Asoziale Medien - Je weniger ich Facebook, Instagram und Twitter nutze, desto glücklicher bin ich

Meinen ersten Twitter-Account hatte ich im Jahr 2008. Auf Facebook war ich, als alle anderen noch in StudiVZ-Gruppen gruschelten. Und Fotos meines Frühstücks teilte ich bereits auf Instagram, als Sepiatöne…
Asoziale Medien

Je weniger ich Facebook, Instagram und Twitter nutze, desto glücklicher bin ich

Meinen ersten Twitter-Account hatte ich im Jahr 2008. Auf Facebook war ich, als alle anderen noch in StudiVZ-Gruppen gruschelten. Und Fotos meines Frühstücks teilte ich bereits auf Instagram, als Sepiatöne noch in waren. Ich fand das alles großartig. Soziale Netzwerke. Mich mit Leuten zu verbinden. Zu quatschen. Mitzuerleben, was andere bewegte, in dieser Sekunde.

Social Media” war damals ein Begriff, den schmierige Businessarschlöcher benutzten, um Firmen, die keine Ahnung vom Internet hatten, im großen Stil auszunehmen. Influencer gab es nicht. Und YouTuber waren nichts weiter als gestörte Kiddies, die die Videokamera ihrer Eltern klauten und sich gegenseitig im Kinderzimmer verprügelten. So hätte das Internet ruhig bleiben können.

Doch die Zeit rast nicht nur stetig voran, sie ändert auch alles. Und das nicht unbedingt zum Besseren. “Social Media” war auf einmal kein Schimpfwort mehr, sondern der elitäre Begriff dafür, dass man in der neuen Welt angekommen war. Influencer vögelten für ein paar Likes die schmierigen Businessarschlöcher, die früher überall “Social Media” gepredigt haben, und YouTuber kamen auf ihren plötzlichen Ruhm nicht mehr klar und schreien noch heute “Daumen hoch und abonnieren!”, nachdem sie schweißgebadet geträumt haben, eine jüngere Blondine hätte erfolgreichere Schminktutorials als sie gemacht.

Das Internet ist zu einem widerlichen Ort verkommen, indem lediglich die naivsten Menschen wahres Glück suchen. Hier herrschen nur noch Systeme und Algorithmen und Analysen. Wer klickt wo und wann und wie oft. Wie können wir es schaffen, dass 1,2 Prozent mehr Millennials den dritten Werbespot von oben sehen. Wie viele Milliarden müssen wir in welche App stecken, damit wir genügend Daten derjenigen bekommen, die morgen vielleicht eine neue Jeans kaufen wollen.

Wer in diese weltweit vernetzte Schlammschlacht hinein geboren wurde und die digitalen Schwanzvergleiche als normal empfindet, der tut mir leid. Immer mehr wurde mir bewusst, dass soziale Medien alles kaputt gemacht haben, was ich am Internet so geliebt habe. Selbst die persönlichsten Texte werden heute nur noch geschrieben, um einen Ausgleich zu den vier Werbeposts zu bekommen. Kalkulierte Menschlichkeit, die Leser sollen sich schließlich identifizieren. Wer Depressionen hat, der sucht sich keine professionelle Hilfe mehr, sondern vermarktet sie mit dem Titel “Ich wollte mich umbringen (Kein Fake!)” auf YouTube. Wer auf Instagram nicht mindestens fünfstellig ist, hat seinen Wert als Mensch aus Fleisch und Blut vertan.

Auf Twitter konnten wir alle unsere kleinen und großen Gedanken loswerden, ohne uns schlecht fühlen zu müssen. Heute regieren dort pseudolustige Wortwitze, politische Denkweisen und nervige Menschen, die 871 Tweets in der Stunde raushauen, weil sie kein Leben haben, und in einer Hass- und Blocktirade explodieren, wenn man sie darauf anspricht. Und Donald Trump nutzt die Seite dazu, seine Mischung aus purer Dummheit, größenwahnsinniger Überschätzung und ätzendem Hass in die Welt zu pusten – und jeder einzelne seiner Gedanke wird von den Journalisten dieser Welt aufgesaugt, als wären sie gedankenlose Schwämme.

Instagram hat sich von einem Ort der schnellen, netten “Guck in mein Leben”-Postings zu einer einzigen, ewigen Werbetafel entwickelt, in der jede Tasse, jeder Tisch und jedes Lächeln perfekt angeordnet sind. Hier gibt es kein Leben mehr, keine Realität, alles muss hübsch und ansprechend und vermarktbar sein. Die Wahrheit kostet Likes und Follower.

Schlimmer hat sich nur Facebook entwickelt, das eigentlich längst den Weg von MySpace, StudiVZ oder Wer kennt wen hätte gehen müssen und sich lediglich durch puren Reichtum am Leben hält. Hier geht es nicht mehr darum, dass sich Menschen vernetzen, Facebook will analysieren, optimieren und manipulieren. Und das um wahrlich jeden nur erdenklichen Preis.

