Ignoriert die Rechten! - Stellt euch vor, die AfD löst einen Skandal aus, und keiner sieht hin

Am 24. September 2017 ist die Bundestagswahl. Überall, wohin man geht, stehen Wahlplakate und überall, wohin man klickt, findet man News, Meinungen und Memes zur Bundestagswahl. Eigentlich müsste man meinen,…
Ignoriert die Rechten!

Stellt euch vor, die AfD löst einen Skandal aus, und keiner sieht hin

Am 24. September 2017 ist die Bundestagswahl. Überall, wohin man geht, stehen Wahlplakate und überall, wohin man klickt, findet man News, Meinungen und Memes zur Bundestagswahl. Eigentlich müsste man meinen, dass die zwei großen Parteien, die auch die zwei Kanzlerkandidaten stellen, nämlich die CDU mit Angela Merkel und die SPD mit Martin Schulz, die mediale Berichterstattung dominieren. Doch dem ist bei weitem nicht so. Eine kleine Partei beherrscht immer wieder die Schlagzeilen von Print- und Onlinemagazinen: Die AfD.

Irgendeine AfDlerin aus der Parteispitze stürmt aus einer Talkshow, irgendein uralter AfDler droppt eine Aussage die aus dem Jahre 1933 stammen könnte und die Grenzen des guten Geschmacks übertreten. Die Beispiele sind endlos. Alles, was darauf folgte, war Entrüstung und Empörung der Medienlandschaft. Kurze Zeit später ruderte die AfD dann wie immer zurück und wartete weitere zwei Wochen, bis man das nächste Skandälchen von der Leine lässt? »Warte mal, die AfD wartet und lässt das Skandälchen von der Leine?« fragt sich sicher der ein oder die andere. Korrekt.

Mittlerweile scheinen alle vergessen zu haben, was Anfang des Jahres passiert war: Ein Strategiepapier der AfD wurde geleakt. In diesem ging es unter anderem darum, wie die Kernthemen der AfD zu gestalten seien und welche Themen gar nicht erst angesprochen werden sollten. Dazu gehörten z.B. Sozial- und Steuerpolitik, da diese großes Spaltungspotential bei der Wählerschaft bergen würden. Es ginge der Partei nicht darum Lösungsvorschläge zu präsentieren, sondern die etablierten Parteien zu konfrontieren und zu provozieren.

Und genau das ist das Stichwort: Provokation. Die Tagesschau schrieb genau über diesen Punkt im geleakten Strategiepapier: »Die Partei müsse “ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein”, so eine Aussage. Vollständig heißt es in dem Papier sogar, dass die AfD “vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken” dürfe. Nicht nur diese Aussage illustriert das Wesen der Partei: Es geht nicht um die Sache oder Lösungen – sondern um einen geplanten Effekt durch Provokationen.«

Und nicht umsonst steht diese Provokation, die wir in den letzten Wochen immer wieder gesehen haben, im Strategiepapier. Denn sie funktioniert. Mit jeder Schlagzeile, jeder News und jeder Nachrichtenmeldung wird der AfD in die Karten gespielt. Am Beispiel von Alice Weidel, die vor ein paar Tagen aus einer Talkshow stürmte, kann man ganz genau sehen, wie diese Strategie abläuft.

Es gibt eine mediale Bühne für die AfD — in den meisten Fällen ist es eine Talkshow. In denen zieht dann ein AfDler irgendeine Aktion ab. Sei es mit Deutschlandfähnchen zu schwenken oder aus der Talkshow zu stürmen. Wahlkampfveranstaltungen werden auch gerne mal dazu genutzt, wenn dann z.B. Alexander Gauland fordert Aydan Özoguz in Anatolien zu »entsorgen«. Bis auf Letzteres sind diese Aktionen eigentlich nicht ernst zu nehmen. Im Falle von Alice Weidel erschien kurz darauf eine Pressemitteilung die bemerkenswerterweise so gar nicht zu dem passte, was in der Talkshow »vorgefallen« war. Böse Zungen würden behaupten, dass diese Aktion geplant war.

