Der Streaming-Hasser - Ich komme mit Spotify, Netflix und Apple Music einfach nicht klar

Ich war noch nie cool. Nicht im Kindergarten, nicht in der Schule, nicht im Arbeitsleben. Während alle um mich herum die neuesten Songs von amerikanischen Hip Hoppern hörten, die angesagtesten…
Der Streaming-Hasser

Ich komme mit Spotify, Netflix und Apple Music einfach nicht klar

Ich war noch nie cool. Nicht im Kindergarten, nicht in der Schule, nicht im Arbeitsleben. Während alle um mich herum die neuesten Songs von amerikanischen Hip Hoppern hörten, die angesagtesten Nike Air Max trugen und Drogen nahmen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte, nerdete ich in meinem kleinen Kosmos herum, hörte den “Chrono Trigger”-Soundtrack auf meinem zu zerfallen drohenden iPod, trug seit 15 Jahren Superstars und fühlte mich schon krass, wenn ich mal an einem Joint paffte.

Wenn ich an Musik, Serien oder Filme heran kommen wollte, dann war ich ein großer Freund von Torrents. Jeden Monat gab es eine Indie-Rock-Playlist per Downloadlink, auf dem die skurrilsten Alternative-Tracks zu hören waren. Animeserien abonnierte ich per RSS, Filme bekam ich normalerweise per Sammelfestplatte auf irgendeinem Uniserver. Das Leben war schön. Und einfach.

Als dann Spotify groß wurde, ignorierte ich es komplett. Es war mir egal. Warum sollte ich Geld zahlen, um mir Musik zu mieten, die mir nicht einmal gehört und von der ich mir 99 Prozent eh niemals im Leben anhören würde? Spotify war ein kleiner, unbedeutender Nischentrend, der in Foren belächelt und von mir mit einem einfachen “Nope” abgestempelt wurde.

Während ich also fröhlich The Pirate Bay nach den neuesten “One Piece”-Folgen durchstöberte und Lykke Li, Bat for Lashes und Santigold auf illegalen Playlists abfeierte, änderte sich das technologische Klima. Immer mehr meiner Berliner Freunde und Bekannte hatten plötzlich das dunkelgrüne Spotify-Logo auf ihren iPhones und Laptops.

“Guck, ich kann mir das neue Kanye-West-Album anhören, ohne es mir kaufen zu müssen!” “Wooooow…”, dachte ich mir. “Willkommen in meiner Welt von vor zehn Jahren!” Aus meiner Ignoranz wurde Spott. Da ahnte ich noch nicht, dass dieses Spotify irgendwann zu einer persönliche Krise in meiner kleinen, mummeligen Nerdwelt führen würde.

Während also die Menschen um mich herum langsam aber sicher zur kollektiven Streamingparty stießen, feierte ich mich selbst mit meiner geliebten MP3-Sammlung, hörte mich durch Alben und Singles, die ich von irgendwelchen PR-Agenturen kostenlos zugeschickt bekam und begann sogar damit, Tracks von Künstlern, die ich wirklich mochte, auf Bandcamp zu kaufen.

Meine Krise begann an dem Tag, als Apple plötzlich Apple Music vorstellte. Vorher war iTunes ein Sammelbecken der persönlichen Lieblingsalben, jetzt zelebrierte auch der Computerhersteller meiner Wahl auf einmal den Trend hin zum Streaming. Plötzlich war Streaming nicht mehr nur eine Parallelwelt irgendwo da draußen, nein, sie drang in meinen persönlichen Kosmos ein.

Ich war zwar nicht cool, aber dafür zumindest in technologischer Hinsicht immer ganz vorne mit dabei. Während ihr Windows XP installiert habt, hatte ich schon meinen ersten Mac zu Hause. Während ihr noch mit dem Diskman joggen wart, kopierte ich schon meine ersten 128kbps-MP3s auf meinen iPod. Und während ihr noch vor dem RTL-Nachmittagsprogramm gesabbert habt, lud ich mir die neuesten HBO-Serien aus den USA herunter. Ich war zwar nicht cool, aber dafür besser.

