Friss 'ne Grapefruit! - Julia Engelmann hat einfach keine Ahnung vom echten Leben

Kannst du dich noch erinnern, als 2014 plötzlich dieses Video viral ging, in der eine junge Frau namens Julia Engelmann in irgendeiner Turnhalle steht und uns etwas von der Zukunft,…
Friss 'ne Grapefruit!

Julia Engelmann hat einfach keine Ahnung vom echten Leben

Kannst du dich noch erinnern, als 2014 plötzlich dieses Video viral ging, in der eine junge Frau namens Julia Engelmann in irgendeiner Turnhalle steht und uns etwas von der Zukunft, dem Alter und verpassten Chancen um die Ohren poetryslammt? Was waren wir alle zu Tränen gerührt! Naja, eigentlich nur die Besitzer von Wandtattoos; Leute, die Blechschilder mit superlustigen Sprüchen aus dem Baumarkt zu Hause haben und Jörg Pilawa. Aber diese Gruppe ist in Deutschland keine Minderheit, sie ist mächtig und kaufwillig.

Drei Jahre später ist Julia Engelmann dreifache SPIEGEL-Bestsellerautorin, ging auf Slam-Tour, hat jede hinterletzte Talkshow abgeklappert und nun zu allem Übel auch noch ein Album rausgebracht. Klebriger, mit hohlen Phrasen überzuckerter Dudel-Pop, bei dem höchstens jedem unter 15 und über 50 nicht direkt die Kotze hochkommt. Sehr passend mit „Poesiealbum“ betitelt. Wie auch immer, das soll hier kein Album-Verriss werden – das haben diverse andere Kollegen schon erledigt. Es ist schließlich am Ende einfach nur harmloser Schmalz für Leute, die „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ nicht sofort als Gag erkennen und bei Max Giesingers „80 Millionen“ feuchte Augen bekommen.

Und das ist auch okay, solange das alles auch harmlos bleibt und nicht VERharmlost. Letzteres ist allerdings der Fall – in ihrem Song „Grapefruit“. Hier versucht Julia Engelmann das Thema Depression zu behandeln. Warum auch nicht? Sie ist offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen, ein paar Semester Psychologie hat sie auch studiert, die nötige Feinfühligkeit und einen Hauch von Verständnis sollte sie also mitbringen.

Könnte man denken; das Ganze geht allerdings ziemlich in die Hose und ist am Ende nicht nur genauso eklig überzuckert und simpel, wie der Rest des Albums, sondern schlicht und ergreifend falsch. Nach Julia Engelmanns Meinung geht so eine Depression nämlich ruckzuck wieder weg! Scheiß doch einfach mal auf die „Schwermut“ und das „traurige Gesicht“, welches dich sofort als depressive Heulsuse outet!

Der Julia-Engel-Code fickt das alles weg! Und das geht so: “Komm, wir machen mal das Fenster auf, das Radio laut, lass frischen Wind herein und alle alten Zweifel heraus, wenn du fest daran glaubst, dann wirst du glücklich Und heute gibt es Grapefruit zum Frühstück.” Ja, verdammt nochmal! Stell dich nicht so an! Einfach mal NICHT traurig sein, das Fenster aufreißen und rausspringen kräftig lüften! Dazu noch den inneren, ewig lächelnden Sami Slimani rauslassen und glücklich sein! Du musst es nur wollen!

Falls das noch nicht genügt, um deine ekelhafte Traurigkeit in die Flucht zu schlagen, hat Julia Engelmann noch ein paar weitere gute Ratschläge parat, die du garantiert noch nie zu hören bekommen hast, wenn du dich vor jemandem als depressiv geoutet hast: “Und Umarmungen und Blumen und im Sommer Regenduschen Guck mal: schwimmen, atmen, lesen, schlafen, Freunde und Momentaufnahmen, Lieben, lachen, kochen, tanzen, Weihnachten – wie nice das ist!”

