Gefühle aus der Vergangenheit - Erinnerungen an die erste Liebe machen uns stärker, mutiger und emotionaler

Das erste Mal verliebt war ich in der dritten Klasse. Sein Name war Peter. Er hatte dunkle Locken, war Fußballer und bewarf mich im Unterricht gerne mit Papierkügelchen, die, wenn…
Gefühle aus der Vergangenheit

Erinnerungen an die erste Liebe machen uns stärker, mutiger und emotionaler

Das erste Mal verliebt war ich in der dritten Klasse. Sein Name war Peter. Er hatte dunkle Locken, war Fußballer und bewarf mich im Unterricht gerne mit Papierkügelchen, die, wenn man sie auseinander rollte, erkennen ließen, dass er sie aus den Seiten seines Mathematikheftes gebastelt hatte. Das erklärte wohl auch seine schlechten Noten in diesem Fach. Peter war ein Rebell. Und genau das mochte ich an ihm. Dass er mich auch ganz gerne hatte, hatte ich natürlich längst durchschaut. Zumindest in der Grundschule kann man noch darauf vertrauen, dass an dem Satz “Was sich liebt, das neckt sich!” wirklich etwas dran ist.

Ich war ein ziemlich schüchternes Kind. Und abgesehen davon fand ich Jungs – zumindest, wenn meine Freundinnen und Eltern mich zu dem Thema befragten – entsprechend meines Alters auch noch ziemlich doof. Es war damals so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass man als bis zu einem gewissen Alter Jungs blöd zu finden hatte, und umgekehrt. In der Realität waren die meisten von uns jedoch bereits im Kindergarten zum ersten Mal so ein ganz wenig verknallt.

Ich jedenfalls hätte niemals den ersten Schritt gemacht und Peter meine Liebe gestanden. Obwohl es natürlich offensichtlich war, dass ich ihn mochte und er mich. Und so flogen fast ein ganzes Schuljahr lang lediglich Papierkügelchen zwischen uns hin und her, oder wir klauten uns gegenseitig das Lineal, was man halt als Kind so macht, wenn man die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich ziehen möchte. Im Nachhinein betrachtet was das Ganze ziemlich affig, und ich glaube, sowohl Peter als auch ich können heute froh sein, dass uns diese Aktionen keinen Eintrag im Klassenbuch beschert haben.

Gegen Ende des dritten Schuljahres jedoch änderten sich ein paar Dinge. Peter wurde plötzlich ruhig, sah mich kaum noch an. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass meine erste Liebe kein Interesse mehr an mir hatte, als kurz vor den Sommerferien etwas Erstaunliches geschah: Nach einer Stunde Gemeinschaftskunde kam Peter zu mir und legte mir wortlos und ohne mich eines Blickes zu würdigen einen Briefumschlag auf den Tisch.

Meinen Freundinnen war das natürlich nicht entgangen, und so musste ich den Umschlag in der großen Pause vor ihren Augen öffnen und den Inhalt des Briefes laut vorlesen. Es war eine Einladung zu Peters Geburtstagsfeier, die in der letzten Woche der Sommerferien stattfand. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Meinen Freundinnen allerdings gefiel die Sache nicht so gut wie mir. Sie betrachteten es als eine Art Hochverrat, wenn ich zu dieser Feier gehen würde – schließlich kam die Einladung von einem Jungen, und Jungs waren zu dieser Zeit unser allergrößter Feind. Neben Hausaufgaben und unangekündigten Klassenarbeiten, versteht sich.

Das Datum fiel allerdings genau in den Zeitraum, den ich im Familienurlaub in Spanien verbringen würde, wie ich erfuhr, als ich meiner Mutter am Nachmittag Peters Einladung vorlegte. Mein Traum, mit dem aus meiner Sicht tollsten Jungen, den die Welt je gesehen hatte, anzubandeln, war damit wieder einmal geplatzt. Ich war mir sicher, dass Peter mich nie wieder eines Blickes würdigen würde, wenn ich nicht zu seiner Feier käme – zumal ich wusste, dass er noch ein paar Mädchen aus der Parallelklasse eingeladen hatte, die ihn auch alle toll fanden und sich die Chance, einen ganzen Nachmittag mit ihm zu verbringen, sicher nicht entgehen lassen würden.

