Wunderbare Wahnvorstellungen - So fühlt sich dein Leben an, wenn du süchtig nach Valium bist

Valium. Ich liebe Valium. Und weil ich dem Arzt, der es mir verschrieben hat, während ich unter dem Einfluss von Diazepam stand mit verträumtem Blick erzählt habe, dass Valium ab…
Wunderbare Wahnvorstellungen

So fühlt sich dein Leben an, wenn du süchtig nach Valium bist

Valium. Ich liebe Valium. Und weil ich dem Arzt, der es mir verschrieben hat, während ich unter dem Einfluss von Diazepam stand mit verträumtem Blick erzählt habe, dass Valium ab jetzt mein Boyfriend ist, ist in meiner Krankenakte jetzt vermerkt, dass mir niemand mehr Benzodiazepine verschreiben soll. Meine Drogensucht endete also bereits, bevor sie so richtig begonnen hatte. Dennoch hatten das Valium und ich zwanzig wunderschöne Tage miteinander, in denen mir literally die ganze Welt plötzlich egal war.

Ich bekam das Valium in erster Linie, weil ich aus diversen Gründen fast drei Wochen am Stück nicht geschlafen und alle anderen Therapiemaßnahmen komplett versagt hatten. Dementsprechend hatte ich mir von der ganzen Sache nie mehr erhofft, als mal wieder vier bis acht Stunden Schlaf pro Nacht zu bekommen. Worauf ich nicht vorbereitet war, war, dass das Valium all meine Probleme innerhalb von 10 Minuten in Luft auflösen würde.

Nachdem ich die erste Tablette geschluckt hatte, bekam ich einen Lachanfall von gefühlt mehreren Stunden Dauer. Ich lachte, wie ich schon ewig nicht mehr gelacht hatte Obwohl überhaupt nichts Lustiges passiert war. Genau genommen war einfach gar nichts passiert. Ich war plötzlich einfach sehr gut drauf. Also, wirklich sehr gut.

So gut, dass ich für einen kurzen Moment Angst bekam, dass man mir womöglich das falsche Medikament ausgehändigt haben könnte, denn mir war noch immer nicht nach schlafen, sondern viel mehr danach, all meine Freunde anzurufen und eine riesengroße Party zu veranstalten. Als ich jedoch zu meinem Handy griff, um diesen spontanen Einfall in die Tat umsetzen, musste ich feststellen, dass ich nicht mehr in der Lage war, es zu bedienen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich es überhaupt geschafft hatte, den Code zum Entsperren richtig einzutippen, und als es dann endlich geklappt hatte, war mir die Lust auf Feiern auch schon wieder vergangen.

Also schrieb ich lediglich meinem Freund eine SMS, dass ich die nächsten Tage schlafend verbringen würde und er mich bitte nicht unnötig stören solle. Zumindest dachte ich, dass ich das schrieb. In Wirklichkeit sendete ich eine Reihe zusammenhangloser Buchstaben- und Zahlenkombinationen ab, die weder von vorne, noch von hinten irgendeine Art von Sinn ergaben. Das erfuhr ich aber erst knapp 14 Stunden und 27 Anrufe in Abwesenheit später.

Als ich – nachdem ich das erste Mal seit Wochen tatsächlich geschlafen hatte, aber auch nach fünf Tassen Kaffee einfach nicht richtig wach werden wollte – rief ich meinen Freund zurück, der total in Panik war und mir, nachdem ich ihn darüber aufgeklärt hatte, dass ich jetzt Valium bekam, prompt eine Standpauke darüber hielt, wie unverantwortlich es doch von meinem Arzt war, mir Valium zu geben, und ob ihm und mir denn nicht klar wäre, dass das Zeug abhängig mache und ich womöglich in einer Entzugsklinik landen würde, wenn ich nicht sofort alle noch übriggebliebenen Tabletten – also 19 der 20, die ich erhalten hatte – entsorgen würde.

Ich hörte ihm zwar zu, aber was er sagte und auch dass er sich eigentlich nur Sorgen um mich machte, war mir total egal. Und das machte mich in genau diesem Moment auch ziemlich glücklich, denn im Normalfall ist mir nichts wirklich egal. Weshalb ich mich auch nie wirklich entspannen kann, denn mein Kopf ist quasi praktisch immer am Rattern und versucht, zumindest in der Theorie, einen riesigen Haufen vermeintlicher Probleme, seien sie nun rein persönlicher oder weltpolitischer Natur, auf einmal zu lösen.

Das Diazepam hatte mich nicht nur von meiner Schlaflosigkeit befreit, sondern auch von all den quälenden Gedanken, die mich sonst tagein, tagaus verfolgten. Also ließ ich meinen Freund einfach quatschen, stimmte ihm in allen Punkten zu und widmete mich, nachdem wir aufgelegt hatten, ein paar gepflegten Stunden Nichtstun, in denen ich die plötzliche Stille in meinem Kopf ausgiebig genoss.