Doch dank Spotify, Netflix und Apple Music hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt plötzlich technologisch nicht mehr up-to-date war. Der Besitz von Medien war nicht mehr zeitgemäß. Piraterie assoziierte man nicht mehr mit geekigen Teens, sondern mit polnischen Geldwäschern. Das Streamen wurde zur Norm, alles andere war auf einen Schlag die Vergangenheit.

Nach und nach bekamen immer mehr Hauptschulabbrecher Zugang zum Internet und demolierten es kontinuierlich auf eine Art und Weise, die ich im Nachhinein als Angriff gegen meine digitale Persönlichkeit ansehe. Menschen, die keine Ahnung von Technologie hatten, die ihr 800-Euro-Handy für Duckface-Selfies und Candy Crush benutzten, hatten meine Welt kaputt gemacht.

Jetzt wurde Technologie nicht mehr für Leute gemacht, die sich damit auskannten, sondern für diejenigen, die ein 12-Minuten-langes YouTube-Video ohne Hard Cut bereits mental überfordert. “Warum kann ich den Desktop-Screen nicht anfassen?” “Warum kann ich den Facebook-AGBs nicht mit einem geteilten Bild voller Rechtschreibfehler widersprechen?” “Warum kann ich nicht die AfD wählen, ohne dafür für einen unterbelichteten Vollidioten gehalten zu werden?”

Die Menschen begaben sich nach und nach freiwillig in geschlossene Ökosysteme, weil sie mit dem freien Internet überfordert waren. Wer braucht schon Webseiten, wenn er Facebook hat? Wer braucht schon Blogs, wenn er YouTube hat? Wer braucht schon MP3s, wenn er Spotify hat? Die digitale Freiheit ist eben zu anstrengend für die meisten Menschen.

Spätestens als Apple damit begann, das iPad als Mac-Ersatz zu vermarkten, Menschen die Dropbox für einen echten Backup-Ersatz hielten und Netflix-Serien zum universellen Popkulturgut avancierten, merkte ich, dass ich mit meinen Vorstellungen technologisch überflüssig zu werden drohte. Wie Papier. Oder die SMS. Oder das Faxgerät.

Also packte ich alle meine Dateien auf eine externe Festplatte, installierte mein Betriebssystem neu und versuchte einen mobilen und torrentfreien Alltag zu führen. Ich meldete mich bei Spotify, Netflix und Dropbox an. Ich wollte genauso sein wie die Leute, die das Silicon Valley abfeierten und kritiklos alles schluckten, was es in die Welt hinaus schleudert.

“Wie schwer kann das schon sein?” fragte ich mich. Ab jetzt schaue ich nur noch “Game of Thrones”, “Stranger Things” und welcher traurige Lizenzrest auf dem deutschen Crunchyroll übrig ist. VPNs sind schließlich etwas für Kriminelle und Pädophile. Ab jetzt höre ich nur noch Post Malone, Bausa und Fest & Flauschig. Andere schaffen das schließlich auch. Und ab jetzt sind Torrents, MP3s und Mega-Downloads tabu. Erwachsene, digital agierende Menschen brauchen so etwas nicht.

Der Vorsatz hielt eine Woche. Spotify machte mich verrückt, weil ich die Hälfte meiner Lieblingskünstler nicht fand und Songs aus zu meiner Bibliothek hinzugefügten Playlisten verschwanden. Einfach so. Ohne Erklärung. Manche Alben hatten nur drei abspielbare Lieder. Der Großteil der mir vorgeschlagenen Lieder waren Deutschrap-Quatsch und Starbucks-Hintergrundgedudel. Wow.