Zu Beginn des vierten Schuljahres hatte ich mit dem Thema Peter eigentlich schon abgeschlossen. Ich war sowieso noch viel zu jung für einen Freund, und außerdem hatte ich inzwischen andere Dinge im Kopf, die mich beschäftigten, wie auf welche weiterführende Schule ich wohl gehen würde und wie ich meine Eltern dazu überreden könnte, mir ein Tamagotchi zu kaufen. Außerdem hatte ich gerade mit dem Klavier spielen begonnen und opferte meine gesamte Freizeit dafür auf, Stücke zu lernen, die meiner Klavierlehrerin niemals auf den Notenständer gekommen wären. Dann kam allerdings meine allererste Klassenfahrt. Und die änderte dann noch mal alles.

Wir waren in irgendeinem Landschulheim, gar nicht weit von zuhause entfernt, und wurden von unseren Lehrern jeden Tag regelrecht zum Wandern gezwungen. Es war die Hölle, denn irgendwie hatten wir alle uns unsere erste große Klassenfahrt anders vorgestellt – eben mehr so, wie in den Spielfilmen, die wir aus dem Fernsehen kannten. Ein Tag jedoch ist mir bis heute in wunderbarer Erinnerung geblieben. Peter und ich hatten seit Wochen kein Wort mehr miteinander gesprochen, doch an diesem einen Tag, lief er bei einer unserer Ausflüge neben mir – und nahm einfach meine Hand. Einfach so, ohne etwas zu sagen. Und ich ließ ihn. Ab diesem Moment kam mir die Wanderung, auf der wir uns befanden, nämlich gar nicht mehr so schlimm vor wie zuvor.

Wir haben zwar nie wirklich darüber gesprochen, aber seit diesem Zeitpunkt waren Peter und ich irgendwie zusammen. Ein Paar, so wie Erwachsene eben auch Paare waren, zumindest in unseren kindlichen Vorstellungen von Paarbeziehungen. Wir schrieben uns im Unterricht gegenseitig Zettel, wie gerne wir uns hatten und in den Pausen hielten wir Händchen. Über diese Art der Zuneigung ging unsere Beziehung nie hinaus – aber wir waren ja auch noch Kinder, und irgendwie war das, was wir hatten, wirklich schön.

Nach den darauffolgenden Sommerferien trennten sich jedoch unsere Wege, weil wir auf unterschiedliche Schulen in verschiedenen Städten kamen. Ein Versprechen, dass wir den Kontakt halten würden, hat es nie gegeben. Es endete so sanft und wortlos, wie es begonnen hatte. Aber irgendwie war das nicht schlimm, sondern auf seine eigene Art und Weise genau richtig. Und ich glaube, es gibt nur wenige Menschen, die von ihrer ersten Beziehung sagen können, dass sie durch und durch schön war, vom Anfang bis zum Schluss. Die von Peter und mir war es.

Vor einigen Tagen habe ich seinen Namen bei Google eingetippt. Und tatsächlich seine Telefonnummer gefunden. Ich hätte ihn gerne angerufen und gefragt, was er heute macht. Wie sein Leben und seine Lieben so verlaufen sind, seit wir uns aus den Augen verloren haben. Ich hab mich aber entschieden, es nicht zu tun, denn ich mag zwar die Erinnerung an ihn – meine allererste Liebe – aber manchmal muss man es genau dabei belassen.

Nadine Kroll: Stellungswechsel
Mister Spex

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere aktuelle Neuigkeiten über das Leben zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Farfetch

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu: