Selbstdarstellungssucht - Veronika Christine Dräxlers Kunstblog schließt seine digitalen Pforten

Die Kunstszene war für mich schon immer eine faszinierende und etwas mysteriöse Parallelwelt, in der perfekt angezogene Menschen durch voluminöse Galerien schweben, sich in elitären Dunstkreisen über die Abartigkeit der…
Selbstdarstellungssucht

Veronika Christine Dräxlers Kunstblog schließt seine digitalen Pforten

Die Kunstszene war für mich schon immer eine faszinierende und etwas mysteriöse Parallelwelt, in der perfekt angezogene Menschen durch voluminöse Galerien schweben, sich in elitären Dunstkreisen über die Abartigkeit der Gesellschaft chauffieren und versuchen, ihren Platz in einer Schwarzweißwelt des gefeierten Erfolgs und einsamen Schattendaseins zu finden.

Veronika Christine Dräxlers Kunstblogs Selbstdarstellungssucht ist seit zehn Jahren ein teils zugängliches, teils verwirrendes Portal in die hermetischen Untiefen eben dieser Kunstszene, bei der man oft den Eindruck hat, dass sie lieber unter sich bleiben möchte. Gemeinsam mit ihren Autorinnen führte sie teils irritierende Interviews mit Gestalten wie Alexis Felten, Robag Wruhme oder Peter Kaaden, diskutierte über die Streitkultur im Internet und machte in den buntesten Ausstellungen Selfies auf dem Klo.

Doch was als hedonistischer Blog, der nur die dunkle Seele einer Liebhaberin von Marmorstatuen widerspiegeln sollte, begann, entwickelte sich schon bald zu einem erfolgsgetriebenen Gebilde, das sich mehr und mehr nach Klickzahlen als nach Herzenswünschen richtete. Veronika musste sich eingestehen, dass sie sich von anderen validieren ließ, anstatt ihre pure und klare Unabhängigkeit zu bewahren, egal wie sehr sie sich auch dagegen wehrte. Ihr Projekt wurde Teil der popkulturellen Medienlandschaft.

Selbstdarstellungssucht

“Dieser Blog ist vor 10 Jahren entstanden, aus einem inneren starken Bedürfnis des Erfahrungsausdrucks heraus, als ein Tagebuch der Selbstfindung”, schreibt Veronika. Irgendwann fing sie an, nur noch die Artikel zuzulassen, die die höchste Klickrate aufwiesen und unter gesetzten Erfolgsdefinitionen funktionierten. “Damit habe ich mich dem circulus vitiosus der Fremdvalidierung eingeschrieben. Der Blog war Teil der westlichen Kunstmaschinerie geworden, sein Image das einer Validierungs-Plattform. Wir bekamen Anfragen von Menschen, die auf dem Blog gefeatured werden wollen, die Teil sein möchten der bereits validierten Personen.”

Nachdem Selbstdarstellungssucht im Jahr 2015 dann von der Bundesregierung als „Kreativpilot Deutschlands“ ausgezeichnet wurde und Veronika Christine Dräxler und ihr Team professionelle Erfolgscoachings bekamen, lief alles aus dem Ruder. Plötzlich ging es nur noch um vielfältige Klicks statt um leidenschaftliche Geschichten, um bekannte Gesichter statt um leuchtende Talente, um ein verkäufliches Images statt um eine wirkliche Biografie. Also entschied Veronika sich jetzt dazu, das Projekt zu beenden.

“Für mich führt eine Gesellschaft von Fremdvalidierung zu nichts als Ausbeutung”, schreibt Veronika. “Ausbeutung des Selbst, Ausbeutung des Anderen, Ausbeutung der Natur, weil niemand jemals genug haben wird, weil das Ideal – inzwischen ist es meist eine Zahl, die mit ihrem jeweiligen erreichen höher gesetzt wird – niemals zu erreichen ist. Ich kann und will in meiner künstlerischen Praxis kein Teil dessen sein müssen. Daher schließe ich hiermit das Projekt Selbstdarstellungssucht ab.”

Selbstdarstellungssucht

Und weiter: “Ich verabschiede mich aus einem System der künstlichen Unterwerfung und beginne eine neue Reise, eine Forschungsreise zu der Welt, die unter den Projektionen vergraben liegt und zu mir als Frau, die sich Selbst validiert, aus sich selbst zu schöpfen vermag und die sich nun auf die Suche macht, nach Alternativen zu patriarchalisch geprägten Gesellschafts- und Wertesystemen, nach Alternativen zur Erschaffung von Öffentlichkeit ohne Fremdvalidierung und zu mehr Chaos und Wildheit.”

Wie genau es mit Veronika Christine Dräxler, Natalie Mayroth, Caroline von Eichhorn, Sonja Steppan, Verena Niepel, Franziska Sedlbauer und den anderen Autoren weiter gehen wird, das wird sich in der näheren Zukunft zeigen. Aber wenn ich eines weiß, dann dass kreative Menschen es nicht lassen können, sich den Weg vor ein digitales Publikum irgendwie zurück zu kämpfen.

Mit dem Ende von Selbstdarstellungssucht verschwindet ein weiterer, aus Leidenschaft betriebener Blog von der deutschsprachigen Digitallandschaft, der versuchte, seinen ganz eigenen Weg zu gehen, anstatt immer nur den neuesten und lautesten Trends hinterher zu hecheln. Und auch wer mit der Kunstszene an sich wenig bis gar nichts anfangen kann, der wird irgendwann merken, dass es im Internet womöglich mehr als nur lustige Videos, bunte Memes und süße Katzen-GIFs gibt und sich auf die Suche nach Publikationen begeben, die mehr Tiefe, Hintergründe und Ansichten bieten. Doch dann ist es womöglich bereits zu spät.

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