Selbst wenn sie nicht geplant war hat dies nur eines zur Folge: Ein mehrere Tage anhaltendes Medienecho, in dem darüber berichtet und sich empört wird. Wähler werden dadurch nicht abgeschreckt, sondern eher in ihrer Wahlentscheidung bestärkt. Die AfD steht dadurch jeden Tag auf der Tagesordnung und jeden Tag werden die Aussagen und Positionen in allen Zeitungen, Nachrichtensendungen und Talkshows wiedergegeben, bis auch jeder, Wähler oder Gegner der AfD, diese auswendig kann. Dass dies mehr als problematisch ist muss ich euch ja hoffentlich nicht erklären.

Und es führt vor allem auch zu einem Nebeneffekt: Dadurch dass diese Positionen immer wieder aufgegriffen werden verändern sie den Diskurs. Die Positionen sind plötzlich nicht mehr indiskutabel und von vornherein abzulehnen, sondern stehen plötzlich zur Diskussion und man wägt »pro und contra« ab. Bestes Beispiel ist da der Wahl-O-Mat, in dem als Frage steht ob die »Erinnerungskultur« weiter betrieben werden soll. Eine Frage, die einfach nicht zur Diskussion stehen darf, wird plötzlich gestellt.

Aber das sind nicht die einzigen Gründe, warum nicht mehr so viel über die AfD berichtet werden soll. Denn soll ich euch mal was sagen? Die AfD muss nicht mehr »entlarvt« werden, man muss nicht mehr »das wahre Gesicht« der AfD zum Vorschein bringen. Die AfD wurde in den vergangenen Jahren, seit ihrem Bestehen, schon oft genug »entlarvt«.

Und viel wichtiger: Die AfD zeigt mit ihren Aussagen immer wieder, dass sie genau das sind, was Leute immer wieder vermeintlich entlarven. Es wird offen durch das Auftreten einiger Schlüsselfiguren und auch unbekannterer Parteimitglieder und Sympathisanten genau das repräsentiert, was immer wieder vermeintlich »entlarvt« wird. Oder was denkt ihr, warum gerade Spitzenkandidaten wie Gauland dafür bekannt sind entsprechend radikale Aussagen zu tätigen?

Freundet euch mit dem Gedanken an, dass rund 10% (eher mehr) der Bevölkerung einfach Bock auf die Art von reaktionärer und autoritärer Politik haben und genau deshalb und nicht »trotz« dessen die AfD wählen. Niemand, der am 24. September sein Kreuzchen bei der AfD setzt tut das, weil er nichts Besseres zu tun und zu wählen hat.

Verabschiedet euch von dem Mythos, dass die gesamte Wählerschaft der AfD aus sogenannten Protestwählern besteht, die einfach nur unzufrieden mit der aktuellen Politik der großen Parteien sind. Und selbst wenn sie es wären, sympathisieren sie immer noch mit der AfD und den Positionen, die diese vertritt, und lehnen sie nicht strickt ab. Es ist ja nicht so, als wäre die AfD die einzige Partei, die man aus Protest wählen könnte.

Ihr könnt euch ebenfalls davon verabschieden, dass Leute auf die AfD »hereinfallen« und erst aufgeklärt werden müssen, was für eine schlimme rechte Partei die AfD doch ist. Denn wie ich bereits sagte: Die Wähler der AfD weiß das. Und sie werden ihr Kreuzchen in vollem Bewusstsein dessen setzen. Versteht mich aber nicht falsch: Es ist wichtig, richtig und nötig der AfD entgegen zu treten. Aber Rechte hält man nicht mit Schlagzeilen und Eilmeldungen über das Verlassen einer Talkshow auf.

Also liebe Zeitungen und Onlinemagazine. Bitte scheißt doch ein einziges mal auf die Klicks, hört auf immer die ersten sein zu wollen, die über etwas berichten. Hört auf jede Kleinigkeit künstlich zu einem Skandal aufzubauschen und tut einfach mal das Richtige. Denn von eurem aktuellen Verhalten profitiert nur einer — Die AfD. Wie heißt es so der amerikanische Dichter Carl Sandburg mal gesagt? »Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.« Und jetzt stellt euch vor »Die AfD löst einen Skandal aus und keiner sieht hin.«

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