Hipster in der Krise:

Hipster in der Krise - VICE muss jede Menge Mitarbeiter entlassen und verliert Leser, Geld und eigene Marken

VICE galt jahrelang als der goldene Gral der jungen und rebellischen Berichterstattung, als das Darling der Medienbranche. Mit provokanten Reportagen, freizügigen Fotoserien und ungestümen Texten schaffte es vor allem die…
Hipster in der Krise

VICE muss jede Menge Mitarbeiter entlassen und verliert Leser, Geld und eigene Marken

VICE galt jahrelang als der goldene Gral der jungen und rebellischen Berichterstattung, als das Darling der Medienbranche. Mit provokanten Reportagen, freizügigen Fotoserien und ungestümen Texten schaffte es vor allem die amerikanische Version der Zeitschrift und später des Onlinekonzerns, einen wahren Kult um die Marke zu generieren. Praktikanten stürmten für einige Monate in die Verlagshäuser, um zumindest die vier Buchstaben im Lebenslauf eingraviert zu bekommen. VICE von Suroosh Alvi und Shane Smith galt als Zukunftsvision einer ganzen Branche.

Doch damit ist jetzt Schluss. Nachdem VICE sich in den vergangenen Jahren allerlei unterschiedliche Themenmarken wie Noisey, Motherboard oder Munchies aufbaute und anschließend von Shane Smith als CEO trennte, weil hinter den Kulissen allerlei soziale Probleme herrschten – vom Sexismus über Mobbing bis hin zu kreativen Unstimmigkeiten. Nancy Dubuc sollte die auf knapp sechs Milliarden Dollar dotierte Firma nun mit Disney im Rücken auf Erfolgskurs bringen – ohne weitere Zwischenfälle. Doch daraus wurde wohl nichts.

Wie das Wall Street Journal berichtet, muss VICE sich von 15 Prozent seiner Mitarbeiter trennen, also ungefähr 1.350 Menschen. Außerdem würden die sogenannten Verticals auf drei bis fünf Marken zusammen geschrumpft werden, wodurch wohl mehr oder weniger bekannte und beliebte Kanäle wie Waypoint, Amuse oder Tonic von der Bildfläche verschwinden. Der Grund dafür sind finanzielle Schwierigkeiten.

Im Jahr 2017 verlor der Konzern mehr als 100 Millionen Dollar und wird in diesem Jahr wohl noch einmal die Hälfte davon verlieren. Und im September konnte die Webseite von VICE 27 Millionen Besucher aufweisen, zwei Jahre zuvor waren es noch 36 Millionen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Einige behaupten, VICE hätte nach der Teilübernahme durch HBO, 21st Century Fox und besonders Disney an Biss verloren. Andere finden die Sichtweisen der Redakteure einseitig oder können sich schlichtweg nicht mehr mit den Themen identifizieren.

Und auch ich persönlich muss gestehen, dass ich mit VICE nicht mehr so viel anfangen kann wie früher. Verschlang ich vor einigen Jahren noch jede einzelne Ausgabe des Magazins und wurde von der Aufmachung, der Schreibweise und dem Lebensgefühl inspiriert, musste ich allmählich feststellen, dass die Marke nach und nach ausgehöhlt wurde. VICE verwandelte sich von einer wahren Bibel mit Meinungen und Geschichten aus den entlegensten Ecken der Welt in einen außer Kontrolle geratenen Werbeapparat, der von Jahr zu Jahr an Profil, Härte und Spaß verlor.

Ich bin jedenfalls gespannt, ob VICE nach dieser angekündigten Schlankheitskur wieder auf Kurs kommt oder ob vom einst so leuchtenden Stern am Journalismushimmel nur noch ein weichgewaschener Disney-Kanal übrig bleibt, der einen auf rebellisch macht, in seinem Inneren aber lediglich ein harmloser Hund ohne Zähne ist. Nach dem kreativen Tod von MTV ist VICE womöglich das nächste Opfer einer Marke, die zu viel, zu schnell, wollte und ihre Ideale am Ende selbst verriet. Ich wünsche meinen Kollegen bei der Berliner VICE auf jeden Fall viel Erfolg und alles Gute – auf dass euch der angekündigte Sparkurs nicht allzu hart trifft…

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Jack & Jones

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