Wut, Schweiß, Tränen - So ist es, mit jemandem zusammen zu sein, der eine krankhafte Zwangsneurose hat

Die Zwangsneurose meines Freundes hat unsere Beziehung schon das ein oder andere Mal einer echten Belastungsprobe unterzogen. Nein, mein Freund ist nicht der Typ Mensch, der die Krise bekommt, wenn…
Wut, SchweiSS, Tränen

So ist es, mit jemandem zusammen zu sein, der eine krankhafte Zwangsneurose hat

Die Zwangsneurose meines Freundes hat unsere Beziehung schon das ein oder andere Mal einer echten Belastungsprobe unterzogen. Nein, mein Freund ist nicht der Typ Mensch, der die Krise bekommt, wenn sein Sandwich nicht in zwei perfekte Dreiecke geschnitten wurde oder wenn ein rotes Gummibärchen zwischen lauter grünen liegt.

Das sind nämlich Dinge, an der sich fast jeder von uns optisch stößt, und wenn du mir nicht glaubst, gib doch bei Google einfach mal „OCD nightmare“ ein. Herzlichen Glückwunsch, du bist ein durchschnittlicher Mensch mit einem durchschnittlichen Sinn für Ästhetik, der maximal ein wenig unangenehm berührt ist, wenn er solche Dinge sieht.

Mein Freund allerdings hat eine ernstzunehmende Erkrankung, bei der er gewisse Dinge nach einem ganz bestimmten Prinzip machen muss, damit seine Welt nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Für einen gesunden Menschen mag das nicht logisch erscheinen, für meinen Freund aber gibt es nur eine korrekte Art, Dinge zu tun. Und in seinem Kopf ist jeder, der nicht so handelt wie er, die Person, die etwas ganz grundlegend falsch macht.

Wenn du also jemanden kennst oder selbst zu den Leuten gehörst, die sich vermeintlich häufig die Hände waschen müssen oder in Bussen und Bahnen die Stangen zum Festhalten nicht anfassen, ist das vergleichsweise harmlos. Es ist einfach normal, die Keime von wildfremden Personen nicht an sich haben zu wollen und die Flossen unter fließendes Wasser zu halten, nachdem man etwas angefasst hat, das man eklig fand. Oder bevor man etwas anfassen wird, das man sich eventuell in den Mund schieben will. Und damit meine ich Essen, keine Penisse.

Wobei es ja auch Menschen geben soll, die sich nicht einmal die Hände waschen, wenn sie gerade auf dem Klo waren. Das ist – abgesehen davon, dass es tatsächlich unhygienisch und widerwärtig ist – schon mehr als fragwürdig. Da muss in der Erziehung auch so einiges schief gelaufen sein. Eine ernstgemeinte psychische Erkrankung ist es aber nicht. Schließlich zwingt einen keine innere Stimme, nach dem Kacken aufs Händewaschen zu verzichten.

Es gibt aber eben Leute, die von so einer Art innerer Stimme gezwungen werden, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Zum Beispiel, alles was man tut exakt acht Mal zu machen. Wenn man draußen unterwegs ist niemals schattige Stellen zu berühren, weder mit den Füßen, noch mit irgendeinem anderen Körperteil. Oder aber jede Bewegung, die man mit der rechten Hälfte des Körpers gemacht hat, auch noch einmal genauso mit der linken Körperhälfte zu wiederholen.

Mein Freund ist eine dieser Personen, die so eine innere Stimme hat, die ihn zu Dingen zwingt, die anderen unlogisch und vollkommen zurecht abnormal erscheinen. Also, er hört jetzt nicht einen kleinen Mann in seinem Ohr, der ihm sagt, dass er sich genau acht Mal für exakt acht Sekunden die Hände waschen muss, nachdem er pinkeln war. Aber sinnbildlich ist es in etwa so.

Es sind Gedanken, gegen die er sich nicht wehren kann, egal wie viel Willenskraft er aufbringt, und die er dann auch befolgen muss. Sonst passieren schlimme Dinge. Tun sie natürlich nicht wirklich, die Welt geht nicht unter, nur weil mein Freund sich jetzt nicht die vorgegebene Zeit die Hände waschen konnte, aber für ihn tut sie das. Und das äußerst sich dann in ziemlich schlimmen Panikattacken.

Aber mal weg von dem ganzen theoretischen Kram. Ich wollte euch ja erzählen, wie es ist, mit jemandem zusammen zu sein, der eine Zwangsneurose hat. Also wie unser Alltag aussieht und was er vor allem für mich bedeutet, als die Person, die nur zwar indirekt von dieser Störung betroffen ist, aber trotzdem irgendwie damit leben und fertig werden muss. Ja, mein Freund hat einen ziemlich großen Leidensdruck, der garantiert größer als meiner ist. Dennoch ist sein OCD auch für mich eine Last, die ich mittragen muss. Weil ich ihn wirklich ziemlich doll liebe.

