Magische Weihnachten - Der nächtliche Botanische Garten wird im Ketaminrausch zum Zuckerwattenwald

Eiskalter Nebel steht über dem Botanischen Garten. Es ist bereits dunkel – und „mit der Dämmerung beginnt die magische Reise“, sagt der Slogan vom Berliner „Christmas Garden“. Rund um Weihnachten…
Magische Weihnachten

Der nächtliche Botanische Garten wird im Ketaminrausch zum Zuckerwattenwald

Eiskalter Nebel steht über dem Botanischen Garten. Es ist bereits dunkel – und „mit der Dämmerung beginnt die magische Reise“, sagt der Slogan vom Berliner „Christmas Garden“. Rund um Weihnachten werden die Bäume und Pflanzen bis in die Nacht bunt beleuchtet. Wir haben Ketamin dabei, sind bereit für die „magische Reise“ und beginnen sie mit dem Ziel, die 300-Quadratmeter-Eisbahn zu finden. Schlittschuhlaufen auf einem psychedelischen Trip muss wunderschön sein, denke ich. Darum gehe ich als erstes auf die Toilette, um eine Line zu ziehen.

Bis jetzt hatte ich nur eine Ketamin-Erfahrung, ein richtiger Horrortrip. Die Dosierung war zu hoch und ich befand mich direkt im „K-Hole“, einem finsteren Ort, an dem man aufhört zu existieren. Ich möchte der Droge eine zweite Chance geben und mein Begleiter legt eine viel kleinere Line auf. Die Wirkung setzt wenige Minuten später ein, nachdem ich sie vom Handy-Display durch einen Strohhalm in die Nase ziehe.

Sie brennt in den Nebenhöhlen wie Feuer. Ich verlasse die Kabine zuerst und wasche meine Hände, eine Frau macht sich die Haare mit einem Kamm zurecht. Als ich mir das Gesicht pudern will, fällt es mir schwer, die Dose zu öffnen. Also stelle ich die Handtasche ab und lächle sie an: „Unauffällig bleiben“, denke ich. Sie trägt eine ausgebeulte weiße Wollhose mit kleinen roten und grünen Christbaumkugeln.

Ketamin Weihnachten

Trotz ihres Humors in Hosenfragen lächelt die Frau nicht zurück. Es ist mir egal, denn alles fühlt sich plötzlich weich und gedämpft an, als wäre ich ein einen Wattebausch gepackt. Als die Frau mit der lustigen Hose das Klohäuschen verlässt, klopfe ich zweimal gegen die Kabinentüre und mein Begleiter huscht mit mir in die kalte Abendluft.

Das Anästhetikum Ketamin ist eine halluzinogene Substanz mit dissoziativer Wirkung. Man ist auf gut Deutsch reichlich verwirrt, betäubt und schwebt wie auf Wolken durch eine fremde Welt. Die Traumkulisse des Gartens und die Droge sind wie füreinander geschaffen. Vor uns eröffnet sich ein Meer aus Farben. Ich spüre weder die Kälte, noch meine Beine, und bewege mich wie von selbst den schmalen Weg in den Hauptteil des Gartens hinauf.

Er ist von kräftigen Nadelbäumen gesäumt. Milchiger Nebel reflektiert orange farbenes Licht. Wir treiben in ihm und könnten genauso gut auf dem Mars herumfliegen. Die Wirkung der Droge wird immer stärker; ich denke kurz, dass ich nicht weiter gehen kann, mich in die Wiese legen und abwarten muss, bis ich klar im Kopf werde.

Ketamin Weihnachten

„Was soll ich tun?“, frage ich und drehe den Kopf zu meinem Begleiter. Als ich das bekannte Gesicht sehe, erlange ich schlagartig die Kontrolle zurück und fühle mich wohl. Als ich wieder nach vorne blicke, bin ich erneut verloren. Also sehe ich ihn ununterbrochen von der Seite an. „Alles ist gut. Genieße es einfach“, sagt er, als er mich bemerkt, und macht damit alles unendlich besser. „Schau“, ruft er und zeigt auf einen Baum, der in unterschiedlichen Grüntönen strahlt. Drauf sind deutlich unsere schwarzen Schatten zu erkennen. „Wow.“

Weil einem auf Ketamin alles noch fotogener vorkommt, als ohnehin, bleiben wir an jeder Ecke stehen und machen Bilder. Andere Besucher kommen uns entgegen und werfen lange Schatten auf den Boden. Auf einer Wiese liegen riesige, gelbe Lichtkugeln verstreut, in den Ästen der Bäume hängen zarte Lampions, dahinter erhebt sich majestätisch das blau erleuchtete Gewächshaus.

Die Glas- und Stahlkonstruktion hat mich auch ohne Drogen schon immer vor seiner stummen Erhabenheit erschaudern lassen. Jetzt strahlt das kühle Licht hoch in den Himmel, als wäre an seiner Stelle ein Raumschiff gelandet. Weil die Droge von der Nase langsam in den Rachen fließt und einen bitteren Geschmack hinterlässt, steuern wir auf die Buden zu, die vor dem Gewächshaus aufgebaut sind.

