Flotte Finger - Das hier geschah wirklich zwischen Nike van Dinther und mir in dieser Nacht

Kommen wir gleich zur Sache. Nike van Dinther und Sarah Gottschalk vom Modeblog This is Jane Wayne plaudern in der neuesten Ausgabe ihres Podcasts “Jane knows Wayne” über den Sexskandal…
Flotte Finger

Das hier geschah wirklich zwischen Nike van Dinther und mir in dieser Nacht

Kommen wir gleich zur Sache. Nike van Dinther und Sarah Gottschalk vom Modeblog This is Jane Wayne plaudern in der neuesten Ausgabe ihres Podcasts “Jane knows Wayne” über den Sexskandal von Harvey Weinstein, den daraus resultierenden Hashtag #MeToo und eigene Erfahrungen rund um Diskriminierung, Ängste und Übergriffe, die den beiden in der Vergangenheit widerfahren sind.

Dabei spricht Nike auch über eine Pressereise nach Garmisch-Partenkirchen im Jahr 2011, auf der wir beide gemeinsam waren: “Es gibt diese eine Geschichte, bei der ich dann wirklich jetzt, im Zuge dieser #MeToo-Bewegung Gänsehaut bekommen habe, weil ich daran erinnert wurde, wie sehr ich mich auch gefürchtet habe, oder vor allem, wie peinlich berührt ich war. Und ich kann mich daran erinnern… also die Vorgeschichte dazu ist… oder zu dem Gedanken ist einfach, dass ich damals immer dachte: Frauen, die vergewaltigt werden oder die angelangt werden, wie kommt’s dazu, dass die sich plötzlich schuldig fühlen? Also eigentlich müsste man doch sofort aufstehen, die Polizei rufen, darüber reden. Ich konnte nicht so richtig verstehen, dass man sich so schmutzig fühlen kann, dass man sich nicht traut, darüber zu sprechen.”

Nike spricht weiter: “Mir ist tatsächlich in harmloserer Form so was passiert. Das ist jetzt ein paar Jahre her. Ich hatte damals, glaube ich, sogar einen Freund, das weiß ich nicht mehr so genau. Das war auf einer Pressereise. Und das war der Chefredakteur eines relativ bekannten, großen deutschen Onlinemagazins Schrägstrich Blogs, der auch dafür bekannt war, vielleicht ein bisschen schräg drauf zu sein, aufgrund der Themen, die auch, ja, gespielt wurden. Das war viel Sex, viel Titten, viel irgendwas. Aber man dachte immer: Ja gut, ist halt so, Clickbait. Und das war… Wir haben uns richtig, richtig abgefüllt, alle, also diese ganze Pressegruppe. Da habe ich… da war ich… wie gesagt, das war am Anfang von Jane Wayne, Dinge, die wir heute auch nicht mehr machen, wo wir heute wissen, man muss irgendwie professionell bleiben. Das hatte ich da noch nicht so raus. Es kam mir ein bisschen vor wie Klassenfahrt. Wir waren alle sternhagelvoll. Und dieser besagte Redakteur schlug dann vor, er könne mich ja zum Zimmer bringen.”

Sie führt fort: “Ich weiß nicht warum, aber irgendwie sind wir in seinem Zimmer gelandet und nicht in meinem. Und das war aber, das muss ich dazu sagen, nicht mein Typ, ich war nicht darauf aus, jetzt was mit dem zu haben, dann wäre das ja auch nett und in Ordnung gewesen.” Sarah unterbricht: “Man muss dazu sagen: Ihr kanntet euch vorher schon.” Nike antwortet: “Wir kannten uns vorher schon. Wir haben uns auch relativ gut verstanden. Und deswegen habe ich das auch nicht als komisch empfunden. Ich dachte einfach so: Gott sei Dank ist hier jemand, der mich rettet. Dann hat er mich ins Zimmer gebracht und meinte so: Ja, pff, hier, leg dich einfach ins Bett und penn’, ist mir scheißegal, ich geh noch mal raus, oder was weiß ich nicht was. Warum ich das dann gemacht habe, weiß ich nicht mehr, der Alkohol… Ich war einfach nur… ich war froh, zu liegen, und habe ihm vertraut und dann bin ich auch eingeschlafen.”