Was früher ein globaler Platz zum Austausch war, ist heute ein digitaler Polizeistaat, der jede Meinung, jede Bewegung und jeden Klick protokolliert und kontrolliert. Ein strenges Regelwerk überprüft jeden einzelnen Versuch, sich diesem Monolith aus Bits und Bytes zu erwehren. Wie eine Krake verfolgt das Netzwerk selbst Menschen, die nichts damit zu tun haben möchten.

Wir sind schuld daran. Wir haben Facebook, Instagram und Twitter zu dem gemacht, was sie heute sind. Wir haben uns von den falschen Versprechungen locken lassen, dass sie uns vernetzen und unser Leben besser machen. Aber das haben sie nicht getan. Ganz im Gegenteil. Wir haben eine digitale Dystopie erschaffen, aus der es jetzt kein Entkommen mehr gibt.

Ich habe die sozialen Netzwerke geliebt, weil sie wie Fenster in andere Welten und Köpfe waren. Menschen, die ich großartig fand, waren mir plötzlich so nah. Sie wollten mir nichts verkaufen, sie wollten mich nicht manipulieren, sie wollten sich nicht besser darstellen, als sie eigentlich sind. Sie waren echt. Doch davon ist heute nichts mehr übrig.

Wir haben uns zu Sklaven einer digitalen Revolution gemacht, die es so nicht hätte geben dürfen. Und mit jedem Like, mit jedem Abo und mit jedem Retweet haben wir Plattform gestärkt, die nach und nach aus offenen Organisationen geschlossene Systeme gemacht haben, die sich gegenseitig abstoßen und deren Mitglieder von der Außenwelt abschirmen.

Aber mein ganz eigener Grund, warum ich mich von Facebook, Twitter, Instagram & Co. zurückgezogen habe, ist ein eher persönlicher. Er hat nichts mit globalen Konzernen und kontrollierten Ideologien oder auch nur mit der Zerstörung des Datenschutzes zu tun. Mir wurde bewusst, dass aus dem puren Spaß, diese Seiten zu nutzen, tiefer, lang anhaltender Frust wurde.

Ich merkte, dass je mehr dieser sozialen Medien ich nutzte und konsumierte, gestresster und frustrierter wurde. Jeder Besuch auf Facebook war überflüssig, weil ich nur noch in leere, tote Augen von Menschen starrte, die mir weismachen wollten, dass ihr Leben toll und aufregend und besonders ist. Jedes geteilte Foto auf Instagram war unnütz, weil ich gegen die polierten Kinfolk-Postings eh nicht ankam – und das auch gar nicht wollte. Und jeder Tweet war irrelevant, weil er im Sturm der ständigen Empörung und der kontinuierlichen Streitereien unterging und mich nach und nach nur noch fragte: Wen interessiert’s?

Natürlich könnte man jetzt sagen: Toll, Marcel, du hast also genug von den sozialen Medien, weil du keinen Erfolg hast! Aber genau darum geht es doch. Allein dieses Wort, Erfolg, das sollte im Internet gar nicht existieren. Das ist doch die Wurzel allen Übels. Weil jeder besser und schöner und krasser sein will als der andere, ist doch das Internet überhaupt so scheiße, wie es heute ist.

Hinzu kommt, dass Facebook, Twitter, Instagram & Co. nur dann korrekt funktionieren, wenn du richtig viel Zeit in sie investierst. Du wirst mit Erinnerungen und kleinen Boxen regelrecht dazu gezwungen, auch ja schön mit zu diskutieren, so viel wie möglich zu liken und kommentieren und teilen. Ohne, dass du dafür auch nur irgendwas zurück bekommst.

Meinen ersten Twitter-Account hatte ich im Jahr 2008. Auf Facebook war ich, als alle anderen noch in StudiVZ-Gruppen gruschelten. Und Fotos meines Frühstücks teilte ich bereits auf Instagram, als Sepiatöne noch in waren. Ich fand das alles großartig. Soziale Netzwerke. Mich mit Leuten zu verbinden. Zu quatschen. Mitzuerleben, was andere bewegte, in dieser Sekunde.

Aber je mehr ich die sozialen Netzwerke nutzte und je öfter ich mitansehen musste, was sie dem Internet als Ganzes angetan haben, desto schneller merkte ich, dass mich von ihnen trennen musste, um im Kopf noch halbwegs gesund zu bleiben. Mit jeder vermeintlich sozialen App, die ich von meinem Handy löschte, wurde ich ein kleines bisschen freier, ungebundener und ausgeglichener – und dadurch auch ein wenig glücklicher. Ich kann mich wieder auf die Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig sind. Ich möchte mich nach und nach von all den digitalen Fesseln befreien, die versuchen, mich mit Nonsens und einem falschen Gefühl von Erfolg zurückzuhalten. Facebook, Twitter und Instagram sind nicht die Zukunft. Freiheit ist die Zukunft.

Puma

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