Die traurige Wahrheit:

Die traurige Wahrheit - Mein ironischer Sarkasmus hält mich davon ab, endlich ein glückliches Leben zu führen

„Du findest ihn schon süß, oder?“ „Ja.“ Ich denke keine einzige Sekunde über meine Antwort nach. Mal wieder spreche ich bevor ich nachdenke, eine meiner schlechten Angewohnheiten. Ich habe nicht…
Die traurige Wahrheit

Mein ironischer Sarkasmus hält mich davon ab, endlich ein glückliches Leben zu führen

„Du findest ihn schon süß, oder?“ „Ja.“ Ich denke keine einzige Sekunde über meine Antwort nach. Mal wieder spreche ich bevor ich nachdenke, eine meiner schlechten Angewohnheiten. Ich habe nicht drüber nachgedacht, wie es wirkt, dass ich genau das gesagt habe und dass es auch noch eine ehrliche Antwort war. Es ist kompliziert. Ich weiß nicht, ob er mich gefragt hat, weil es ihm aufgefallen ist oder ob er nur neugierig war. Mich beschäftigt die Auswirkung der Antwort erst Tage danach und ich wundere mich, ob er die Frage überhaupt ernst gemeint hat oder ob es nur ein Witz sein sollte. Ich bin komplett verwirrt und stelle mir die Frage, warum ich überhaupt die Wahrheit gesagt habe.

Was ich normalerweise besonders gut kann: ironisch und sarkastisch sein. Lügen kann ich auch ganz gut, wenn nicht sogar extrem gut. Auf der anderen Seite bin ich aber mehr als ehrlich und manchmal kommt sich das sehr in die Quere. Auf die Frage hätte ich gewöhnlicher Weise einfach mit Sarkasmus oder Ironie geantwortet, habe es in diesem Fall aber nicht. Ich kann mir selber nicht einmal erklären warum nicht. Die Wahrheit in eine Lüge verpacken, darin bin ich doch normalerweise eine Meisterin. Jeder, der mich zum ersten Mal kennenlernt, kann mich absolut nicht deuten. Niemand weiß, ob ich das ernst meine, was ich sage oder ob ich es ironisch meine. Das ist absolut anstrengend für alle Beteiligten, sogar für mich. Ich war schon immer so. Witze, die niemand versteht, schlechte Wortspiele und immer das sagen, was ich gerade nicht meine, das bin ich.

Mein Charakter hat sich so weit herausgebildet, dass selbst meine Freunde von mir genervt sind und mich fragen, ob ich das gerade ernst meine oder ob das schon wieder Sarkasmus ist. Manchmal sage ich etwas mit so einem sarkastischen Ton, dass ich mich selber davor abschrecke. Ich entschuldige mich dafür, weil ich es nicht mehr abstellen kann. Es ist ein Teil von mir geworden und ich kann versuchen es zu ändern, aber am Ende gebe ich dann doch wieder eine komische Antwort.

„Hier ist es aber echt schön“, sage ich zu einer Freundin, als wir durch Vorgärten zu ihrem Haus gehen. Mein Tonfall klang aber alles andere als begeistert. Sie dreht sich um: „Bei dir weiß man echt nicht, ob du es gerade wirklich so meinst oder nicht.“ Mal wieder habe ich genau das getan, was ich lassen wollte. Ich sage die Wahrheit und es klingt nicht wahr, wobei die Lügen mittlerweile wahr klingen. Ich bin in einem Paralleluniversum gefangen in dem immer das Umgekehrte gemeint ist und kann es nicht mehr abstellen.

„Warum bist du so sarkastisch?“, werde ich gefragt und am liebsten würde ich einen Witz reißen, denke dann aber doch darüber nach. Ich habe selber keinen blassen Schimmer wann ich dazu geworden bin. Meine Ironie und mein Sarkasmus, verpackt in Witzen und Lügen ist wahrscheinlich einfach ein Schutzmechanismus, der sich über die Jahre entwickelt hat. Wenn ich etwas Dummes sage, kann ich am Ende immer noch behaupten, dass es ein Witz war. Ich kann zurück rudern und es ist eine Ausflucht, die niemand außer mir selbst sieht. Ich antworte nicht auf seine Frage, denn das was ich sagen würde, das wäre definitiv zu ehrlich und ich werde wohl nicht meine Mauer fallen lassen. Nicht vor ihm. Er würde sicher denken, dass ich wahnsinnig bin.

„Ich kann euch verkuppeln, wenn du willst“, sagt er. „Ja, sicher, als ob jemand, wie er auf jemanden wie mich stehen würde.“ Aber was ich eigentlich sagen will: „Das wäre fantastisch, ich finde ihn echt toll und würde gerne mal was mit ihm trinken gehen. Danke.“ „Mach dich doch nicht selber schlechter, als du bist.“ „Ich bin ja auch echt großartig“, sage ich komplett sarkastisch. Ich schütze mich selber, weil ich nicht verletzt werden möchte. Anstatt dessen hätte ich zu mir ehrlich sein sollen, mich selber nicht degradieren sollen und auf mich und auf das was ich will hören sollen. Stattdessen baue ich eine Mauer aus Worten, die mir nicht weiterhilft. Ich distanziere mich, obwohl ich etwas ganze anderes möchte. Ich verschwinde hinter meinen Worten und weiß nicht mehr, was ich tatsächlich möchte oder nicht. Wenn ich selber nicht mal mehr weiß, was ich möchte, wie soll das dann jemand anderes verstehen können?

Ich spiele mir selber etwas vor und bin dann erstaunt, wenn ich dann endlich einmal ehrlich zu meinem Gegenüber, und im Besonderen zu mir selber, bin. Ich wundere mich warum ich meine Mauer fallen gelassen habe und bereue es. Bemerke aber dann doch wie mutig es war, ehrlich zu sein, sich nicht zu verstecken und dem Gegenüber zu zeigen, wie man sich gerade in dieser Sekunde fühlt. Es ist keine Schwäche Gefühle zu zeigen, ehrlich zu sein und seine Meinung zu sagen. Ich bin nicht die Einzige, die ironische Sachen sagt, Sarkasmus als Stilmittel nutzt und absichtlich das sagt, was nicht gemeint ist. Viele tun Dinge aus Ironie. Es werden ironische Selfies aufgenommen, auf diese dumme Party gegangen um zu zeigen, wie lächerlich das doch alles ist, ironisch Musik gefeiert, die aber gar nicht so schlimm ist, die wir vielleicht sogar gut finden.

Es ist einfach nur anstrengend anderen etwas vorzuspielen, weil man Angst hat anderen sein „wahres Ich“ zu zeigen. Können wir alle nicht einfach einmal ehrlich zu uns selber sein? Die Dinge aussprechen, die wir meinen, das machen, was wir machen wollen. Wirklich. Echt. Authentisch. Es ist in Ordnung keine Antwort zu haben, zu sagen, dass es einem nicht gut geht, dämliche Antworten zu geben, weil man sich absolut nicht mit einem Thema auskennt und nicht vorzuspielen jemand zu sein, der man gar nicht ist. Keiner ist perfekt und wenn, dann wäre es auch ziemlich langweilig.

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