Peitschen, Pumper, Pappmaché - Warum der neue McFIT-Ableger eine Sado-Maso-Ecke hat

„There’s a party in my sweatpants.“ Was ein wenig nach Chlamydien klingt, ist ein Slogan des McFIT-Ablegers John Reed, neben „Not your average gym“. McFIT will nicht länger gewöhnlich sein…
Peitschen, Pumper, Pappmaché

Warum der neue McFIT-Ableger eine Sado-Maso-Ecke hat

„There’s a party in my sweatpants.“ Was ein wenig nach Chlamydien klingt, ist ein Slogan des McFIT-Ablegers John Reed, neben „Not your average gym“. McFIT will nicht länger gewöhnlich sein und strengt sich an, um unter den vielen Fitnessstudios herauszustechen. Das ehrliche Grau, das im Studio im Prenzlauer Berg tonangebend war, ist verschwunden.

Stattdessen ist alles sehr bunt geworden: psychedelische Dschungel-Tapeten vom japanischen Designer Shinpei Naito, ein riesiges Medusen-Haupt aus orangefarbenem Pappmaché und Deckengemälde à la Sixtinische Kapelle. Der Rest ist ein Konglomerat aus allem, was zeitgeistig ist – beziehungsweise aus dem, was sich Marketing-Chef Marcus Adam darunter vorstellt: Club, Sex und Bohème.

Vordergründig ist der Club, sicher auch weil Marcus Adam früher beim Musiksender VIVA gearbeitet hat. Und McFIT-Gründer Rainer Schaller hat nicht nur das Discounter-Prinzip in die Sportwelt gebracht, sondern verdient auch Geld mit Musik-Events. Er organisierte mit seiner Firma Lopavent die Loveparade – zuletzt im Jahr 2010, als in Duisburg einundzwanzig Menschen starben. Das nur am Rande.

John Reed

Jetzt jedenfalls wollen die McFIT-Chefs Clubkultur ins Sportstudio bringen – und damit junges, neues Publikum. Also gibt es jetzt ein richtiges Line-up mit wechselnden Live-Acts wie „DJ Drush“, der seit über 20 Jahren Musik macht und sonst im Kreuzberger Club Prince Charles auflegt. Er steht mit leicht verzweifeltem Gesichtsausdruck hinter seinem Mischpult im Eingangsbereich und ständig laufen Leute mit Kopfhörern an ihm vorbei.

Er gibt seine Musik zum Besten, doch das Publikum will zur eigenen Playlist trainieren, auch wenn man diese aufgrund der clubartigen Lautstärke nur noch schwer hören kann. Die Musik im Studio „sorgt dafür, dass Puls und Beat eins werden“, heißt es bei John Reed. Wenn man aber auf die Musik keine Lust hat, arbeitet der Beat gegen den Puls und macht das Training nur anstrengender.

Sex ist besonders im McFIT Prenzlauer Berg schon immer latent Thema. Das Spiel von Zeigen und Schauen ist eine feine Choreographie: Die Frauen recken sich wie zufällig ein wenig zu weit nach oben und entblößen ihren Bauch oder gehen tief in den Spagat, um ihre Biegsamkeit zu demonstrieren.

John Reed

Die Männer präsentieren ihre Kraft durch das stumme Heben großer Gewichte, das ab und zu durch ein Stöhnen durchbrochen wird. Auf den Bildschirmen an den Wänden spannen junge Männer und Frauen in kurzen Clips ihre Muskeln an. Auch die Fitness-Geräte selbst scheinen nach einer speziellen erotischen Logik aufgestellt zu sein: In erster Reihe stehen meist Frauen auf den Steppern. Mit Blick aus dem Fenster, Unterarmen auf die Haltegriffe gestützt und weit nach oben gestreckten Hintern treten sie auf die Pedale. Sie tragen dabei keine alten Sportklamotten, sondern durchdachte Outfits, Make-up und zurechtgemachte Haare.

Eine Reihe hinter ihnen joggen häufig Männer auf Laufbändern und fixieren dabei die Hintern der steppenden Frauen, als wären sie ihr Antrieb und Ziel. Bislang schwang diese Spannung eher unterschwellig mit. Jetzt kommt eine eindeutige sexuelle Komponente dazu: Eine Wand wurde rot gestrichen und mit Sado-Maso-Spielzeug dekoriert. Auf dem Weg zur Rücken-Schule muss man nun eine Reihe Knebel, Peitschen und Gerten passieren. Mit „50 Shades of Grey“ und der Bondage-Mode ist SM-Ästhetik salonfähig geworden, das Spiel damit modern. Also rein damit ins Konzept.

Bei den Rückengeräten ist jetzt dafür eine Bibliothek eingerichtet. Vor dunklem Holz stehen Attrappen von alten Büchern neben Globen und Büsten. Musikkultur, Freizügigkeit und Intellektualität – der McFIT-Ableger John Reed setzt nicht mehr auf das Discounter-Image, sondern auf Zeitgeist in Form vom Bohème-Klischee.

John Reed

Dieses ist mit den Hipstern zwar schon lange vom Mainstream entdeckt worden. Im Billig-Fitnessstudio hat es seinen Tiefpunkt erreicht. Der Kapitalismus ist bekanntlich auch so erfolgreich, weil er sich alles einverleibt. Auch seine Kritiker. Die Macher der Profit-Maschine McFIT kennen dieses Spiel nur zu gut. Neben der Fake-Bibliothek trägt eine Holzfigur im Ethno-Stil eine Guy-Fawkes-Maske. Selbst die Anonymous-Bewegung findet Platz im John-Reed-Konzept.

Man kennt das aus Wellness-Anlagen, in denen gerne mal griechische Säulen mit Buddha-Figuren und Kleopatra-Portraits kombiniert werden: Statt einen eigenen Stil zu verfolgen, greifen sich Innen-Ausstatter einzelne kulturelle Elemente heraus und verwursten sie zu etwas Neuem. Das fühlt sich komisch an, weil es nicht authentisch ist.

Sportstudios sind für die meisten Menschen zweckmäßige Orte zum Fit-halten. Weil McFIT seine Studios auf diese einfache Formel reduziert hat, ist es so erfolgreich geworden. Das „Zeitgeist-Konzept“ macht es das nicht besser, sondern schlechter. Die graue Mukkibude war wenigstens ehrlich.

Tally Weijl

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