Die digitale Müllabfuhr - Syrische Flüchtlinge löschen für Facebook Kinderpornos, Folterfotos und Naziparolen

Habt ihr euch schon mal gefragt, wer da eigentlich die ganzen Kinderpornos, Folterfotos und Naziparolen löscht, die täglich in widerlichen Massen auf Facebook gepostet werden? Unter anderem syrische Flüchtlinge, die…
Die digitale Müllabfuhr

Syrische Flüchtlinge löschen für Facebook Kinderpornos, Folterfotos und Naziparolen

Habt ihr euch schon mal gefragt, wer da eigentlich die ganzen Kinderpornos, Folterfotos und Naziparolen löscht, die täglich in widerlichen Massen auf Facebook gepostet werden? Unter anderem syrische Flüchtlinge, die sonst nirgends in Berlin arbeiten können und froh sind, ein wenig Geld nebenher zu verdienen, auch wenn sie dadurch den ganzen Tag zertretene Tiere, geköpfte Rebellen und penetrierte Minderjährige sichten und gegebenenfalls verschwinden lassen müssen.

Die Süddeutsche Zeitung hat gestern Abend ihre investigative Reportage “Inside Facebook – Im Netz des Bösen” veröffentlicht, die aufzeigt, welche psychische Last diejenigen Mitarbeiter ertragen müssen, die bei Facebooks Partnerfirma Arvato, die wiederum zu Bertelsmann gehört, angestellt sind. Im Berliner Norden sitzen sie in kahlen Büros und haben nur einen Zweck: Eure Facebook-Posts sichten und bewerten. Doch wirklich einfach scheint der Job in vielen Belangen nicht zu sein.

“Die Regeln waren kaum zu verstehen,” erzählt ein Mitarbeiter, der, wie die anderen, anonym bleiben möchte. “Ich habe meinem Teamleiter gesagt: Das gibt’s doch nicht, das Bild ist total blutig und brutal, das sollte kein Mensch sehen müssen. Aber er meinte nur: Das ist deine Meinung. Aber du musst versuchen, so zu denken, wie Facebook es will. Wir sollten denken wie Maschinen.”

Denn die Mitarbeiter, darunter syrische Flüchtlinge, müssen nicht nur lernen, die widerliche Fotos, Videos und Texte über sich entgehen zu lassen, nein, die meisten verstoßen laut Facebook auch nicht gegen das Regelwerk des Netzwerkes. Geköpfte Leichen werden ebenso wenig beanstandet wie Gewalt gegen Frauen, Kinder oder Tiere. Nur bei nackten Brüsten ist die Sache schnell klar: Weg damit – und am besten gleich den Account sperren. Entweder für eine bestimmte Zeit oder für immer.

“Manche freuten sich vor der ersten Schicht, für das größte soziale Netzwerk der Welt zu arbeiten—heute klagen sie dagegen an, dass sie nicht ausreichend geschult wurden”, schreibt Max Hoppenstedt bei Motherboard. “Nach dem Log-in auf eine Facebook-eigene Bearbeitungsplattform warten in einer Warteschlange tausende gemeldete Beiträge auf die Sichtung, doch welcher Inhalt hinter dem nächsten Ticket aus dem internen System wartet, wissen die Mitarbeiter vorher nicht. Es ist eine zufällige Bildauswahl, was so aus der Warteschlange kommt. Tierquälerei, Hakenkreuz, Penisse.”

Facebook hat sich zu einer gigantischen Müllhalde entwickelt, auf der sich jeder in der Masse Gleichgesinnter für anonym betrachtet und deshalb seinem Hass, seinen Fetischen und seinen Fantasien freien Lauf lassen kann. Konstruktive Kritik ist dabei längst der pursten Form des Populismus gewichen, schließlich belohnt Facebook selbst nur die Lautesten und Krassesten mit einem Like.

Und das Krasseste, das ist eben oft auch gleichzeitig oft das Widerlichste. „Da war ein Mann mit einem Kind”, erzählt eine Mitarbeiterin. “Ein etwa dreijähriges Kind. Der Typ stellt die Kamera ein. Er nimmt das Kind. Und ein Schlachtermesser. Ich habe selbst ein Kind. Genau so eins. Es könnte dieses sein. Ich muss nicht mein Gehirn zerstören wegen dieses Scheißjobs. Ich habe alles ausgeschaltet und bin einfach rausgelaufen. Ich habe meine Tasche genommen und bin heulend bis zur Straßenbahn gelaufen.“

Warum gerade viele Flüchtlinge in diesem Löschteam zu finden sind? Weil ihre Qualifikationen in Deutschland meist nicht akzeptiert werden. Und wer sagt schon Nein zu einem Job bei einem der größten Arbeitgeber der Welt? Eben. Egal wie schrecklich und mental belastend ein Beruf auch sein mag, das Geld steht eben an erster Stelle. Da müssen sie eben durch, denken sie sich. Es gibt keine Alternative.

