Allein gegen Gott - Der Sektenshooter Far Cry 5 ist schön, spannend und auch ein bisschen sinnlos

Was würdet ihr tun, wenn ein durchgeknallter Sektenführer eure Stadt und noch einiges drumherum annektieren, vom Rest der Außenwelt abriegeln und anschließend die Hölle auf Erden dort errichten würde? Die…
Allein gegen Gott

Der Sektenshooter Far Cry 5 ist schön, spannend und auch ein bisschen sinnlos

Was würdet ihr tun, wenn ein durchgeknallter Sektenführer eure Stadt und noch einiges drumherum annektieren, vom Rest der Außenwelt abriegeln und anschließend die Hölle auf Erden dort errichten würde? Die Antwort darauf findet ihr im neuesten Ubisoft-Spiel “Far Cry 5”. Joseph Seed heißt der selbsternannte Gott, seine einzige Schwäche ist eine Kugel in den Kopf – mehr müsst ihr über ihn nicht wissen.

Die Geschichte beginnt mit einem Verhaftungsversuch in Josephs nicht ganz so geheimen Unterschlupf. Ihr kommt mit ein paar Kollegen als frischer Hilfssheriff in Eden’s Gate an, wo euch bewaffnete Religionsfanatiker am liebsten lebendig aufschlitzen würden. Doch Joseph bleibt ganz ruhig. Er weiß, dass man ihn nicht so leicht aus seinem selbst aufgebauten Paradies entführen kann. Und natürlich behält er recht.

Ein paar Minuten und einen Hubschrauberabsturz später findet ihr euch blutüberströmt in einer abgelegenen Waldhütte wieder. Richard “Dutch” Roosevelt hat euch gerettet. Und er hat Großes mit euch vor. Da die Telefonleitungen gekappt und die Grenzen von Hope County, das im idyllischen Montana liegt, abgeriegelt worden sind, liegt es nun an euch, Joseph und seiner gewaltverherrlichenden Bande den Garaus zu machen.

Far Cry 5

Mit einer Pistole bewaffnet und ein paar Nahrungsmitteln bestückt begebt ihr euch in die von Josephs drei engsten Vertrauten Jacob, John und Faith beherrschten Gebiete und versucht dort von nun an Verbündete zu rekrutieren, Sektenstämme auszuräuchern und Kleinstädte zu befreien. Wer glaubt, die Fanatiker mit ein bisschen netter Plauderei davon zu überzeugen, Reißaus zu nehmen, der täuscht sich allerdings bitterlich.

Die ersten zehn Stunden von “Far Cry 5” unterscheiden sich komplett von all denen, die danach kommen. Versteckt ihr euch anfangs noch vor jedem vorbei fahrenden Auto vor lauter Angst im tiefsten Gras, weil sich um euch herum ja blutrünstige Mörder befinden könnten, lauft ihr irgendwann einfach nur wild ballernd in jede noch so gefährlich aussehende Siedlung, denn Furcht ist in “Far Cry 5” das kleinste Problem.

Spätestens als zwei Mitstreiter gleichzeitig neben mir herlaufen konnten und ich mir eine futuristisch anmutende Schallwellenwaffe verdient hatte, rannte ich fast schon blind durch die Gegend und richtete das Teil einfach auf alles, was sich bewegte. Bäm, bäm, bäm, Gebiet befreit, looten, weiter geht die Fahrt. Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, dass man ein paar Minuten Fortschritt verliert, wenn man drauf geht.

Far Cry 5

“Far Cry 5” unternimmt zwar vieles, um dem Spieler die Gefahr, in der man sich befindet, spüren zu lassen, mit erschossenen Geißeln und irren Bibelsprüchen und seelenlosen Sklaven, aber die Welt des Spiels mutet dank der comichaften Charaktere und der wild in der Gegend verteilten Missionsorte eher wie ein riesiger Freizeitpark an. Ballern, angeln, fliegen, Kühe umschubsen. Alles ist nur ein paar Meter voneinander entfernt.

Während Familien im Bunker gefoltert werden, versucht nebenan ein wahnsinniger Regisseur seinen Alienfilm fertig zu drehen. Auf der Hauptstraße patrouillieren bis zum Anschlag bewaffnete Irre und erschießen jeden, der nicht bei drei auf den Bäumen ist? Ja, man kann aber auch nebenan Baseball spielen. Joseph lässt Ungläubige bei lebendigem Leib häuten? Warum sich dann nicht einfach auf den Mars teleportieren?

