Geldnot, Einsamkeit, Depressionen - Ich bin seit zehn Jahren selbstständig und rate wirklich absolut jedem davon ab

Während all die gleichgeschalteten Sklaven von 9 bis 17 Uhr in ihren monotonen Büros vor sich hin siechen und ihre einzige Erlösung entweder die Rente oder der frühzeitige Tod ist,…
Geldnot, Einsamkeit, Depressionen

Ich bin seit zehn Jahren selbstständig und rate wirklich absolut jedem davon ab

Während all die gleichgeschalteten Sklaven von 9 bis 17 Uhr in ihren monotonen Büros vor sich hin siechen und ihre einzige Erlösung entweder die Rente oder der frühzeitige Tod ist, möchtest du dich lieber in der unendlich scheinenden Welt der Selbstständigkeit austoben. MacBook, iPhone und ein Lieblingscafé, mehr brauchst du dazu nicht. Dazu kann ich nur eines sagen: Lass es!

Nachdem ich drei Jahre lang bei einer Berliner Webdesignagentur gearbeitet hatte, katapultierte ich mich Anfang des Jahrzehnts mit AMY&PINK in die braun gebrannten und glatt rasierten Arme der Selbstständigkeit. Hier schien die Sonne, hier ertönte die Musik, hier tobte das wahre Leben. Von überall auf der ganzen Welt arbeiten, bis in die frühen Morgenstunden in den Clubs der Hauptstadt abhängen und dann gechillt ein paar Texte auf dem Laptop tippen, während man den ersten Kaffee und das obligatorische Konterbier trank. Das ist der wahre Sinn des Lebens.

Und das lief am Anfang auch noch ziemlich gut. Die Artikel flossen nur so aus einem heraus, die Leser standen Schlange und mit den Werbekunden traf man sich zum Brunch, Lunch oder Analverkehr. Wir bestellten jeden Tag Essen bei Lieferando, manchmal sogar mehrmals, gönnten uns ein, zwei, drei, zwölf Gin Tonics auf irgendwelchen Abrisspartys und knallten gleichzeitig kichernde Nachwuchsmodels auf dreckigen Clubklos, während die versuchten, das weiße Pulver nicht in der ganzen Kabine herum zu husten. So hätte es weiter gehen können. Tat es aber nicht.

Es fing damit an, dass das Finanzamt eine ganzjährige Vorauszahlung forderte. Und das im zweiten Jahr. Das hatte mir niemand gesagt, damit hatte ich nicht gerechnet. Was womöglich auch daran lag, dass ich den Selbstständigkeitskurs der Bundesagentur für Arbeit, der einem netterweise kostenlos angeboten wurde, halb verschlafen hatte. Das sprengte das Budget und zog mich nicht nur auf den Boden der Tatsachen zurück, sondern damit begann auch ein nicht enden wollender Teufelskreis, der schon bald mein Leben bestimmen sollte.

Jetzt hieß es: Haushalten, keine Scheiße mehr bauen und ordentlich planen. Das funktionierte einige Monate ganz okay, bis die AOK mich aufgrund einiger wirklich gut laufender Monate in die höchste Mitgliederstufe erhob, in der sonst nur Großverdiener wie Michael Schuhmacher, Dieter Bohlen und Claudia Schiffer rangierten. Und das Finanzamt tat es meiner Krankenkasse netterweise gleich. Ich galt jetzt offiziell als stinkreich und aß von dort an nur noch Tütensuppen und Toastbrot.

Einige Jahre lang brummte AMY&PINK nun fleißig vor sich hin. Acht Artikel am Tag, ein paar bezahlte Kooperationen in der Woche, ab und zu eine Pressereise ans andere Ende der Welt. Es war stressig, aber schön. Ich fühlte mich nicht nur, als könnte ich das Ganze bis an den Tag, an dem ich von einem übereiligen Bus überrollt werden würde, durchhalten, sondern auch noch, als hätte ich das Leben an sich ausgetrickst.

Denn während alle anderen jeden Tag wie Zombies in ihre Großraumbüros wanderten, saß ich mit einem Cocktail auf den Dächern von Los Angeles, Tokio oder Peking und verdiente mein Geld damit, dass ich über die entblößten Brüste von Miley Cyrus schrieb. Ich war glücklich. Und dann kamen die Probleme.

