soll ich sagen? Ich habe es keine Sekunde lang bereut. Seit ich mein Leben nicht mehr auf Instagram teile und auch keine bescheuerten Inhalte mehr konsumiere, bin ich viel glücklicher.

Ich habe meine Wohnung so eingerichtet, wie es mir gefällt, und das beinhaltet eben eine Pfandflaschensammlung im Wert von gut und gerne 50 Euro. Ich muss mich nicht mehr zwingen, mich vegan zu ernähren oder mein Essen besonders hübsch anzurichten, sondern kann mir endlich wieder Geschnetzeltes mit Spätzle gönnen ohne Angst haben zu müssen, dass es man es mit Erbrochenem verwechselt.

Vor allen Dingen aber kann ich mich wieder mit mir selbst und meinen Bedürfnissen beschäftigen, als irgendeinem Selbstoptimierungswahn hinterherzurennen und kann mich inzwischen besser leiden als noch zu der Zeit, wo ich tagtäglich von Instagram mit meinen vermeintlichen Fehlern konfrontiert wurde, die in der Realität gar keine Fehler waren. Ihr wollt also mehr Realness auf Instagram? Dann löscht euch und fangt endlich an zu leben.

Abonniert unseren Newsletter!

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

2 Kommentare