Nike verfolgt ihren Gedanken weiter: “Ja, und dann bin ich davon aufgewacht, weil ich ein paar flotte Finger in meiner Vagina herumspielen hatte. Und ich weiß noch, in dem Moment, wo ich aufwachte und realisiert habe: Entschuldigung, ich werde hier gerade im Schlaf gefingert und ich finde das gar nicht gut. Also… unter heutigen Gesichtspunkten würde ich sagen: Ich hätte aufspringen müssen, im besten Fall, auch wenn Gewalt nie eine Lösung ist… ich glaube, heutzutage hätte ich dem eine gepfeffert, ich hätte rauslaufen müssen, die Polizei rufen, allen anderen Bescheid sagen, auch um andere Frauen zu schützen. Weil in dem Moment ist durch meinen Kopf gegangen: Krass, da sind so viele Redakteurinnen gekommen und gegangen, ich werde nicht die Einzige sein, der das passiert ist. Aber was mache ich Tröte? Ich bin so peinlich berührt in dem Moment gewesen, dass ich so getan habe, als würde ich schlafen. Ich habe das über mich ergehen lassen, habe mich weggedreht, so dass er merkt: Ui, nicht, dass die jetzt gleich wach wird, dann höre ich mal besser auf. Und dann hat er auch aufgehört.”

Doch das war noch nicht das Ende: “Dann habe ich nur so im Augenwinkel gesehen, als ich heimlich nachgeguckt habe, so, der steht jetzt auf und geht ins Bad. Und dann sehe ich ihn nur so von hinten, nackig, wie er ins Bad geht und sich duscht. Und ich war einfach nur so: What the fuck! Ich habe mich schnell angezogen und bin gegangen, während er duschen war, glaube ich, so ist es gewesen. Habe mich in mein Zimmer gelegt und bin dann auch irgendwann wieder eingeschlafen. Und am nächsten Tag habe ich echt so getan als sei nichts. Das war mir so peinlich.” Sarah hakt ein: “Ich war nicht dabei, aber wir haben am nächsten Tag telefoniert und du warst schon in diesem… Moment… das ist so absurd… ist das überhaupt passiert? Habe ich mir das eingebildet? Sarah, was ist, wenn ich mir das eingebildet habe? Und ich so: Ey, so was bildet man sich nicht ein! Das kann doch nicht sein, Sarah! Ja, und dann ging das Ganze so ein bisschen ins Land.”

Nike beendet die Geschichte: “Ja, es war wirklich so, es war so scheiße, weil ich wusste ja auch, dass ich betrunken bin, und ich wusste aber: Ne, das ist alles so real, ich habe das Gefühl, ich habe das gesehen, ich habe das auf gar keinen Fall geträumt. Ich habe es auch an seiner Reaktion am folgenden Tag gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt, dass er mir aus dem Weg gegangen ist, dass er aber auf der anderen Seite auch versucht hat, wenn er dann mit mir in Kontakt war, super, super höflich zu sein. Also ich wusste: Das ist was vorgefallen. Aber ich habe mir das so sehr eingeredet, dass ich ihn jetzt nicht beschuldigen darf, weil ich es nicht zu 100 Prozent wissen kann, aufgrund meines Pegels, dass ich dann auch nie wieder darüber geredet habe, bis wir dann nach ein paar Wochen gesagt haben: Scheiße, scheiße, scheiße, irgendwie kriege ich das nicht aus dem Kopf. Und dann habe ich versucht, ihn damals noch über Skype, war das, glaube ich, hat man dann ja mal hin und her geschrieben, dazu zu bringen, das zuzugeben. Ich habe dann irgendwie geschrieben: Du, Marcel, ach scheiße, jetzt habe ich den Namen gesagt, ja, komm, ist mir scheißegal, können die Leute ruhig wissen, da haben wir mal einen Namen. Jeder der Bescheid weiß oder sich in den Kreisen auskennt, kann sich seinen Teil dazu denken.”

Und weiter: “Ja, und, das war dann wirklich so, dass ich geschrieben habe: Sag mal, kann das sein, dass wir was miteinander hatten oder so, ich war so betrunken. Und dann war da direkt so eine Abwehrhaltung, richtig so… so reagiert halt kein Mensch, der nichts zu verbergen hat. Das war wirklich so: Äh, also, ähm, Nike, was du dir jetzt hier ausdenkst, also so ein Quatsch, also du warst so rotzevoll und dädädädädä… Und dann hab ich schon gedacht, so, wirklich, wie krass, das ist eigentlich der beste Beweis dafür, dass was gewesen ist. Ja, und ich habe es niemandem gesagt, weil ich auch wusste, dass er beliebt war oder ist oder was auch immer und weil ich echt auch Angst davor hatte, dass die Leute mir unterstellen, ich würde Scheiße reden. Und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich mich richtig solidarisch, verbunden gefühlt mit all den Frauen dieser Welt, denen viel, viel Schlimmeres passiert ist und die sich trotzdem nicht trauen den Mund aufzumachen.”