Das Schlimmste an Depressionen ist, dass sie keine wirklichen Auslöser zu haben scheinen. Man nimmt sie nicht ernst, verwechselt sie mit traurigen Tagen und plötzlich haben sie deine Emotionen übernommen. Nach mehreren Jahren, in denen ich jeden Tag schrieb und schrieb und schrieb, hatte ich plötzlich ausgeschrieben. Die Neuigkeiten wiederholten sich, die Musik wurde seelenlos, der eigene Antrieb stockte. Das war anfangs noch nicht so schlimm, aber nach und nach wurde alles zäh und langweilig und unkreativ. Man zweifelte an sich selbst, am Projekt und an der Welt da draußen.

Mit den YouTubern, Twitch-Streamern und Instagrammern war plötzlich eine neue Generation aufgekommen, die einfach nur eines wollten: Erfolg. Und den bekamen sie auch. Plötzlich waren wir bei AMY&PINK nicht mehr die Lautesten, Krassesten und Skandalösesten. Und wie wir alle wissen, schauen die Menschen dorthin, wo es am meisten zu sehen gibt. Und das war eben nicht mehr in unsere Richtung.

Wir hatten jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder noch bunter und greller und härter werden – oder das genaue Gegenteil machen. Wir versuchten beides halbherzig und mussten nach unzähligen Experimenten einsehen, dass wir eben wir waren und uns nicht verstellen konnten, egal, wie sehr wir es auch versuchten. Das ist im Grunde eine tolle Erkenntnis und in jedem Hollywood-Film wäre das ein herzerwärmendes Happy End, aber in der echten Welt liefen die Kosten, die überproportional hoch beim Finanzamt und der Krankenkasse weiter – und mir blieb nichts anderes übrig, als auf Teufel komm raus zu versuchen, diese irgendwie zu tilgen.

Während die Selbstständigkeit anfangs also noch abenteuerlich, frei und so unglaublich selbstverwirklichend war, sitzt du nach einigen Jahren nur noch da und versuchst alles, um das ganze Gebilde, das du in der vergangenen Dekade aufgebaut hast und das gerade droht, in sich selbst zusammenzufallen, zu retten. Plötzlich musst du Freunden absagen, kannst nicht mehr mit in den Urlaub fahren und für die Liebe hast du auch keine Zeit mehr, weil du nur noch ein Ziel hast: Dich selbst und deine Vision zu retten.

Deine einzigen Begleiter sind schon bald Bier, Cheeseburger und die sich besonders nachts heranschleichenden depressiven Gedanken. Gut gemeinte Ratschläge lächelst du anfangs noch nett weg, weil sie vollkommen irrelevant sind, aber irgendwann möchtest du die Menschen, die keine Ahnung davon haben, was du durchmachst, und dich blöd von der Seite anlabern, einfach nur noch verprügeln. Vielleicht auch, weil du insgeheim weißt, dass sie recht haben. Aber du schaffst das schon. Irgendwie. Du hast schließlich einen Plan.

Dann liegst du nachts wach und fragst dich, ob das hier wirklich Freiheit ist oder ob du dich selbst in Ketten gelegt hast, die normale Arbeitnehmer nicht kennen. Denn während du deine Freunde verloren hast, deine Träume immer wieder nach hinten schieben musst und jeden Tag einen Kilo zunimmst, hüpfen normale Menschen auf Festivals, Partys und mehrwöchigen Reisen herum und genießen das Leben. Auch mit Chef.

Die Selbstständigkeit ist eine Art Freiheit, die du sonst nirgends bekommst. Aber sie ist auch gefährlich. Besonders für Leute wie mich, die sich für zu kreativ halten, um sich um die weltlichen Probleme, die mit einer Selbstständigkeit daherkommen, kümmern zu müssen. Vielleicht muss man mehr dumm als mutig sein, um sich ein Dasein in der Selbstständigkeit auszusuchen. Denn eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Einmal selbstständig, immer selbstständig. Schließlich will man alles sein, nur kein gleichgeschalteter Sklave, der von 9 bis 17 Uhr in monotonen Büros vor sich hin siecht und dessen einzige Erlösung entweder die Rente oder der frühzeitige Tod ist. Auch wenn das letzten Endes wahrscheinlich das bessere Leben ist…

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