Ja, guck doch mal! Triff ein paar Freunde, deren Gesprächen du aufgrund deiner Grübelspiralen und Konzentrationsschwierigkeiten nicht folgen kannst (oder lass dir von ihnen wenigstens einen Grapefruitsaft bringen), kauf ein paar Blumen (dank diverser Lieferdienste musst du deinen verheulten, depressiven Arsch noch nicht einmal aus der Wohnung bewegen) und dann wird das schon wieder. Wenn schon die Hippies damals erfolgreich mit Flower Power gegen Waffen gekämpft haben, dann sollte das doch auch bei Depressionen klappen.

Und wenn das immer noch nichts hilft, kommt hier der letzte, ultimative Tipp von Frau Engelmann: “Und noch Coldplay, und vor allem Grapefruit zum Frühstück.” Und eins noch: “Mit ‘nem Beinbruch gehst du auch zum Orthopäden, deshalb kannst du ja vielleicht mal mit ‘nem Psychologen reden?! Deshalb bist du nicht verrückt – also auch nicht mehr als ich, nimm deine Summertimesadness ab und zeig mir dein Gesicht!”

Na klar, das ist es: Coldplay! Chris Martin, das fleischgewordene „Ohhhh Ohhhhh Ohhhh“, hat mit seiner lieblichen Stimme doch noch jeden geheilt! Gelähmte konnten wieder laufen, Depressive wieder lachen und Gwyneth Paltrow endlich wieder schauspielern! Mal im Ernst: Bevor ich Coldplay auflege, drücke ich mir doch lieber eine Grapefruit ins Auge. Oder – verrückte Idee – lasse mir Antidepressiva verschreiben.

Am Ende hat Julia dann doch noch – man möchte fast laut ENDLICH schreien – einen halbwegs brauchbaren Rat: “Rede doch mal mit einem Psychologen!” Blöd, dass man sich erst durch so viel Mist hören musste. Aber mal ganz im Ernst (jetzt aber wirklich): Seit Ewigkeiten wird, besonders in den sozialen Netzwerken, mit Hashtags wie #notjustsad, #ausderklapse und dazugehörigen Debatten, versucht zu erklären, dass man Depressionen nicht verharmlosen, sondern als Erkrankung ernst nehmen sollte, wie man es beispielsweise auch mit Krebs, AIDS oder einer Grippe tut. Hier hilft nun mal kein „Jetzt hab dich mal nicht so!“, „Lächle doch mal!“ oder „Press dir doch mal ne verfickte Grapefruit aus!“.

Depressionen sind kein „Och, heute bin ich mal traurig!“, sondern eine komplexe Mischung aus körperlichen und psychischen Symptomen, die jeden noch so fröhlichen und gut gelaunten Menschen lahmlegen können, wenn er nicht die nötige medizinische und therapeutische Hilfe bekommt.

Man könnte mir an dieser Stelle vorwerfen, ein wenig dünnhäutig zu sein. Warum bin ich denn so empfindlich? Es ist doch schließlich nur ein harmloser Gute-Laune-Song! Aber Julia Engelmann trifft mit ihren Werken ja gerade die Zielgruppe, der wir versuchen beizubringen Depressionen nicht zu verharmlosen und sich frühzeitig Hilfe zu holen, wenn sie merkt, dass es mit der Stimmung so langsam bergab geht und das Lachen immer schwerer fällt. Mit Texten wie in „Grapefruit“ springt sie all den wichtigen Debatten mit dem nackten Arsch ins Gesicht.

Ich könnte es tatsächlich als naiven Versuch, schlechte Laune zu vertreiben, abtun, wäre da nicht die dazugehörige Albuminfo, die zumindest bei mir einen ziemlich bitteren Nachgeschmack – ähnlich dem einer Grapefruit – hinterlässt: „Julia Engelmann liegt das Thema Mental Health am Herzen, gerade weil vor allem junge Menschen zunehmend unter Depressionen leiden.“

Nun, wenn dem so ist, bleibt nur die Frage offen, wieso Psychiater eigentlich Medikamente verschreiben und Betroffene sich durch anstrengende Therapien quälen, wenn es laut Deutschlands beliebtester Poetryslammerin auch frische Luft, Obst und ein wenig Coldplay tun. Es könnte doch so einfach sein! So, möchte jemand einen Saft?

Asics

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