4 Blocks, Dark, Babylon Berlin - Wer sich heutzutage noch über deutsche Serien lustig macht, ist von gestern

„Echt gut für eine deutsche Serie!“ Bei der Bewertung einer deutschen Serie fällt diese abfedernde, ja herablassende Erwähnung immer wieder. Überleg mal kurz, wie oft hast du das schon gesagt?…
4 Blocks, Dark, Babylon Berlin

Wer sich heutzutage noch über deutsche Serien lustig macht, ist von gestern

„Echt gut für eine deutsche Serie!“ Bei der Bewertung einer deutschen Serie fällt diese abfedernde, ja herablassende Erwähnung immer wieder. Überleg mal kurz, wie oft hast du das schon gesagt? Wie oft hat das im Gespräch schon dein Gegenüber gesagt? Ja, genau. Ich kann diesen verdammten Satz nicht mehr hören! Wir, die überkritischen deutschen Zuschauer, schaffen es offensichtlich nicht, bei unseren eigenen Stoffen vorurteilsfrei und offenherzig zu sein.

Alles wird genau beäugt, kritisch geprüft, muss möglichst der Realität standhalten. Es ist das Tatort-Gen in uns, welches uns zu peniblen Arschlöchern macht. Man sieht es jede Woche: „So würde die Spurensicherung niemals vorgehen!“, „Das könnte sich ein Kommissar nicht erlauben, der wäre längst gefeuert!“, „Eine völlig unrealistische Schießerei!!“. Geht es allerdings um skandinavische Krimis oder US-amerikanische Thriller, ist uns ein Realitätsabgleich plötzlich vollkommen egal. Zurecht natürlich, denn wir schauen hier keine Dokumentationen, sondern fiktive Stoffe.

Mit diesem unnötigen Abgleichen zerstören wir unseren eigenen Sehgenuss und verpassen möglicherweise großartige Serien. Ein Beispiel: Die ZDF-Serie “Bad Banks” gibt uns aus der Sicht der Bankerin Jana Liekam einen Blick auf die Bankenwelt. Wir erfahren, was dieser arbeitsintensive und manchmal moralisch fragwürdige Job mit den Menschen macht, wie sich Frauen in dieser männerdominierten Welt schlagen und welche Auswirkungen die dort getätigten Geschäfte haben können – natürlich gespickt mit diversen Intrigen, Drogen und reichlich Krawall.

Herausgekommen ist eine fantastische Serie, die wunderbar inszeniert ist und in einem atemlosen Tempo den Weg in eine Katastrophe erzählt (diese wird in den ersten Sekunden der Serie direkt angedeutet, das „warum“ gilt es anschließend herauszufinden). Die Serie macht nicht den Fehler alles bis ins Detail erklären zu wollen und schon in der ersten Folge sämtliche Hintergrundgeschichten der Figuren anzuschneiden, damit direkt auch schon ja alle Karten auf dem Tisch liegen. Nein, wir bleiben über vieles noch im Unklaren, manches wird höchstens angedeutet und später aufgegriffen. Der Zuschauer wird schlicht nicht für blöd verkauft, er muss nicht alles mit dem Holzhammer serviert bekommen.

Was höre ich von manchen Leuten aus meinem Umfeld? Die Serie sei ja für eine deutsche nicht schlecht, vieles aber auch ganz schön übertrieben dargestellt. Kokain, Fickificki, Verschwörungen, das sei schon ein bisschen too much. Und in einem Artikel habe man auch gelesen – ein Banker berichtet dort, wie es wirklich in der Bankenwelt ist – dass das alles schon ganz schön stressig sei, aber in der Serie dann doch ziemlich zugespitzt.

Lea Streisand, Autorin der taz, ist das alles sowieso noch nicht subtil genug, sie schreibt: „‚Welchen Preis hat deine Moral?‘ fragt die Serie in der ZDF-Mediathek sich selbst im Untertitel. Ach deswegen müssen sich die Bänker permanent betrinken und Drogen nehmen und Sexarbeiterinnen verprügeln! Weil sie sonst an ihrer eigenen Schlechtigkeit kaputtgehen würden. Ach herrjemine!“

