Vier weitere Jahre Langeweile - Ich hasse die CDU und wünsche mir trotzdem, dass Angela Merkel gewinnt

Zwölf Jahre Bundeskanzlerin Angela Merkel. Man könnte meinen, dass es die Bürger so langsam satt haben. Die große Koalition regiert leise vor sich hin, eine wirklich lautstarke, unbequeme Opposition gibt…
Vier weitere Jahre Langeweile

Ich hasse die CDU und wünsche mir trotzdem, dass Angela Merkel gewinnt

Zwölf Jahre Bundeskanzlerin Angela Merkel. Man könnte meinen, dass es die Bürger so langsam satt haben. Die große Koalition regiert leise vor sich hin, eine wirklich lautstarke, unbequeme Opposition gibt es auch nicht – nichts strömt, alles plätschert. Merkel sagte zum Ende von Barack Obamas zweiter (und in den USA gezwungenermaßen letzter) Amtszeit, dass ihr der Abschied schwer fiele, “Wir sind aber Politiker und die Demokratie lebt vom Wechsel.” Wenige Tage danach gab sie bekannt, dass sie sich erneut als Spitzenkandidatin der Union zur Wahl stellen würde. Das wäre dann die vierte Amtszeit. So viel zum Wechsel.

Nun, nachdem ich eine Weile über diese Entscheidung den Kopf geschüttelt habe, halte ich es mittlerweile doch nicht mehr für so falsch. Ich würde zwar niemals die CDU wählen, diese Frau an der Spitze Deutschlands sehe ich allerdings doch noch weitere vier Jahre vor mir. Aber warum, verdammt? Was sagt das über mich aus? Was sagt das über die Gegenwart aus?

Fangen wir doch mal mit Letzterem an. Gucke ich mich in Deutschland um, in der Parteienlandschaft, dann kann ich mir aktuell einfach niemand anderes an der Spitze vorstellen. Wofür die Grünen inzwischen eigentlich stehen, ich habe keinen blassen Schimmer. Die FDP hat jetzt erst mal genug damit zu tun sich mithilfe ihres Posterboys Christian Lindner wieder Prozente zu ergattern…ach lassen wir das, die einzig realistische Chance besteht ja ohnehin nur bei der SPD und ihrem Heiland Martin Schulz (not really).

Aber außer seinem vielfach versprochenen, Captain-America-mäßigen “Kampf um die hart arbeitende Mitte” – um was auch immer da gekämpft werden soll, aber hey, immerhin kann man den catchy Spruch super dazu nutzen, um sich bei Reden vor einem feshen Baugerüst zu stellen, das mit Schutzhelmen und -anzügen verziert ist, ge ni al – fällt mir da jetzt auch nichts Stichhaltigeres ein. Und was soll ich schon von einer Partei halten, die weder einen Jackpot wie einen Hype um deren wichtigste Person richtig nutzen, noch ihren fucking Slogan korrekt auf ihr eigenes Wahlprogramm schreiben kann!

Gut, das ist Schnee von vor ein paar Monaten. Blicken wir doch lieber auf die Dinge, die Martin Schulz aktuell so treibt. Direkt nach dem Terroranschlag in Barcelona im August diesen Jahres zeigte er sich durchaus eines Staatsmannes würdig, fand starke Worte für die Opfer und gegen die Terroristen … hätte SPD-Kollegin Eva Högl dieses ernsthafte Auftreten nicht mit ihrem euphorischen Gewinke zerstört.

Es will einfach nicht zünden bei Schulz. Auch beim TV-Duell nicht. Er rackert sich sichtlich ab, wirft mit Versprechungen und Kampfparolen um sich, drückt sich hölzern ein Zitat aus der Hüfte („Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, an dem treffen wir uns“) und haucht schließlich ein Schlussplädoyer ins Mikro, das nach “Braveheart” – nachdem er eine zweijährige Chemotherapie hinter sich gebracht hat – klingt.

Angela Merkel hingegen lässt sich gar nicht aus der Ruhe bringen. Wer mit Verrückten wie Trump und Erdogan zu tun hat, den schockiert so schnell nichts. Merkel ist wie Neo aus „The Matrix“; sie weicht den entgegenkommenden, schulzschen Pistolenkugeln einfach aus. Ja, das ist unglaublich langweilig, bewirkt aber eine ungeheure Stabilität, wenn sie immer wieder vermittelt, dass sie die Fäden in der Hand hat und zur Not eben mit Staatsoberhaupt XY – man kennt sich – telefoniert. Beruhig dich, Mutti ist ja da!