Ketamin Weihnachten

„Was Süßes ohne Alkohol“, sage ich mit Mühe in sein Ohr. Selbst ein Getränk zu bestellen, ist mir unmöglich. Also stelle ich mich neben die Theke. Ich bewundere aufrichtig, wie er zwei Kinderpunsch bestellt und Geld aus dem Portemonnaie holt, obwohl es ewig dauert und aussieht, als würde ein kleiner Schimpanse mit einer Geldbörse hantieren. Aus dem Haufen Kleingeld fischt sich die Verkäuferin schließlich selbst den richtigen Betrag heraus. „Die merken uns das doch an“, sage ich. „Quatsch“, antwortet er. „Wir wirken ganz normal.“

Es ist schwieriger als gedacht, die Tassen zu halten, weil die Arme nicht mehr zu unseren Körpern zu gehören scheinen. Trotzdem stellen wir uns an eines der vielen Lagerfeuer, trinken umständlich mit tauben Mündern, die volle Konzentration darauf gerichtet, die Tassen nicht fallen zu lassen, und beobachten die anderen Gäste, als gehörten sie einer anderen Spezies an. Sie sind da, aber doch nicht da, als würde uns eine unsichtbare Mauer trennen.

Die Frau mit der Weihnachtswollhose baut ein Stativ auf, um im Halbdunkel Fotos von der Feuerstelle zu schießen. Der Rauch und ihre geschäftigen Bestrebungen machen mich wahnsinnig: „Wir müssen weg hier“, flüstere ich ernst und wundere mich über den Abscheu vor dem Lagerfeuer-Geruch, den ich normalerweise liebe. Aus etwas Distanz ist nicht nur der störende Geruch verschwunden, sondern auch der Unterschied zwischen dem Garten und mir. Ich bin der Garten und der Garten ist ich. Das ist fühlt sich unendlich richtig an.

Ketamin Weihnachten

Vor dem Hügel erstreckt sich ein Zauberwald aus Zuckerwatte. Wir schweben auf das weiche Rosa zu und lassen Licht, Nebel und die Wärme der Tassen durch uns strömen. Da werden von einer grellen Stimme gestoppt: „Kann ich euch helfen? Der Rundgang beginnt da vorne“, sagt eine winzige Frau mit Zahnspange und „Christmas Garden“-Prospekten in der Hand.

Ihre Wegbeschreibung kommt mir ausschweifend lang und kompliziert vor: „Ihr seht doch das Labyrinth da vorne? Da ist der Glühwürmchen-Garten und dann kommt die Bergwelt. Da müsst ihr rein und dann links, dann gelangt ihr auf den Rundweg und seht am meisten Attraktionen.“ Wir bedanken uns, wünschen ihr einen wundervollen Abend verabschieden uns: „Bis ganz, ganz bald!“ Sie lässt sich nichts anmerken.

Ich frage mich, wie oft sie am Tag mit Gästen sprechen muss, die die „magische Reise“ auf Halluzinogenen angetreten haben – und ob sie das überhaupt merkt. „Nach der Schlittschuhbahn haben wir gar nicht gefragt“, sage ich und wir gehen lachend auf das glitzernde Labyrinth zu, in dessen Richtung uns das freundliche Mädchen geschickt hat. „Hast du dir irgendwas von dem gemerkt, was sie gesagt hat?“ „Nein! Du?“

Ketamin Weihnachten

Dafür, dass einige Dinge auf Ketamin sehr viel schöner wirken, werden andere unerträglich. Zum Beispiel schlechte Musik. Am Labyrinth erwartet uns „Last Christmas“. „Ungeheuerlich!“, rufe ich. „Da machen die sich die Mühe und entwickeln so ein wahnsinniges Lichtkonzept. Und dann fällt ihnen nichts Besseres ein, als ‚Last Christmas‘!“

Zügig gehen wir weiter und geraten von einer akustischen Hölle in die nächste. Rentiere aus Lichterketten grasen zu „Rudolph the red nosed Reindeer“ auf der Wiese. „Im Ernst?“ Dazu beginnt die Frau mit den wollenen Weihnachtshosen mit ihrem Freund zu sprechen. Ihre Stimme wirkt auf mich plötzlich unangenehm wie quietschendes Styropor. Ich fange an, sie zu hassen.

„Bitte mach, dass sie endlich verschwindet“, sage ich leise. Also biegen wir hinter den Rentieren in den „Zauberwald“ ein. Dort sind alle Bäume in den tollsten Farben beleuchtet. Der Nebel hat sich mittlerweile bis fast auf den Boden gesenkt und wabert durch die Stämme und Büsche. Ein kleines Kind rennt lachend hindurch und lässt mich plötzlich ganz versöhnlich werden.

„Ist es nicht wundervoll hier?“, frage ich. „Ja, großartig“, sagt er. „Ich friere aber, lass und nach Hause gehen.“ Als wir den Garten verlassen, fühlt es sich an, als hätten wir die ganze Nacht dort zugebracht. Doch es ist erst acht Uhr und wir waren nur eine Stunde unterwegs. Die Eisbahn haben wir nie gefunden.

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