Lost in Berlin - Du bist erst in Berlin angekommen, wenn du weißt, wie man an Drogen kommt

Als ich vor knapp drei Monaten in die Hauptstadt gezogen bin, war ich mir sicher, dass mich Drogen einfach kalt lassen würden. Selbst wenn sie einem an jeder Straßenecke regelrecht…
Lost in Berlin

Du bist erst in Berlin angekommen, wenn du weiSSt, wie man an Drogen kommt

Als ich vor knapp drei Monaten in die Hauptstadt gezogen bin, war ich mir sicher, dass mich Drogen einfach kalt lassen würden. Selbst wenn sie einem an jeder Straßenecke regelrecht hintergeworfen werden. Ich habe in meinem Leben noch keinen einzigen Joint geraucht, nicht einmal an einer Zigarette gezogen und auch mein Alkoholkonsum hält sich in Grenzen. Von einem guten Glas Wein zum Abendessen oder dem obligatorischen Sekt zu Geburtstag und Silvester mal abgesehen. Und ja, auf dem Weihnachtsmarkt habe ich mich zu ein bis zwei Bechern Feuerzangenbowle verleiten lassen, aber da hört es eigentlich schon auf.

Ich bin vermutlich einer von drei jungen Menschen, die tatsächlich nur nach Berlin gekommen sind, um hier Karriere zu machen – und nicht, um wilde Partys zu feiern und mich einmal durch alles, was der Rauschgiftmarkt zu bieten hat, zu probieren. Mein Mitbewohner Maxi ist begeisterter Kiffer und im Gefrierfach unseres Kühlschranks liegen, fein verpackt in Alufolie, drei Plättchen LSD und etwas Speed, von dem ich nicht so genau weiß, ob es nun ihm oder unserer Mitbewohnerin Berna gehört.

Durch die beiden bin ich das erste Mal überhaupt mit illegalen Substanzen in Berührung gekommen. Aber auch nur, weil sie es mir gezeigt und die verschiedenen Wirkungen erklärt haben. Das Angebot, selbst mal etwas einzuwerfen, „zum Ausprobieren“, habe ich immer ausgeschlagen. Nicht aus Angst, dass ich irgendwie süchtig oder von der Polizei verhaftet werden könnte, die mich direkt wieder nach Bayern abschiebt, bevor ich mich zur sogenannten Intensivtäterin entwickeln und in die Beschaffungskriminalität abrutschen kann, sondern weil es mich ganz einfach nicht interessiert hat. „Ich hab auch ohne Alkohol und Drogen Spaß!“, ist ein Satz, den man tatsächlich häufiger von mir hörte auf die Frage, warum ich bei Trinkspielen nicht mitmachen will und ablehne, wenn irgendwo ein Joint die Runde macht.

Mehr hatte ich mit legalen wie auch illegalen Substanzen in meinem ganzen Leben noch nicht am Hut. Und hätte mir vor meinem Umzug nach Berlin jemand gesagt, dass es keine drei Monate dauern würde, bis ich das erste Mal selbst eine Nase Kokain ziehen würde, ich hätte die- oder denjenigen für verrückt erklärt. Es ist aber dann doch genau so probiert: Noch bevor ich mein dreimonatiges Jubiläum in der Hauptstadt feiern konnte, habe ich das erste Mal gekokst. Der Weg dahin war allerdings eine einzige Odyssee und ich muss sagen, dass ich mich inzwischen wirklich dafür schäme, wie naiv und auch einfach dumm ich an die Sache herangegangen bin.

Es war ausgerechnet auf der Weihnachtsfeier der Firma, bei der ich angestellt bin, dass eine meiner Kolleginnen den Satz „Ich hätte jetzt richtig Bock auf eine Line!“ fallen ließ, während wir zusammen auf der Toilette in der „Kantine Kohlmann“ waren und uns die Hände wuschen. „Du kennst nicht zufällig jemanden, der auf die Schnelle was besorgen kann?“, fragte sie mich, gefolgt von einem „Nimmst du überhaupt Drogen?“ und einem Blick, von dem ich bis heute nicht so genau weiß, ob er abschätzig oder einfach nur irritiert war, weil ich im ersten Moment nichts Anderes tun konnte, als sie mit offenem Mund anzuschauen und „Äh …“ zu machen. „Also nicht“, sagte meine Kollegin und wollte schon zurück zu den anderen in den Barbereich gehen, als ich sie am Arm festhielt und meinte „Warte! Ich hab noch nie, aber ich würde gern!“.

Was mich an diesem Abend geritten hat, weiß ich bis heute nicht genau. Ich kann nur vermuten, dass es eine Mischung aus dem Weißwein, den ich bereits zu mir genommen hatte, Aufregung und Neugierde war, denn wenn die eigene Kollegin, die man schätzt und auch bewundert, sich als Kokserin outet, dann muss ja doch irgendwas dran sein an dem weißen Pulver, das man sich durch die Nase zieht.