Und wie sehen die exakten Regeln des Löschens aus? “Ein Beitrag wird in jedem Fall gelöscht, wenn zu Gewalt gegen Flüchtlingen aufgerufen wird, oder wenn Flüchtlinge entmenschlicht werden,” schreibt Carsten Drees bei Mobilegeeks. “Beispielsweise, indem man sie als Untermenschen bezeichnet oder sie mit Tieren vergleicht. Es stellt auch einen Unterschied dar, ob die gemeldete Formulierung eine Inklusion oder eine Exklusion darstellt. Beispiel: „Nur für Weiße“ ist eine Inklusion und geht durch, „Hier nicht für Schwarze“ wäre eine Exklusion und damit nicht okay für Facebook.”

Insgesamt 48 Seiten ist das Regelwerk dick, in dem steht, was gelöscht werden darf. Bei Zweifeln wird der Vorgesetzte gefragt. Doch so einfach ist das nicht immer. Oft winken die Löscher lieber etwas durch, anstatt es zu löschen. Schließlich könnten sie bei jedem unnötig gelöschten Post Ärger mit dem Chef bekommen. Dieses Risiko will man lieber gar nicht erst eingehen.

“Die Mitarbeiter, die diese Warteschlangen in Akkordarbeit abarbeiten, gehören zu den sogenannten FNRP-Teams, der untersten Hierarchiestufe von Arvato, in der auch syrische Flüchtlinge tätig sind”, bestätigt Max Hoppenstedt bei Motherboard. “Das Gehalt dieser Lösch-Arbeiter, die 40 Stunden die Woche aufgeteilt auf eine Früh- und eine Spätschicht in den Arvato-Räumen vor ihren Rechnern sitzen, liegt nur knapp über einem Mindestlohn von 8,50 die Stunde. Laut SZ-Magazin beträgt es rund 1500 Euro brutto.”

Warum oft glasklar menschenverachtende Posts nicht von Facebook gelöscht werden? “Es ist für Facebook einfach zu schwierig, eine klare Grenze zu ziehen, solange der Verstoß gegen die Regeln nicht vollständig offensichtlich ist”, erzählte ein Informant Mobilegeeks. “Facebook hat Regeln festgelegt – und die sind recht umfangreich. Aber wie Regeln eben so sind, auch recht starr. Gerade, was viel Interpretation zulässt, kann und wird nicht immer vollständig abgedeckt werden.”

Die Frage, die sich hier stellt, ist, ob Facebook mit der Flut des Hassen umgehen kann, umgehen muss, oder ob die Plattform gegen dem schieren Horror nicht mehr gewachsen ist. Womöglich ist es zu spät dafür, hatte Facebook selbst doch seine Nutzer jahrelang durch fehlerhafte Algorithmen dazu ermutigt, so laut und ehrlich und, ja, menschlich wie möglich zu sein. Und Menschen, die sind eben oft widerlich. Ihnen wurden die mentalen Abgründe durch digital fabrizierte Filterblasen und ein intelligenzloses Belohnungssystem geradezu heraus gekitzelt. Facebook wird die Geister, die es rief, nicht mehr los. Garantiert.

“Mark Zuckerberg gab seinem Unternehmen und sich selbst eine Mission: die Welt offener machen und Menschen miteinander vernetzen”, meint Simon Hurtz von der Süddeutschen Zeitung. “Momentan trägt das Netzwerk aber dazu bei, Echokammern zu verstärken und Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Facebook muss transparenter werden, den Nutzern mehr Mitspracherechte geben und anfangen, Probleme öffentlich zu diskutieren. Sonst wird 2017 noch ungemütlicher als 2016, sonst scheitert Zuckerbergs Vision.” Doch dafür ist es zu spät. Facebook hat sich vom sozialen Netzwerk zum straffreien Hassnest entwickelt.

Womöglich sollte sich Mark Zuckerberg eingestehen, dass er eine Plattform erschaffen hat, die die Welt in allen Belangen schlechter gemacht hat. Kein anderes soziales Netzwerk hat es geschafft, den Hass der Menschen so sehr zu bündeln wie Facebook. Teams einzusetzen, die die widerlichsten Ausreißer zensieren, ist, als würde man versuchen, einen Waldbrand mit Wassereimern zu löschen. Die Vorteile können die Abgründe seiner Nutzer nicht mehr aufwiegen. Das Projekt Facebook ist gescheitert.

Topman

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere wundervolle Neuigkeiten über News zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

s.Oliver

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

2 Kommentare