Angst in der Türkei - So erleben junge Menschen den Terror in Istanbul

Mitten in Istanbul explodierten erneut Bomben – 44 Menschen wurden in den Tod gerissen, über 150 Menschen wurden verletzt und ein ganzes Land wurde in Angst, Hoffnungslosigkeit, Wut und Schmerz…
Angst in der Türkei

So erleben junge Menschen den Terror in Istanbul

Mitten in Istanbul explodierten erneut Bomben – 44 Menschen wurden in den Tod gerissen, über 150 Menschen wurden verletzt und ein ganzes Land wurde in Angst, Hoffnungslosigkeit, Wut und Schmerz versetzt. Getrauert wird nicht mehr allein um die Schicksal der Opfer, die durch Zufall sterben, sondern auch um das Schicksal des Landes – in der nur noch eine künstliche Normalität herrschen kann.

Das Leben ist in der Türkei schon lange erstarrt, man bangt nur noch um das alltägliche Überleben. Eine Zukunft können sich gerade die jungen Menschen in ihrer türkischen Heimat schon lange nicht mehr vorstellen, sie sind dankbar für jeden Moment, an dem sie am Leben sind.

Seit über einem Jahr versuchen die Menschen in der Türkei öffentliche Verkehrsmittel oder große Plätze, touristische Orte zu vermeiden – aus Angst beim nächsten Bombenanschlag ihr Leben zu verlieren. Aber das Leben muss weitergehen in einem Land, in dem der Alltag auch ohne Terroranschläge schon unsicher genug ist.

Während die Türken gegen staatliche Repressionen und eine autoritäre Politik, wirtschaftliche Instabilität und ein zunehmend menschenfeindliches Klima trotzen, raubt ihnen die Gewalt und der Terror ihre letzte Kraft, ein normales Leben zu führen. Seitdem die Türkei von politischen und wirtschaftlichen Krisen nicht loskommt, versucht die junge Generation, sich ihre eigene Welt zu schaffen: Sie trinken, feiern, studieren und arbeiten – um ihr Leben. In ihrer Scheinwelt wollen sie nicht nur ein westliches, sondern auch ein sicheres Leben führen.

Aber das Land hat sich verändert, die Leichtigkeit ist verflogen. Das Klima ist angespannt, menschenfeindliche Aussagen regieren im Netz. Intoleranz, Autorität und Gewalt ist Alltag. Der autoritäre Führungsstil der Regierung, die drohenden Worte des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, Kindesmissbrauchfälle, Inhaftierung von Journalisten und Regierungskritiker, der bewaffnete Kampf im Südosten der Türkei, Gesetzesentwürfe zur Amnestie von Sexualstraftätern, Frauengewalt – das sind zu Alltagsproblemen der türkischen Bevölkerung geworden. Terroranschläge versetzen sie in eine Trauer, der sie nicht entrinnen können.

„Das Einzige, was ich teilen kann, ist mein Schmerz“, wurde am Samstag auf Instagram gepostet. Oder auch: „Der Ort, an dem Worte ihr Ende haben“ und „Es reicht.“ Wo sonst die hippen Türken Familienfotos, Selfies mit Beauty-Filter, Bachelor-Partys mit der Boomerang-App und ihren Café Latte in angesagten Cafés posten, finden sich im Sekundentakt nur noch Fotos von weinenden Polizisten, schwarzen Balken und der türkischen Flagge.

Den Opfern von Terroranschlägen wird ihr Leben, den Menschen, auf die gezielt wird, wird ihre Freiheit genommen. Zynischerweise dieses Mal von den „Freiheitsfalken“ – jener Splittergruppe der radikalen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die sich zu den Attentaten bekannt hat, die vergangenen Samstag Abend auf der europäischen Seite Istanbuls in der Nähe des Vodafone-Stadions des Besiktas-Fußballclubs verübt haben.

„Mit einer halben Stunde zu überleben …wir lesen die Tweets von von massakrierten jungen Menschen, die bei vorherigen Massakern an massakrierte junge Menschen gedacht haben, wir sind in einer fürchterlichen Hölle.“ – schreibt die Instagram-Bloggerin Melisa Neslihan. In dem Moment, in dem die Nachricht über eine Explosion die Menschen erreicht, hört die Normalität auf. Die Erinnerung, dass man in einem unsicheren, instabilen und autoritärem Staat lebt, kommt wieder hoch. Leben und Tod werden nur noch dem Zufall überlassen. So zufällig wie Berkay Ates starb.

Opfer von Terroranschlägen werden in der Türkei als Märtyrer bezeichnet – Berkays Vater sagt aber die bittere Wahrheit : „19 Jahre alt. Student der Medizin im zweiten Jahr. Er kam aus Ankara nach Istanbul für zwei Tage. Sie sind zum Herumreisen gekommen. Durch Zufall fahren sie dort vorbei. Das ist alles. Nur das. So zufällig, so einfach, so billig. Morgen werden sie Blumen hinlegen. Etwas anderes werden sie nicht machen. Dafür soll er Märtyrer sein. Nein, ich will nicht, dass mein Sohn Märtyrer wird. Mein Sohn wurde massakriert.“

Die Trauer der Türken um die Opfer der Attentate wird eingeholt von der traurigen Realität ihrer Regierung und ihrer Mitmenschen: Die Regierung pocht auf Rache und Vergeltung, als auf Gerechtigkeit, Sicherheit und Frieden. Weil die türkische Stadt Izmir an der Ägais als laizistisch, westlich und oppositionell bekannt ist, fragt eine Türkin auf Facebook: “Wieso geht in Izmir keine Bombe hoch? Leben etwa die Ungläubigen ungläubig in Ruhe?” Die Türken wundern sich nicht mehr über grausame Anschläge und schreckliche Äußerungen. Sie schaudern bloß – vor ihrer grausamen Vergangenheit, vor ihrer schrecklichen Gegenwart und vor ihrer hoffnungslosen Zukunft.

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