Und wenn ich dann mal ein paar Songs fand, von denen ich mir einredete, dass sie modern und cool sind, dann hörte ich mir die zweimal an und wechselte dann doch zu irgendeinem nerdigen Radiosender auf YouTube. Die 10 Euro im Monat konnte ich mir also schon mal sparen. Ja, ich habe einen ziemlich seltsamen Musikgeschmack, und ja, das macht mir das Leben nicht gerade leichter.

Die meiste Zeit auf Netflix verbrachte ich damit, eine halbe Stunde lang lethargisch durch die Menüs zu klicken, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich mir jetzt zum 20. Mal “Girls Club” oder doch “Men in Black” anschauen sollte. Schließlich redete ich mir ein, dass ich mir jetzt nicht “Made in Abyss” herunter laden dürfte, obwohl das halbe Reddit davon schwärmte.

Mein neues digitales Ich war zensiert, lokalisiert und nicht mehr zu gebrauchen. Es fiel mir nicht nur schwer, mich selbst in diese neumodischen Käfige, die mir das Leben doch so einfach machen sollten, zu quetschen, nein, es war faktisch unmöglich für mich. Ich konnte mental diesen Schalter, der mich zu einem neuen Menschen machen sollte, einfach nicht umlegen.

Mir geht es dabei nicht unbedingt ums Geld. Oder dass man zehn verschiedene Abonnements zu je 10 Euro im Monat abschließen müsste, um auch nur einen Bruchteil der im Internet vorhandenen Bandbreite an Konsuminhalten zu simulieren, sondern die Tatsache, dass es mir schwer fällt, den Weg dieses kreativen Einschnitts einzuschlagen.

Vielleicht ist es einfacher, wenn man direkt in die Welt von Netflix, Spotify & Co. hinein geboren wird. Oder wenn man schlichtweg einen gewöhnlicheren Musik- und Filmgeschmack hat und sowieso nicht gerne über den kulturellen Tellerrand schaut. Ich kann von Ed-Sheeran-Fans wohl kaum erwarten, dass sie aufschreien, wenn sie den neuesten Suran-Song nicht sofort hören können.

Ich wollte cool und modern und technologisch ganz vorne mit dabei sein. Aber wenn cool und modern und technologisch ganz vorne mit dabei bedeutet, dass ich mich von den unendlichen Weiten des Internets abwende und nur noch die mir vorgesetzten Häppchen konsumiere, dann gehöre ich ab jetzt wohl der Vergangenheit an. Und ich bin nicht stolz darauf. Ganz im Gegenteil.

Es macht mir Angst. Weil das offiziell bedeutet, dass ich ab jetzt zu denjenigen gehöre, die sich der Zukunft nicht mehr anpassen können. Die Snapchat verteufeln und YouTuber hassen und Touchscreens doof finden. Die den Status Quo so lange wie möglich aufrecht erhalten wollen und jede Neuerung erst belächeln, dann verteufeln und letzten Endes bekämpfen.

Streaming wäre an sich eine großartige Erfindung. Wenn nicht wenige Gatekeeper wie Netflix, Spotify und Amazon die Macht darüber hätten, was am anderen Ende heraus kommt. Je mehr Geld wir in diese wenigen Konzerne pumpen, desto abhängiger werden wir von ihnen und ihren konzerninternen Manifesten. Das Internet begann als Netzwerk der offenen Ideen. Wir sollten nicht zulassen, dass wir irgendwann in einer als Zukunft getarnten Vergangenheit landen.

Wahrscheinlich wird schon bald ein Riss durch die Gesellschaft gehen. Der Großteil, der sich in den Walled Gardens wohl fühlt und auch keine Probleme mit den vorgekauten, lokalisierten und zensierten Inhalten hat, und abtrünnige Gruppierungen, die sich am dunklen Rand der bunt beleuchteten Spotify-, Netflix- und Apple-Music-Themeparks sammeln und in ihren zerschlissenen Klamotten die letzten Reste eines freien Internets zelebrieren. Ihr müsst nur noch entscheiden, zu welcher Seite ihr gehören werdet…

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TALLY WEiJL

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