Meine Kollegin ließ ein kurzes Quietschen los und fing sofort an, in ihrer Tasche nach ihrem Telefon zu wühlen. „Ich hab vor kurzem von einer Freundin die Nummer vom Drogentaxi bekommen“, erklärte sie mir aufgeregt, „wenn du mit einem Fuffi dabei bist, bestell ich uns darüber was!“ Ich fragte sie, ob sie das schon mal gemacht habe, was sie verneinte. An der Stelle hätte ich dann doch fast noch einen Rückzieher gemacht, ließ mich aber von meiner Kollegin breitschlagen, fünfzig Euro in ein Tütchen Koks zu investieren.

„Ruf ich da jetzt an oder schreibe ich eine SMS?“, fragte meine Kollegin und ich konnte nur ratlos mit den Schultern zucken. Sie entschied sich dann aber für einen Anruf mit unterdrückter Nummer, was aus unserer Sicht in diesem Moment das für alle Beteiligten sicherste Vorgehen war. Einen Augenblick lang fühlte ich mich aber schon ein wenig kriminell.

Das Telefonat verlief schnell und einfach. Meine Kollegin sagte, was sie wollte, der Mann am anderen Ende nannte ihr eine Uhrzeit und wir gingen zurück an unseren Tisch, wo ich versuchte, mir die Aufregung nicht anmerken zu lassen. Zwanzig Minuten später verabschiedeten wir uns unter dem Vorwand, noch kurz Geld für eine weitere Runde Getränke holen zu müssen, nach draußen.

Direkt vor der Tür wartete auch bereits ein Taxi auf uns. Meine Kollegin und ich stiegen ein, begrüßten den Fahrer mit einem einfachen „Hallo!“ und warteten mit gezückten Geldscheinen auf unsere Ware. Nur, dass sie nicht kam. Stattdessen fragte uns der Mann hinter dem Steuer, wo es denn hingehen solle und blickte uns sehr irritiert an, als meine Kollegin ihm „Wir hatten Kokain bestellt!“ antwortete.

In dem Moment wurde mir so langsam bewusst, dass hier etwas ganz gewaltig schief lief und als der Typ dann auch noch fragte, ob einer von uns Frau Soundso sei, die über die myTaxi-App gebucht hatte, wurde auch meiner Kollegin klar, dass wir es nicht mit einem Drogenkurier zu tun hatten, sondern einem stinknormalen Taxifahrer.

Wir flüchteten regelrecht aus dem Auto und rannten sogar einmal um die Ecke, weil wir Angst hatten, der Fahrer könnte inzwischen die Polizei verständigen, weil er sich von zwei verrückten Frauen bedroht fühlte. Währenddessen kam auch schon ein SMS von unserem richtigen „Taxifahrer“, dass er nun mitsamt der Lieferung auch vor Ort wäre. In einem schwarzen Kleinwagen, wie sich herausstellte. Aber wer hätte denn auch ahnen sollen, dass das Berliner „Drogentaxi“ gar kein echtes Taxi ist, sondern ein stinknormales Auto, das sich nicht von den hunderttausend anderen Autos unterscheiden lässt, die in dieser Stadt umher fahren?

Wir stiegen, halb lachend, halb beschämt, bei unserem Drogenkurier auf die Rückbank, der mit uns eine kleine Runde drehte, fünfzig Euro von jeder von uns kassierte und meiner Kollegin und mir dafür zwei Tütchen Kokain in die Hand drückte und zum Abschied darauf hinwies, dass er ab morgen nicht mehr unter dieser Nummer erreichbar sein würde, weil es wieder einmal Zeit für einen Nummernwechsel war.

Was danach kam – also meine erste Line auf der Toilette der Kantine Kohlmann zusammen mit meiner Arbeitskollegin, der ich jeden Tag gegenübersitze – war leider lange nicht so spannend wie der Bestell- und Abholprozess. Um ehrlich zu sein, habe ich kaum etwas gemerkt. Das Aufregendste am Koksen war für mich neben der Beschaffung der Droge eigentlich der Moment, in dem ich wie im Film einen Geldschein zusammenrollte von dem ich wusste, dass ich damit gleich eine illegale Substanz in meine Nase ziehen werde. Alles was danach kam war eigentlich nicht mehr der Rede wert.

Aber immerhin weiß ich jetzt, wie man in Berlin an Drogen kommt, womit ich nun glaube ich endgültig in der Hauptstadt angekommen bin. Auch wenn ich mich wahrscheinlich für immer dafür schämen werde, wie mein erster, bisher einziger und vermutlich auch letzter Drogenkauf abgelaufen ist.

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NA-KD

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