Langeweile im Abo - Die meisten Filme und Serien auf Netflix sind nichts weiter als mittelmäßige Resteficks

Als meine gute Freundin Leni, die ihr vielleicht noch aus Wohngemeinschaften wie der “Modeblogger-WG” kennt, und ich vor einigen Jahren auf der großen Netflix-Premiere in Berlin waren und dort Jahresabonnements…
Langeweile im Abo

Die meisten Filme und Serien auf Netflix sind nichts weiter als mittelmäSSige Resteficks

Als meine gute Freundin Leni, die ihr vielleicht noch aus Wohngemeinschaften wie der “Modeblogger-WG” kennt, und ich vor einigen Jahren auf der großen Netflix-Premiere in Berlin waren und dort Jahresabonnements geschenkt bekamen, dachte ich, dass jetzt alles besser werden würde, dass sich die Türe zu unendlichem Entertainment öffnen würde, dass die Zeit der endlosen Langeweile vorbei wäre.

Gestern Abend, als ich gerade die französische Komödie “Lolo – Drei ist einer zu viel” schaute, in der Violette mit einem neuen Liebhaber, den sie im Urlaub kennengelernt hat, nach Paris zurück kehrt und sich dort mit ihrem 20-jährigen Sohn herumstreiten muss, weil der wiederum keinen Bock auf seinen tollpatschigen Ersatzvater hat, ploppte schlagartig eine Frage in meinem Kopf auf: Was mache ich hier eigentlich?

Warum schaue ich mir einen objektiv betrachtet minderwertigen Film an, der für geschiedene Frauen im mittleren Alter konzipiert wurde, die bei voll frechen Muschileck-Witzen beschämt in ihr Proseccoglas schmunzeln und eigentlich nur mehr oder weniger heimlich mit Vincent Lacoste vögeln wollen? Was interessieren mich Menopausengespräche in der Umkleide? Und wer zum Teufel ist überhaupt Vincent Lacoste?

Die Antwort ist so einfach wie schmerzhaft: Weil es nichts anderes gibt. Zumindest nicht auf Netflix. Alle guten Sachen schaut man in ein, zwei Monaten runter, der Rest ist nur noch zufällig in HD verfügbares Füllmaterial. Wenn man erst einmal “Stranger Things”, “Rick & Morty” und “Breaking Bad” durch hat, darf man sich darauf einstellen, sich von nun an ausschließlich mit gekonnt getarnter Langeweile zu beschäftigen.

Die meisten Filme und Serien auf Netflix sind nichts weiter als mittelmäßige Resteficks. Besser als gar nichts, aber eigentlich hätte man sich das auch sparen können. Wenn ich meine “Kürzlich angesehen”-Seite aufrufe, dann bekomme ich ein peinlich angehauchtes Gefühl des puren Grauens. “Ghost Wars”? Naja. “Game Over, Man”? Gähn. “Auslöschung”? Einfach nur ein großes Nope. Das muss doch alles nun wirklich nicht sein.

Und wenn man dann zwischen dem ganzen Müll doch mal eine Serie gefunden hat, die einem einigermaßen gefällt, dann muss man feststellen, dass die auf Netflix verfügbare Version zwei, drei oder gar vier Staffeln hinter der meist amerikanischen Ausstrahlung hinterher hinkt. Flache Witze über Barack Obama sind natürlich auch heute noch voll lustig. Manche zumindest. Naja, eigentlich eher nicht.

Wie viele dieser pseudokomödiantischen und beliebig geklonten Slice-of-Life-Shows wie “Love”, “The End of the Fucking World” und “Everything Sucks” kann man sich anschauen, bevor man sich selbst vergisst? Wer braucht diese unsinnigen Fortsetzungen von Serien, die längst hätten in Vergessenheit geraten hätten sollen? Wie “Full House”, “Gilmore Girls” oder “Der Denver-Clan”? Und wer fand “Okja” wirklich gut?

Ich habe das Gefühl, als würden sie jedem, der mehr oder weniger zufällig durch die Eingangstür von Netflix hineinstolpert und drei Sätze am Stück sagen kann, einen Vertrag für einen Film oder eine Serie überreichen. “Will Smith und ein Ork kämpfen gegen Ganoven!” “Gekauft!” “Kurzgeschichten von Stephen King, nur in schlecht!” “Gekauft!” “Adam Sandler spielt…” “Gekauft, gekauft, sowas von gekauft!”

Wenn ich hunderte gekochte Nudeln an die Wand werfe, um zu testen, ob sie schon al dente sind, dann bleiben da natürlich ein paar kleben. Das ist die Lehre der Wahrscheinlichkeit. Aber alle anderen sind eben für den Müll. Und so ist es auch mit dem momentanen Angebot von Netflix. Wenig Großartiges, manches Ausreichendes und jede Menge Schrott, der den Speicherplatz, auf dem er lagert, nicht wert ist.

Übrigens ist das nicht nur bei Netflix so, sondern auch bei der Konkurrenz. Während Maxdome lediglich von Menschen genutzt wird, die noch nie etwas von Netflix gehört haben, scheitert Prime Video von Amazon regelmäßig an eigenen Shows. Entweder, weil niemand sie sehen will und sie abgesetzt werden, oder weil das Zuschauerkontingent am Ende des Monats erschöpft ist und einzelne Folgen plötzlich nicht mehr abrufbar sind.

Natürlich könnte man meiner hieb- und stichfesten Beobachtung nun drei klitzekleine Kritikpunkte hinzufügen. Erstens: “Benutz’ doch einfach ein VPN, wenn dir die Auswahl nicht gefällt!” Zweitens: “Na und, kostet doch nur 10 Euro im Monat!” Und drittens: “Geh mal öfter an die frische Luft!” Da habt ihr natürlich vollkommen recht. Aber erstens ist mir das zu blöd, zweitens sind das 10 Euro, die ich auch in Cheeseburger investieren könnte, und drittens… Ach, haltet den Mund, ich bin doch kein Tier! Draußen… wo kommen wir denn da hin? Ne, wirklich, wohin geht’s da?

Natürlich ist Netflix im Grunde eine tolle Sache. Jede Menge Unterhaltung für vergleichbar wenig Geld. Was will man denn bitte mehr? Das Problem dabei ist, dass man selbst irgendwann Scheuklappen entwickelt und womöglich nicht mehr über den Netflix-Tellerrand hinaus schaut. Das Leben ist viel zu kurz, um seine Zeit mit “The Babysitter”, “When We First Met” oder eben “Lolo – Drei ist einer zu viel” zu verschwenden.

Wenn ihr also das nächste Mal wieder eine halbe Stunde lang panisch und verzweifelt durch die Netflix-Auswahl scrollt und irgendwann einfach doch “How I Met Your Mother” anklickt, damit wenigstens irgendetwas läuft und ihr nicht alleine mit euren schrecklichen Gedanken im unendlichen Dunkeln des Daseins sitzt, dann steht kurz auf, schreit einmal richtig laut aus dem Fenster, kündigt euer Abo und begebt euch auf ein großes Abenteuer in den Tiefen des Internets. Dort gibt es nämlich so viele tolle Dinge, die es zu entdecken gilt. Ihr müsst sie nur finden wollen…

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