Ich könnte das jetzt so stehen lassen. Ich könnte Nike der Lüge bezichtigen. Ich könnte die Sache zugeben. Das Problem ist, dass ich an dieser Stelle nur wiederholen kann, was ich Nike nach dieser Nacht in mehreren digitalen wie analogen Gesprächen bereits gesagt habe: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was in dieser Nacht passiert ist. Was mir noch im Gedächtnis geblieben ist, ist, dass wir uns, weil es eine von Jägermeister gesponserte Pressereise war, allesamt in Grund und Boden getrunken haben und ich Nike irgendwann spät abends auf dem Gang im Hotel getroffen habe. Wir sind nicht in mein Zimmer gegangen, weil ich mir in dieser Nacht das Zimmer mit einem Freund teilte, sondern in Nikes Zimmer. Und ich habe auch nicht gesagt: Hier, leg dich hin, ist mir egal, sondern wir saßen auf dem Bett und haben fern gesehen. Das ist alles, was ich noch von dieser Nacht weiß. Und dass am nächsten Tag alles seltsam war.

Ich bin nicht perfekt. Das habe ich auch nie behauptet. Und wer AMY&PINK lange genug liest, der weiß das auch. Alkohol verwandelt mich auch nicht gerade in einen besseren Menschen. Ich werde dann nicht unbedingt aggressiv, sondern eher anhänglich. Oder laufe einfach weg. Deshalb versuche ich meinen Alkoholkonsum zu zügeln. Ich mag mich nicht, wenn ich betrunken bin. Und ich habe in der Vergangenheit genügend Fehler gemacht, dass ich mir nicht sicher sein kann, ob das, was Nike behauptet, erfunden ist oder eben nicht. Und einfach “Ich weiß es nicht!” zu sagen, wenn man für etwas beschuldigt wird, ist die älteste Ausrede der Welt. Aber es ist nun mal die Wahrheit.

Am Morgen danach habe ich mich ihr gegenüber seltsam verhalten, weil ich merkte, dass sie sich mir gegenüber seltsam verhielt. Ich dachte zuerst, das läge daran, weil wir gemeinsam in einem Bett aufwachten und uns das etwas peinlich war oder weil wir womöglich irgendetwas getan haben, was dem Alkohol geschuldet ist, aber keiner sich so genau daran erinnern kann, was es denn genau war. Oder vielleicht hätten es die anderen einfach nur seltsam gefunden, wenn sie gewusst hätten, dass wir in einem Zimmer schliefen. Auch weil du zu dieser Zeit einen Freund hattest. Vielleicht war ich da auch etwas zu naiv.

Vergewaltigungen sind kein Spaß und sexuelle Übergriffe kein Kavaliersdelikt. Sie dürfen in einer modernen Welt nicht passieren, so viel ist klar. Kann ich von mir selbst behaupten, dass ich noch nie einen anderen Menschen zumindest in eine intime Richtung bedrängt habe? Nein, kann ich nicht. Bin ich stolz darauf? Nein. Habe ich etwas zu meiner Verteidigung zu sagen? Nein.

Allerdings habe ich mich Nike gegenüber nicht abwehrend verhalten, sondern suchte mehrfach das Gespräch. Ich sagte ihr, dass es mir leid tut, wenn in dieser Nacht etwas Schlimmes passiert ist. Alles auf den Alkohol zu schieben ist leicht, rechtfertigt aber gar nichts. Kann man sich für etwas entschuldigen, von dem man nicht einmal weiß, ob es passiert ist? Auch das weiß ich nicht. Ist eine Entschuldigung nicht automatisch ein Schuldeingeständnis? Vielleicht.

Was ich weiß, ist, dass Nike und ich uns vor dieser Nacht ziemlich gut verstanden haben. Wir waren gemeinsam in Prag, Hamburg und Köln, gingen mittags in Berlin nett essen und trafen uns abends auf einen Drink in schönen Bars. Ich mochte Nike, Sarah und ihr Projekt This is Jane Wayne sehr gerne und bin auch heute noch traurig darüber, wie sehr diese Situation unsere Beziehung und auch Freundschaft zerstört hat. Kann man es Nike verübeln? Ich glaube nicht. Trotzdem finde ich es schade.

Natürlich ist es Nikes gutes Recht, diese Geschichte in ihrem Podcast zu behandeln. Und ich feiere alle Menschen, die den Hashtag #MeToo dazu nutzen, diese Welt in eine bessere zu verwandeln. Nike, ich wüsste gern, was in dieser Nacht vorgefallen ist. Damit du und ich darüber hinweg kommen können. Vielleicht ist das aber auch gelogen. Vielleicht will ich es gar nicht wissen. Vielleicht würde es meiner dunklen Seite einen Spiegel vorhalten, der mich in meinem Innersten erschüttern würde. Meine Hoffnung ist, dass wir irgendwann wieder normal miteinander sprechen können. Aber wahrscheinlich wird das nur eine Hoffnung bleiben.

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