Leben durchs Smartphone:

Leben durchs Smartphone - Die schreckliche Angst, etwas zu verpassen, treibt mich noch in den puren Wahnsinn

Es ist Freitagabend und ich bin zu meinen Eltern in die Heimat gefahren. In den Stories meiner Freunde sehe ich, dass sie alle zu diesem Konzert gehen, zu dem ich…
Leben durchs Smartphone

Die schreckliche Angst, etwas zu verpassen, treibt mich noch in den puren Wahnsinn

Es ist Freitagabend und ich bin zu meinen Eltern in die Heimat gefahren. In den Stories meiner Freunde sehe ich, dass sie alle zu diesem Konzert gehen, zu dem ich auch hinwollte. Ich habe mich jedoch entschieden zum Familienessen in die thüringische Heimat zu fahren. Ob ich es bereue? Ein wenig. Würde ich weniger das Gefühl haben etwas zu verpassen, wenn ich mein Smartphone weglegen würde? Definitiv!

Ich gehe auf Instagram und stelle einige Stories komplett stumm, dann muss ich mir wenigstens nicht ansehen, was ich verpasse, live, alle zehn Minuten, aus jedem Blickwinkel. Er wird auch da sein, das weiß ich, weil ein Freund von ihm das gepostet hat. Am liebsten würde ich mein Handy gegen die Wand werfen, aber das ist ja auch keine Lösung. (Aber ganz ehrlich, ich stelle mir vor, dass wir uns heute begegnet wären, geredet hätten und mein Kopf schreit nur: Ich verpasse gerade etwas!) Hätte ich nicht gewusst, dass er da sein wird, hätte es mir auch nichts ausgemacht. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß.

Meine Freundin postet Bilder aus ihrem Urlaub in L.A., während eine andere mir minutiös schreibt, wen sie gerade in der Venue sieht und dass sie sich super doll auf das Konzert freut. Ich antworte ihr, obwohl ich gar keine Lust habe mit ihr zu kommunizieren. Ich habe die Angst etwas zu verpassen – kurz FOMO. Heutzutage ist alles so schnelllebig geworden. Hinter jeder Ecke könnte noch etwas Besseres warten, es gibt zu viele Möglichkeiten.

Wir sind alle ständig in Bewegung um etwas Neueres, Besseres, Interessanteres zu finden, was vielleicht einfach nicht da ist. Bei mir wird diese Angst, wie bei Millionen von Anderen durch das Internet nur noch verstärkt. Es gibt zu viel Content, zu viele Videos, die man nicht schafft zu schauen, zu viele Artikel, die man nicht schafft zu lesen. Selbst beim Online-Dating könnte zwei Minuten später eine noch spannendere Person schreiben, die auch noch besser aussieht als die Person mit der man sich eigentlich treffen wollte.

Ich sitze auf dem Sofa in der Heimat und ich schaue aus Langeweile und Gewohnheit auf mein Handy. Mir ist schmerzlich bewusst, dass ich gerade etwas verpasse und ich fühle mich wieder wie das 15-jährige Mädchen vom Dorf, das nichts Besseres am Wochenende vor hat, als TV zu schauen und Pizza zu essen, die nicht rauskommt aus diesem Dorf ohne Möglichkeiten und jetzt acht Jahre später doch wieder hier sitzt und etwas verpasst. Acht Jahre vorher musste ich mich aber nicht mit den Anderen vergleichen, habe nicht das perfekt durchgestylte und abenteuerliche Leben der Anderen in Echtzeit nachverfolgen können oder müssen und war am Ende doch okay damit, dass meine Freundinnen und ich nur Horrorfilme schauten.

Heutzutage verabrede ich mich mit Freunden, wir gehen essen, verlinken uns in Beiträgen, Posts, Photos um der Welt zu zeigen, wie viel Spaß wir gerade wo haben und wie toll gerade alles ist. Nur schlecht, wenn man dann auf der anderen Seite steht und gerade nichts Aufregendes macht oder man nur zu Hause sitzt. Ich fühle mich schuldig, wenn ich nichts mache und einfach langweilig ein Buch lese. Poste trotzdem das Buch in meine Story, weil ich ja „so belesen bin“ und fotografiere es zwischen Pflanzen, damit es edgy aussieht.

Im Urlaub poste ich Bilder zwei Minuten nachdem ich die Ferienwohnung betreten habe, um zu signalisieren: „Hey, schaut mal wo ich gerade bin!“ Ich verfasse Tweets, die darauf abzielen, dass genau diese eine Person den Wink mit dem Zaunpfahl bemerkt und mit mir agiert. Ich scrolle unendlich durch die Timeline, das Dashboard oder die Chronik, obwohl mich das auch nicht glücklicher macht. Ich weiß das, aktualisiere die Seite aber trotzdem.

Ich freue mich, wenn ich Notifications bekomme, die Zahl der Herzen steigt, ich neue Follower dazu bekomme und wundere mich, wenn mir jemand nicht sofort antwortet, obwohl die Person gerade auch online ist und die Nachricht auch schon gelesen habe. Es kommt aber auch vor, dass ich mehrere Tage mit Niemandem über irgendeinen Messenger kommuniziere, einfach weil ich schon weiß, was momentan bei ihnen los ist. Da ist der Post, der ankündigt, dass Person X morgen nach London fliegt, ich sehe wie die Person ankommt, sehe Fotos, weiß, wo sich die Person gerade befindet und letztendlich muss ich gar nicht nachfragen, wie es war, weil ich schon die Review zu dem „perfekten“ Trip auf dem Blog gelesen habe.

Ich weiß, dass andere auch Probleme haben, dass deren Leben nicht zwangsläufig besser als mein eigenes, geschweige denn perfekt ist und dass nicht alles immer super funktioniert. Dennoch wird auf den Social Media Kanälen meist nur das Positive gezeigt. Die meiste Zeit sieht man nicht, wie jemand mit seinem Leben zu kämpfen hat oder was gerade wirklich in der Person vorgeht. Wir zeigen nur das, was andere auch zu sehen bekommen sollen. Wenn dann jemand schreibt, dass es ihm nicht gut geht, kommen schnell Kommentare wie: „Heul doch nicht rum, jedem geht es mal mies.“

Zwar ist das Internet ein gutes Mittel zum Austausch von Meinungen, Kunst, Informationen und so viel mehr, jedoch macht es mich auch krank. Ich bedauere Dinge, die ich nicht tue, sehe Dinge, die ich nie sehen wollte und bin neidisch, dass das Leben der anderen so viel besser ist als mein eigenes. Ich vermisse heute Abend zwar das Konzert, doch was ich noch mehr vermisse ist die Zeit, als man sich noch erzählt hat, was gerade in seinem Leben los ist und es nicht ständig nur voyeuristisch durch eine Glasscheibe gesehen hat.

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