Mutti kommt schon klar mit den bösen Buben da draußen. Und dieses „da draußen“, also das Geschehen außerhalb Deutschlands, ist der eigentliche Grund, weshalb ich mich weitere Jahre mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin anfreunden kann. Trump, Erdogan, Putin, Kim und der brodelnde Rechtspopulismus in Europa – alles scheint so unberechenbar, so fragil und gefährlich.

Was tun sie als nächstes? Welche Meinung haben sie morgen? Was, wenn ihnen ein Furz quer liegt? Was, wenn Donald Trump mal nur eine, anstatt zwei Kugeln Eis bekommt? Irgendwie scheint alles möglich zu sein. Und wenn ich dann Angela Merkel sehe, bei Staatsbesuchen, bei politischen Gipfeltreffen, dann beruhigt mich diese kühle, vernünftige Art ungemein. Keine Angst, Mutti macht das schon!

Seit ich 15 Jahre alt war, ist Angela Merkel Bundeskanzlerin. Ich kann mir kaum jemand anderes an der Spitze Deutschlands vorstellen. So, wie ich als Kind auch dachte, dass es nie einen anderen James Bond als Pierce Brosnan geben wird. Ja klar, vor Merkel war dieser Schröder, aber so richtig viel von ihm gewusst oder mich gar für Politik interessiert habe ich damals noch nicht.

Seitdem ist Deutschland gefühlt unerschütterlich und krisenresistent – doch das stimmt natürlich nicht, denn z.B. die Finanzkrise hat ab 2007 auch Deutschland spürbar getroffen, von der Diskussion und dem vielen Hass gegenüber der „Flüchtlingswelle“ ganz zu Schweigen. Aber solche Dinge blendet man gern mal aus, wenn man vom merkelschen „Wir schaffen das!“ betäubt wird.

Trotzdem würde ich die CDU niemals wählen. So sehr ich mir die souveräne Art Angela Merkels noch weitere vier Jahre wünsche, da ist dennoch eine Stimme in mir, die sagt „Komm schon, diese Partei ist viel zu konservativ für dich! Dafür bist du nun wirklich zu jung! Und wie langweilig die regieren, da passiert schon seit Jahren nichts mehr! Auf keinen Fall wirst du diese Schnarch-Partei wählen!“.

Mit dieser Meinung bin ich nicht allein. In meinem Freundeskreis gibt es so einige, die es ganz genauso sehen. Die dieses komische Gefühl auch spüren: Da ist diese Unsicherheit in vielen Teilen der Welt, diese unberechenbaren Persönlichkeiten; so ein Experiment mit unbekanntem Ausgang brauchen wir jetzt hier nicht auch noch in Deutschland.

„Herr Ober, ja ich hätte gern dasselbe Menü wie immer! Ja genau das, welches ich seit zwölf Jahren nehme! Etwas neues auswählen? Um Himmels Willen, darauf habe ich nun wirklich keine Lust. Was, wenn es mir nicht schmeckt? Oder wenn ich sogar eine Lebensmittelvergiftung bekomme? Keine Veränderungen, danke! Und fragen Sie mich nie wieder!“

Angela Merkel, der solide Stöpsel in einem Meer voller Scheiße, das zuverlässige Valium für unsere Seelen. Wie langweilig. Bin ich also scheiße langweilig? Digitalisierung, irre Regierungen, alles nur noch schnell schnell schnell, zwanzig verfickte Eilmeldungen am Tag? Macht mich diese Welt wahnsinnig, sehne ich mich deshalb nach Stabilität? Kein Rebellieren mehr? Habe ich sonst keine Probleme? Ich bin nicht arm, ich bin nicht krank und Kriege kenne ich nur aus dem Fernsehen. Trotzdem Zweifel, Sorgen, der Wunsch nach… ja, nach was eigentlich? Zerstreuung? Ablenkung? Stabilität? Langeweile? Richtige Probleme, damit man endlich wieder rebellieren kann?

Viel zu viele Fragezeichen. Klassische Millennial-Fragen? Falle ich damit in genau dieses Raster der langweiligen Generation Y, von der irgendwelche Experten vor Bücherregalen in den Nachrichten immer reden? Oh Mann, nicht noch ein weiteres Fragezeichen! Ausrufezeichen! Ich rebelliere ja bald, versprochen! In vier Jahren, dann aber wirklich. Echt jetzt. Versprochen!

Puma

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