Ja, herrjemine. Warum höre ich solch leidenschaftlich-beknackten Einwürfe eigentlich nie bei ausländischen Serien? 
Narcos: „Huiuiui, das wirkt schon ganz schön dramatisiert! Und wie Pablo Escobar zum coolen Drogenbaron stilisiert wird, schrecklich!“ “Mr. Robot”: „Banken- und Staatskrisen hin oder her, aber man kann es auch wirklich übertreiben! Sieht ja nett aus alles, aber vieles ist ziemlich unrealistisch. Allein Elliots Krankheit, gibt’s die in dieser extremen Form überhaupt??“ “Breaking Bad”: „Als ob ein kleiner Lehrer mit Lungenkrebs zum gefürchteten Drogenbaron werden kann!? So einen abwegigen Schrott gucke ich mir nicht an!“

Das sagt natürlich niemand (der noch bei Verstand ist), denn wir reden hier eben, richtig, von fiktiven Stoffen. Alles von der Realität inspiriert oder direkt beeinflusst, aber eben doch für das Publikum zugespitzt, dramatisiert, verfremdet. Ist logisch, hinterfragt keiner, warum auch. Nur bei deutschen Stoffen scheint das nicht zu gelten.

Sollte mal nicht mit der Realität abgeglichen werden, so wird eben knallhart verglichen; die zweite Paradedisziplin des deutschen Konsumenten. „Das ist doch wie…“, „…hat das doch schon viel besser gemacht.“, „Ist doch nur eine deutsche Version von…“. Man kann es sich doch so einfach machen. Stempel drauf, fertig. Wozu gucken, das Urteil steht doch eh schon?

Beispiel Dark, der ersten deutschen Netflix-Serie. Ein düsterer, komplexer Mystery-Thriller mit einem hervorragenden Cast (wie auch schon bei “Bad Banks“). Hier wird auf verschiedenen Zeitebenen erzählt, man muss sich im Laufe der Folgen erst mal zurechtfinden. Die US-Amerikaner, welche für gewöhnlich nur englischen Content schauen, waren so von Dark angetan, dass sie die Serie in der Originalsprache schauen wollten und den Untertitel-Button das erste Mal verwendeten.

Einige US-Seiten haben sogar Artikel darüber geschrieben, wie der Untertitel-Button zu finden ist; es hatte ihn ja zuvor noch kaum jemand genutzt!
 In Deutschland, ja, da ist man eher weniger euphorisch, um es freundlich auszudrücken. Da muss schon genauer hingeschaut werden. „Was? Eine international gefeierte Serie aus Deutschland? Das kann nicht sein, da gibt’s irgendwo einen Haken!“

Und der wurde auch schnell gefunden: “Dark” ist nur ein billiger “Stranger-Things“-Abklatsch! Der Fall war klar: Retro-Feeling, ein vermisstes Kind, eine Gruppe Jugendlicher, die durch einen dunklen, verregneten Wald laufen. So dreist, diese deutschen Kreativen! Dabei waren die Dreharbeiten bereits in vollem Gange, als die erste Staffel von Stranger Things erschien, wie die Serienmacher im Interview mit Puls selbst erzählen.

Für mögliche Ähnlichkeiten hat Schöpferin Jantje Friese auch direkt eine simple, wie einleuchtende Erklärung: „Solche Bewegungen gibt es ja öfter, wo bestimmte Themen oder Motive gleichzeitig genutzt werden. Das hat aber am Ende auch nur damit zu tun, dass wir wahrscheinlich alle die gleichen Filme konsumiert haben, als wir klein waren oder die gleichen kulturellen Besonderheiten und Ereignisse mitbekommen haben – und daraus schöpft man dann.“ Leuchtet ein und ist nun auch wirklich keine Neuigkeit.

Letztlich soll es hier ja gar nicht darum gehen, dass jetzt jeder alles mögen muss, wir sollten vielmehr unser Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die deutschen Produktionen (wieder)finden. Also einfach mal locker machen, die Skepsis und Vorurteile ablegen. Zugeben, die jahrzehntelange, deutsche Schrott-Offensive mit “Traumschiff”, “Bergdoktor”, “Schwarzwald Klinik” und Co. haben uns misstrauisch gemacht. Mit fantastischen Serien wie “4 Blocks“, “Babylon Berlin“, “Deutschland 83“, “Club der roten Bänder“, “Jerks“, “Hindafing“, “Charité” und eben “Bad Banks” und “Dark” haben wir aktuell nun wirklich jeden Grund dazu dieses Misstrauen abzulegen.

Abonniert unseren Newsletter!

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

3 Kommentare