3 Jahre #NotJustSad - Ihr habt Depressionen leider immer noch nicht verstanden

Vor drei Jahren verfasste Jana Seelig die Tweets, aus denen der Hashtag #NotJustSad hervorging, unter dem Betroffene über ihre Erfahrungen mit der Krankheit und den Reaktionen ihres Umfeld austauschten. Tagelang…
3 Jahre #NotJustSad

Ihr habt Depressionen leider immer noch nicht verstanden

Vor drei Jahren verfasste Jana Seelig die Tweets, aus denen der Hashtag #NotJustSad hervorging, unter dem Betroffene über ihre Erfahrungen mit der Krankheit und den Reaktionen ihres Umfeld austauschten. Tagelang dominierte das Thema daraufhin die mediale Berichterstattung, und es sah fast so aus, als wären Depressionen plötzlich etwas, worüber man ganz offen reden könne, ohne dafür als verrückt abgestempelt zu werden. Es folgte ein Buch von Jana Seelig, das „Minusgefühle“ heißt und in dem sie von ihrem Leben mit der Erkrankung berichtet.

Kurze Zeit später rief Uwe Hauck den Hashtag #AusderKlapse ins Leben, der sich – wie das Stichwort schon vermuten lässt – mit dem Aufenthalt in psychiatrischen Kliniken beschäftigt. Auch er veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Depression abzugeben“. In diesem erzählt er, wie es in Klapsen wirklich zugeht und wie ihm dort geholfen wurde, mit den Symptomen seiner Depression besser umzugehen.

Es scheint auf den ersten Blick also tatsächlich so, als wären Depressionen endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht nur als Erkrankung, an der immer mehr Menschen erkranken, sondern vor allem auch als Thema, über das man so offen sprechen kann, wie man es beispielsweise tut, wenn man seinen Kollegen davon erzählt, wie schmerzhaft so eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt ist oder wie sehr die eigene Mutter unter den Nebenwirkungen ihrer Chemotherapie leidet, die sie über sich ergehen lassen muss, weil sie an Brustkrebs erkrankt ist.

Gestern Mittag äußerste Jana Seelig diesbezüglich jedoch ihre Bedenken in einem Tweet. Und genau auf diese möchte ich in diesem Text näher eingehen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass Betroffene weder mehr Akzeptanz erfahren, noch, dass Nicht-Betroffene besser aufgeklärt sind. Ich weiß das, weil ich selbst betroffen bin und zudem seit einem knappen Jahr Ex-In Genesungsbegleiter arbeite.

Ex-In steht für „experienced involvement“ und bezeichnet eine Person, die selbst als Patient in psychiatrischer Behandlung war und nun andere Menschen beim Umgang mit ihrer Erkrankung hilft. Konkret bedeutet das, dass ich Menschen, die sich beispielsweise nach einem Suizidversuch stationär in der Psychiatrie befanden, nach ihrer Entlassung zur Seite stehe. Denn psychiatrische Einrichtungen fangen Patienten zwar auf und helfen ihnen, akute Krisensituationen zu überstehen, entlassen sie aber sobald sie gefestigt sind ins Ungewisse.

Ohne Menschen wie mich stehen die meisten Leute alleine da, sobald sie die „Klapse“ wieder verlassen. Ich habe jeden Tag mit depressiven Menschen zu tun, und häufig auch mit deren Verwandten und Bekannten. Ich weiß also, wovon ich rede, wenn ich sage, dass sich seit dem Hype um #NotJustSad und #ausderklapse wenig bis gar nichts getan hat, was die Akzeptanz und Aufklärung von depressiven Erkrankungen betrifft.

Und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da, wie auch einige Antworten auf Jana Seeligs Tweet zeigen. Fakt ist, dass depressive Menschen noch immer am Rande der Gesellschaft stehen, auch wenn sie mitten unter uns sind, weil sich die Vorurteile gegenüber psychisch Kranken halten. Man bedenke nur einmal die Berichterstattung im Falle Andreas Lubitz, bei der die Medien schlicht und ergreifend vergessen zu haben scheinen, wie sehr sie nur wenige Wochen zuvor die Offenheit von Jana Seelig und allen, die sich ihr unter #NotJustSad anschlossen, feierten.

Noch trauriger ist allerdings, dass sich weder im Bereich der Medizin, noch in dem der Psychotherapie etwas getan hat, seit diese ganzen Aufschreie durch Netz, Print und Fernsehen gingen. Die Wartezeiten für einen Therapieplatz sind insbesondere in Ballungsgebieten enorm lang, in ländlichen Gegenden mangelt es an medizinischer Versorgung in Form von Fachärzten und Kliniken. Die Einnahme von Antidepressiva ist noch immer mit teilweise sehr schweren Nebenwirkungen verbunden. Und die Bedürftigen stehen am Ende trotz allen gut gemeinten Zuspruchs alleine da.

Da hilft es auch nicht weiter, wenn man regelmäßig die Hotline der Telefonseelsorge retweetet. Was depressive Menschen wirklich benötigen sind mehr Psychotherapeuten mit einer Zulassung für gesetzlich Krankenversicherte, einen schnellen, einfachen und für sie sicheren Zugriff auf einfühlsame Ärzte und Medikamente, die mit weniger Nebenwirkungen bessere Ergebnisse erzielen, als es die derzeitig auf dem Markt erhältlichen Produkte tun. Das wird anderen Betroffenen allerdings kein Aktivist jemals bieten können.

Und auch der Twitter-Thread, der in den letzten Tagen durch die Medien gejagt wurde, ist zwar schön und, wird an diesen Tatsachen jedoch genauso wenig etwas ändern, wie #NotJustSad und #ausderklapse es getan haben. Tweets über Depressionen bringen zwar viele Likes und sind ein beliebtes Thema auf der Plattform Twitter, aber psychische Erkrankungen wird der Großteil unserer Gesellschaft deshalb trotzdem nicht verstehen. Geschweige denn, sein Verhalten gegenüber Betroffenen verändern oder ihnen tatsächlich mit der richtigen Art von Hilfe zur Seite stehen, wenn sie es benötigen. Dafür sind dann doch Ärzte, Therapeuten oder Ex-In Begleiter notwendig.

Den Versuch, das Thema Depression zu enttabuisieren und entstigmatisieren rechne ich den Aktivisten – egal ob online oder offline – zwar hoch an, kann allerdings aus Erfahrung in meinem täglichen Umgang mit Betroffenen und Nicht-Betroffenen sagen: Depressionen haben die meisten Menschen noch immer nicht verstanden. Und wer nicht selbst betroffen ist oder jemanden im engsten Freundes- oder Familienkreis hat, der an Depressionen erkrankt ist, interessiert sich für dieses Thema in etwa so viel wie den vielzitierten Sack Reis in China.

s.Oliver

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