Wer “Far Cry 5” zu ernst nehmt oder gern logisch über Ereignisse nachdenkt, wird wenig Spaß mit dem Spiel haben. Wie kann es sein, dass ein Mann einen ganzen Landkreis terrorisiert und die amerikanische Armee nichts dagegen unternimmt? Warum fliehe ich mit dem Hubschrauber nicht einfach ins Nachbarstädtchen und sage Bescheid, anstatt ständig kreuz und quer durch die Gegend zu fahren? Und wie viele Einwohner hat Hope County überhaupt insgesamt, gerechnet nach der Zahl der Leute, die ich den ganzen Tag lang vom vorbei fahrenden Laster schieße?

Far Cry 5

Sowieso sind die Bewohner der Welt nicht mehr als wild durcheinander gewürfelte Attribute. Während ich bei Titeln wie “Witcher 3”, “Mass Effect” und selbst “Skyrim” die Hintergrundgeschichten aller noch so unwichtigen Charaktere, die mir begegneten, geradezu aufgesogen und auch später noch darüber nachgedacht habe, sind mir die Leute in “Far Cry 5” fast schon egal. Du hast deinen Vater verloren? Deine Katze ist weggelaufen? Dein Haus wurde abgefackelt? Ja, nerv’ mich nicht, gib mir die Vorteilspunkte, mit denen ich endlich zum Endgegner komme, und fertig.

Joseph, der Vater, lässt sich erst wieder blicken, wenn man seine drei besten Freunde umnietet. Und während das in den ersten ein, zwei Gebieten noch einigermaßen Unterhaltung bereitet, möchte man spätestens beim dritten Obermotz einfach nur, dass es endlich vorbei ist. Wie viele Baseballkarten, Schallplatten und Feuerzeuge muss ich noch suchen, bis es endlich in Richtung Finale geht? 53? Na gut, weiter geht die Fahrt…

Richtig nervig sind auch die immer mal wieder unausweichlichen Storyeinlagen, bei denen man meist von einem der drei Obermotze entführt, gefoltert und dumm angelabert wird. Beim ersten Mal, als mich Jacob in seine menschlichen Schießbude verfrachtet hat und mich dazu aufforderte, alle Typen in einem knappen Zeitfenster umzubringen, fand ich das ja noch lustig. Beim dritten Mal wollte ich Ubisoft nur noch verklagen.

Far Cry 5

Auch die Bugs, die einen immer mal wieder aufsuchen und ganze Gebiete unspielbar machen, zählen nicht gerade zu den erfreulichen Ereignissen. Wenn in einer Siedlung entweder gar keine oder nur puppenähnliche Gegner herum stehen, die man allesamt abknallen soll, was einem das Spiel partout verweigert, möchte man den Controller einfach nur durchs Fenster werfen und wieder zum polierten “Witcher 3” zurück.

“Far Cry 5” ist ein gigantischer und überfrachteter Karneval mit einigen Storyanleihen. Überall blinkt und leuchtet und blitzt es. Die Karte ist vollgestopft mit allerlei kleiner und großer Missionen und Fundstücke und Geheimnisse. Schön ist es hier allemal, als eine wahre Augenweide möchte ich es aber nicht bezeichnen, dafür merkt man dem Spiel die zahlreichen optischen wie auch technischen Macken zu sehr an.

Wem das nichts ausmacht oder gar gefällt, der wird mit dem Titel eine Menge Spaß haben. Ich jedenfalls kam gern immer wieder zurück nach Hope County, weil ich das Gefühl hatte, dass ich diesem Mikrokosmos und seinen Bewohnern wirklich helfen konnte. Auch wenn es nur mit plumpem Herumgeballere war. Bis ihr Joseph endlich wieder persönlich gegenüber steht, vergeht einige Zeit. Und die kuriosen wie manchmal auch einzigartigen Geschichten, die ihr bis dahin erlebt habt, kann euch wirklich niemand mehr nehmen. Nicht einmal ein religiöser Fanatiker.

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Jack & Jones

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