Mein Freund muss alle Dinge, die er tut, so oft machen, dass die Zahl der ausgeführten Aktionen sich am Ende durch drei teilen lässt. Wenn eine Treppe zum Beispiel 12 Stufen hat, ist das okay. Wenn sie allerdings 13 Stufen hat, muss er die Treppe dreimal hoch und wieder runter laufen, damit er auf 39 Stufen kommt, was sich wiederum durch drei teilen lässt. Tut er das nicht, bekommt er akute Panikzustände, die sich unter anderem in Schweiß- oder Tränenausbrüchen äußern können.

Er kann auch nur Dinge essen, wenn sie sich durch drei teilen lassen. Eine Pizza zum Beispiel muss er in 12 Stücke geschnitten serviert bekommen. Wenn sie im Restaurant nur geviertelt an den Tisch gebracht wird, kann das bereits Angstzustände bei ihm auslösen. Auch wenn es ganz einfach ist, eine geviertelte Pizza noch schnell in zwölf Stücke zu schneiden und so für ihn essbar zu machen.

Zuhause in unserer Wohnung – wir leben seit rund zwei Jahren zusammen – hat alles seinen festen Platz. Aber nicht so wie bei psychisch gesunden Menschen, wo zwar alles seinen groben Platz hat, aber die Teller im Regal mal zwei Zentimeter rechts oder links stehen, sondern ich meine einen richtig festen Platz, der von meinem Freund vorher genau ausgemessen wurde.

Tassen zum Beispiel müssen exakt drei Zentimeter vom Regalrand entfernt platziert werden. Wenn wir Gäste haben und die ihre Schuhe im Flur nicht an der genau dafür vorhergesehenen Stelle ausziehen und abstellen, oder, noch schlimmer, sich auf den Sessel setzen, der nicht für Gäste, sondern für meinen Freund bestimmt ist, kann das zu unkontrollierbaren Wutausbrüchen bei ihm führen.

Ich weiß, dass ihr jetzt alle an Sheldon Cooper denkt, aber ich kann euch versichern: Das ist noch mal etwas ganz Anderes. Mein Freund wird nicht wütend, weil sich jemand auf seinen Platz setzt und er nicht mehr den perfekten Blick auf den Fernseher hat, sondern weil eine solche Kleinigkeit bereits seine ganze Welt im Inneren durcheinanderbringt. Die Wut ist bei ihm ein Schutzmechanismus und nicht einfach nur ein Arschloch-Move, wie das etwa bei Sheldon Cooper der Fall ist.

Generell bestimmt eigentlich immer mein Freund, was, wie, wo und weshalb gemacht wird. Alle anderen Menschen, die mit ihm zu tun haben, müssen sich ihm und seiner Zwangsneurose anpassen. Weil es – zumindest momentan – nicht anders geht und jede Veränderung zu einem kleinen Nervenzusammenbruch bei ihm führt, der ihn erst einmal tagelang aus der Bahn wirft.

Abgesehen davon, dass er auf andere komisch wirkt und seine Verhaltensweisen wirklich anstrengend sind, erlebt er sich nicht als gestört. Zumindest nicht solange alles nach seinen Regeln läuft. Seinen Leidensdruck kann er umgehen, solange er jeden Tag dasselbe machen kann. Kritisch wird es erst, wenn er zum Beispiel aufgrund einer Baustelle einen anderen Weg zur Arbeit nehmen muss oder er anderweitig in seiner Routine und seinen alltäglichen Abläufen gestört wird.

Ihr könnt euch denken, wie oft das gut geht. Aber Zwangsgestörte wären ja auch nicht zwangsgestört, wenn sich in ihnen nicht immer neue Zwänge aufbauen würden, mit denen sie beispielsweise Wutaus- und Nervenzusammenbrüche umgehen können, wenn jemand die Tasse im Regal einen Zentimeter zu weit nach hinten geschoben hat. Zum Beispiel fangen sie dann an, immer wenn das vorkommt, dreimal auf ihren linken Daumen zu beißen. Oder ähnliches.

Jedenfalls habt ihr, die ihr von euch behauptet, dass ihr ja „so OCD seid“, weil ihr eure Bücher gerne alphabetisch und eure Stifte gerne farblich sortiert, tatsächlich einfach ganz normal. Aber darüber, dass ihr mit solchen Aussagen Krankheiten verharmlost, solltet ihr euch wirklich mal Gedanken machen.

Abonniert unseren Newsletter!

Vero Moda

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu: