Lustkiller Hormone - Seitdem ich die Pille nicht mehr nehme, habe ich endlich wieder richtig Lust auf Sex

Ich weiß nicht so genau warum eigentlich, aber vor etwa einem halben Jahr hatte ich die großartige Idee, dass ich mir ja mal die Pille verschreiben lassen könnte. Oh, doch,…
Lustkiller Hormone

Seitdem ich die Pille nicht mehr nehme, habe ich endlich wieder richtig Lust auf Sex

Ich weiß nicht so genau warum eigentlich, aber vor etwa einem halben Jahr hatte ich die großartige Idee, dass ich mir ja mal die Pille verschreiben lassen könnte. Oh, doch, ich weiß wieder wieso! Weil meine neue Frauenärztin, die ich wirklich mag und schätze, mir wiederholt und nachdrücklich dazu geraten hat und ich mich diesmal von ihr überzeugen ließ, es wenigstens mal zu versuchen – obwohl mir durchaus bewusst war, dass die Pille nicht nur Vorteile hatte, auch wenn bereits mehrere Ärzte versucht hatten, mir das genauso zu verkaufen.

Wer mein Buch gelesen hat, weiß, dass ich nach einem Sexcident schon mal eine eher nicht so tolle Erfahrung mit der Pille danach und vor allem deren Beschaffung gemacht hatte. Doch die Anti-Baby-Pille, das versicherte die Frau, die beruflich Muschis fingerte, mir, wäre ganz anders und mit Sicherheit keine Hormonbombe, die sämtliche natürliche Funktionen meines Körpers durcheinander werfen würde.

Heutzutage wäre das Medikament so niedrig dosiert, dass ich praktisch gar nicht merken würde, dass es in meinen Hormonhaushalt eingriff. Zumindest nicht auf negative Art. Wenn überhaupt, dann würde ich nur positive Nebenwirkungen erfahren. Bessere Haut, größere Brüste, eine weniger schmerzhafte Menstruation. Und gegen Stimmungsschwankungen würde die Anti-Baby-Pille auch helfen. Dass sie tatsächlich auch Schwangerschaften verhindern konnte, schien irgendwie nebensächlich zu sein.

Nachdem ich mich also oben- und untenrum begrabschen und mir versichern lassen habe, dass mit meinem Körper trotz diverser Alkohol- und Drogenexzesse alles in Ordnung sei, stand ich also in der Apotheke und reichte der Dame hinter dem Tresen mein frisch ausgestelltes Rezept für die Anti-Baby-Pille. Das allererste meines Lebens. Sie tippte ein wenig auf ihrer Tastatur herum, eilte dann nach hinten, kam mit einer kleinen, niedlich aussehenden Packung voller Tabletten zurück und verlangte im Austausch gegen diese einen stolzen Betrag von fast 30 Euro.

Ich weiß ja, dass Kinder wirklich teuer sind, aber ich habe glaube ich noch nie Kondome von diesem Wert innerhalb eines Monats weggebumst. Die ich ja zusätzlich bezahlen müssen würde, wenn ich keinen Bock auf einen Tripper, Chlamydien oder ganz und gar HIV hatte. Geschlechtskrankheiten sind ein bisschen wie Drogen: Man weiß nie genau, was man bekommt. Vor allem in so einer Stadt wie Berlin nicht.

Die Apothekerin klärte mich noch kurz darüber auf, wie ich die Pille zu nehmen hatte (die erste Tablette am ersten Tag meiner Menstruation, dann 21 Tage lang jeden Tag ein Kügelchen um die gleiche Uhrzeit, dann exakt sieben Tage Pause, in denen ich dann bluten würde und an Tag acht sollte ich dann mit einer neuen Packung starten) und dann durfte ich das Medikament an mich nehmen und gehen.

Meine Ärztin selbst hatte irgendwie versäumt, mir zu erklären, wie genau man die Tabletten einzunehmen hatte, wenn man nicht schwanger werden wollte. So im Nachhinein wirft das bei mir doch schon einige Frage auf, zum Beispiel, warum sie zwar so viel Zeit darauf verwendete, mir die Pille als Wundermittel anzupreisen, und dann aber nicht mal darauf zu sprechen kam, was genau ich bei der Einnahme beachten musste.