Am vierten Tag meiner Valium-Experience merkte ich allerdings, dass ich zwar nachts endlich wieder schlief und dabei sogar Träume hatte, die ohne weiteres einen fantastischen Tarantino-Film abgegeben hätten, aber tagsüber so müde war, dass jeder Versuch, etwas Sinnvolles oder Produktives zu tun, von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Also beschloss ich, das zu tun, was aus der Sicht meines Diazepam-vernebelten Gehirns an meiner Stelle jeder vernünftige Mensch getan hätte: Ich warf die nächste Dosis Valium ein, flog auf meiner Wolke aus Watte zum nächsten Späti, wobei ich wirklich das Gefühl hatte, dass meine Füße den Boden nicht einmal berührten und schlief zuhause wieder ein, noch bevor ich mir eine der gerade gekauften Zigaretten anzünden konnte.

Ab diesem Zeitpunkt ging es glaube ich mit mir bergab. Vielleicht reagiere ich sensibler als andere Menschen auf Benzodiazepine, oder ich stehe im Alltag ständig so sehr unter Strom, dass das Gefühl von „Mir ist alles egal!“ so befreiend und irgendwie auch aufregend für mich ist, dass ich tatsächlich süchtig danach werde. Es ging mir jedenfalls noch nie so gut wie in diesen paar Tagen, aber leider war ich die Einzige, die das so sah.

Vor allem mein Freund fand es mehr als bedenklich, dass ich meine Katze zwischenzeitlich für einen echten Menschen hielt, mit dem ich Gespräche führte, die über die normalen Dialoge zwischen meiner Katze und mir („Miau.“ – „Miau.“) weit hinausgingen. Ich persönlich hielt es nicht für verwunderlich, dass solche Dinge passierten, denn ich hatte den Beipackzettel des Medikaments vor der ersten Einnahme sorgfältig studiert und war mir dementsprechend darüber bewusst, dass es in Kombination mit Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern, die ich gegen meine depressive Erkrankung nehmen muss, zu „paradoxen Reaktionen wie Ruhelosigkeit, Agitation, Reizbarkeit, Aggressivität, Wahnvorstellungen, Wutausbrüchen, Albträumen, Halluzinationen, Psychosen, auffälligem Verhalten und anderen Verhaltensstörungen“ kommen konnte. Und da ich alle Dinge, die mir aufgrund des Valiums nicht vollkommen egal waren, für außerordentlich witzig hielt, obwohl sie es nicht waren, fand ich auch das ziemlich gut. Es war jedenfalls besser als das, was sonst in meinem Kopf abging.

Deshalb war ich auch nicht gerade begeistert, als mein Freund mich nach nur zweieinhalb Wochen Valium in die nächste Notaufnahme schleppen wollte, damit ich mal „mit einer Person vom Fach“ über die Wirkung des Medikaments sprechen könnte. Da mir allerdings sowieso alles egal war, ließ ich mich von ihm zu dem Arzt, der mir das Diazepam verordnet hatte, begleiten. Mit der Konsequenz, dass ich die restlichen drei Pillen zwar noch nehmen durfte, aber ab sofort keine Benzodiazepine mehr verschrieben bekomme. Was in genau diesem Moment für mich allerdings nicht weiter problematisch erschien, da mir ja sowieso alles egal war und sich meine gute Laune von wirklich gar nichts trüben ließ.

Nachdem der letzte Rest des Medikaments allerdings aufgebraucht war, musste ich mir dann doch eingestehen, dass ich bereits nach so kurzer Zeit auf dem allerbesten Weg dahin war, ein tatsächliches Problem zu entwickeln. Ich trauerte dem Valium für etwa zwei Wochen hinterher und verfluchte mich dafür, dass ich mich nicht geschickter verhalten hatte, um noch ein bisschen länger von dem wundervollen Gefühl, dass es mir verschafft hatte, profitieren zu können.

Als ich mich wieder daran gewöhnt hatte, mit einem Kopf ausgestattet zu sein, durch den den ganzen Tag lang ungefilterte Gedanken fließen, sah ich dann schließlich ein, dass es gut war, dass ich dem Diazepam nach nur 20 Tagen Einnahme Lebewohl sagen musste. Wie schon erwähnt: Ich liebe Valium. Es ist ein tolles Gefühl, sich an der Existenz an sich erfreuen und den Rest der Welt einfach ausblenden zu können. Aber ich glaube, wenn man zu lange darauf bleibt, ist man irgendwann wirklich nur noch in der Lage, sich an der Existent an sich zu erfreuen, ohne überhaupt noch auf irgendeine Art und Weise wirklich am Leben teilnehmen zu können. Und das wiederum ist auf Dauer dann doch eher ungeil.

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