Gut, ich hätte alles anhand des Beipackzettels und mit Hilfe des Internets auch alleine herausfinden können, aber einen etwas bitteren Beigeschmack hinterlässt es schon, wenn deine eigene Ärztin dich mit Medikamenten versorgt, ohne dir zu erklären, wie du sie einzunehmen hast, was sie bewirken, mit welchen Neben- oder Wechselwirkungen du rechnen musst und was sonst so zu beachten ist. Ich hoffe, dass ich da an eine Ausnahme geraten bin und andere Frauenärzte ihre Patientinnen in Bezug auf die Einnahme der Pille besser beraten als meine Ärztin mich.

Zwei Wochen nach meinem Frauenarztbesuch war es dann auch endlich soweit: Ich bekam meine Periode. Das bedeutete: Ich durfte endlich meine allererste Anti-Baby-Pille ever einwerfen. Ich glaube, ich war mindestens so aufgeregt wie damals, als ich das erste Mal MDMA probiert habe. Man sagt ja, dass die Pille schon direkt nach der ersten Einnahme anfängt zu wirken – obgleich sie scheinbar keinen Schutz bietet, wenn man sie nur ein einziges Mal vergisst – und ich war gespannt, ob ich etwas merken würde. Ob ich weniger Menstruationsbeschwerden haben würde zum Beispiel, oder ob sich der Geruch und Geschmack meiner Muschi wesentlich verändern würde. Bis auf, dass meine Blutung um etwa einen Tag kürzer ausfiel als sonst, konnte ich allerdings nicht viel bemerken. Zumindest nicht in der ersten Zeit.

Ich bumste mich fröhlich weiter durch die Gegend, natürlich immer zusätzlich mit Gummi, wegen der bereits erwähnten Geschlechtskrankheiten, und freute mich darüber, dass ich nun immer auf den Tag genau vorhersehen konnte, wann ich meine Tage bekommen würde. Wirklich regelmäßig war mein Zyklus nämlich bis dato nicht gewesen, was vermutlich auch einfach mit meinem Lebensstil, der aus sehr viel Feierei besteht, zusammenhängt. Ich nahm auch weiterhin Drogen, trank Alkohol und rauchte, was man (zumindest laut Packungsbeilage) ja eigentlich nicht machen soll, aber hey, ein bisschen Risiko gehört zum Leben auch einfach dazu.

Nach zwei Monaten Pille und einer Kontrolluntersuchung bei meiner Frauenärztin hatte ich vier Kilo und eine ganze Körbchengröße zugelegt, war meine Pepppickel losgeworden und fühlte mich insgesamt ganz okay. Aus meiner Sicht sprach also nichts dagegen, das Experiment Pille fortzuführen. Und aus der meiner Ärztin auch nicht. Ich ließ mir ein Rezept für sechs weitere Monate ausstellen, löste es am selben Tag noch in der Apotheke ein und schluckte brav eine Tablette nach der anderen, ganz so, wie es mir erklärt worden war.

Vier Monate später. Meine Regelblutung hatte gerade eingesetzt und ich öffnete meine Menstruations-App (beste Erfindung ever), um den Beginn eines neuen Zyklus zu notieren. Da stach es mir ins Auge. Zwei Monate und zwei Tage. So lange war es her, dass ich das letzte Mal gefickt hatte. Zumindest, wenn ich der App Glauben schenken durfte, wovon eigentlich auszugehen war, denn ich pflege sie sehr gewissenhaft. Aus Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft und natürlich, um den Übeltäter benennen zu können in dem Fall, dass ich mir doch mal einen Tripper zuzog. Ich kramte in meinem Gedächtnis umher, ob ich nicht vielleicht doch etwas vergessen hatte, doch da war nichts. Ich konnte mich nicht einmal erinnern, wann ich es mir das letzte Mal selbst besorgt hatte. Dabei war ich eine Zeit lang regelrecht süchtig nach meinem Satisfyer.

Ich vernichtete die zwei verbliebenen Blister mit Anti-Baby-Pillen noch am selben Tag. Bereits zwei Wochen später war mein Sexualtrieb wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Ich kann mich ja mit wirklich vielem arrangieren. Ein Libido raubendes Medikament gehört allerdings nicht dazu. Die Frauenarztpraxis hab ich sicherheitshalber auch gleich noch gewechselt. Mit Menschen, die so sorglos mit Pillen um sich schmeißen, will ich nichts zu tun haben. Es sei denn, sie sind meine Dealer. Und die Pillen, mit denen sie werfen, MDMA.

Nadine Kroll: Stellungswechsel

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