Ein Nachruf - Das Fernsehen stirbt einen grausamen Tod – und das ist auch gut so

Fernsehen, das hieß für mich nach der Schule komatös vor „Mila Superstar“ zu dösen, nachts eine Dosis „Bob Ross: The Joy of Painting“ zum Einschlafen anzusehen oder mir einen Film…
Ein Nachruf

Das Fernsehen stirbt einen grausamen Tod – und das ist auch gut so

Fernsehen, das hieß für mich nach der Schule komatös vor „Mila Superstar“ zu dösen, nachts eine Dosis „Bob Ross: The Joy of Painting“ zum Einschlafen anzusehen oder mir einen Film reinzuziehen, auf den ich selbst nie gekommen wäre. Mal war der gut, mal schlecht. TV ist der Inbegriff des Passiven; vorgefertigtes Programm zu einer festen Zeit. Man braucht nur auf einen Knopf zu drücken und wird berieselt.

Dieses Gefühl war in den letzten Jahrzehnten fester Bestandteil des deutschen Alltags: Als das Fernsehen geboren wurde, wollte jeder ein TV-Gerät besitzen. Zwar lief damals nur Nazi-Propaganda, aber es flimmerte so schön im Wohnzimmer. Irgendwann wurde sogar bestimmt, dass Fernsehen zur Grundversorgung gehört und Arbeitslose ein Recht auf TV-Geräte haben. Auch war Fernsehverbot für Kinder meiner Generation oft die einzige elterliche Strafe, die wirklich wirkte. Heute dagegen ist jungen Menschen TV genauso fremd, wie Zeitungen aus Papier. Das traditionelle Fernsehen ist tot.

Trotzdem wird fleißig so getan, als sei es noch lebendig. Wie in „Immer Ärger mit Bernie“: In dem 80er-Jahre-Film schleppte man Bernies Leiche im grellen Hawaii-Hemd durch die Gegend. Jetzt füllt man Sendezeit mit immer bunteren Inhalten. Es muss schon sehr schmutzig und nackt zugehen, um dem Zuschauer eine Reaktion abzutrotzen.

Auf „Tutti Frutti“, die Erotik-Show der 90er, in der mal ein Busen blitzte, folgte innerhalb von zwei Jahrzehnten „Adam und Eva“, worin es nur noch ums Nackt-sein geht. Fernsehmacher wollen, dass jemand zusieht, egal um welchen Preis. Immerhin hängt eine riesige Industrie daran. Und diese scheint sich mit der digitalen Realität noch nicht so ganz angefreundet zu haben.

So werden in den öffentlich-rechtlichen Sendern Berufe künstlich beatmet, die als ausgestorben galten: Sendungen werden von drei Pulten live gefahren, obwohl es nur einen Knopfdruck bräuchte. Videos werden auf Kassetten ausgespielt, als seien die vergangenen zehn Jahre nicht passiert. Auf Redaktionskonferenzen wundert man sich über die schlechte Quote, Redakteure wissen zum Teil nicht mal von der Existenz der Mediathek und beraten darüber, wie man noch gleich die Jungen erreicht.

Die wiederum sind nicht nur nicht am öffentlich-rechtlichen Fernsehen interessiert – was das junge Angebot von ARD und ZDF im Netz sicher nicht ändern wird, solange die Machart die gleiche bleibt. Sie haben die Lust am TV generell verloren. Die Vorstellung, ausgewählte Sendungen zu festen Uhrzeiten anzuschauen, ist absurd geworden. Warum sollte man auch, wenn es bessere News, Dokumentionen und Filme zu jeder Zeit online gibt?

Das TV-freie Leben war lange mit einer bildungsbürgerlichen Antihaltung verbunden. Jetzt ist es bei den unter-24-Jährigen in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Sie nutzen das Netz nun offiziell häufiger, als das TV. Niemand, den ich kenne, besitzt noch ein TV-Gerät. Bis auf zwei Ausnahmen: Meine Mutter und meine Nachbarin.

Die beiden Frauen stehen für generische Typ TV-Besitzern in Post-TV-Zeiten: Meine Mutter will sich nach der Arbeit berieseln lassen, nicht erst im Netz nach Filmen suchen. Wenn ich sie besuche, gebe ich mich mit ihr der Lust an schlechtem Fernsehen hin. Dann wird nicht Arte geschaut, wie ich es online in der Mediathek tue, sondern ich bade mich im leisen Ekel vor „Bauer sucht Frau“ oder der beruhigenden Vorhersehbarkeit von Liebesfilmen made in Germany.

Die laufen immer gleich ab, da kann einem nichts passieren: Eine mit beidem Beinen im Leben stehende Frau – nicht zu hübsch, nicht zu hässlich – hat die Wahl zwischen zwei Männern. Schon in der ersten Minute ist klar, dass der „beste Freund“ – Wuschelhaare, erfolgloser Schriftsteller oder sinnlicher Koch – am Ende ihr Lover wird, nicht der Mann mit der fiesen Gel-Frisur.

Meine Nachbarin ist der andere Typ Fernsehbesitzerin: Die Einsame. Der Supermarkt um die Ecke ist ihr einziger sozialer Kontakt. Trotzdem kommen aus ihrer Wohnung jeden Abend Stimmen. Ihre Serien bilden das Hintergrundgeräusch, die Gespräche werden zu ihren Gesprächen, die Charaktere zu ihrer Familie.

Fernsehen mildert Einsamkeit anders, als Internet, denn jemand hat sich die Arbeit gemacht, und ein Programm für einen zusammengestellt. Die Zuschauer fühlen sich umsorgt. Darum gibt es übrigens auch einen Zusammenhang zwischen Stromausfällen und Selbstmordzahlen. Für einsame und erschöpfte Menschen ergibt es Sinn, das Fernsehen weiter lebendig zu halten wie die Leiche „Bernie“.

Der Film „Immer Ärger mit Bernie“ ist übrigens eine Adaption von „Immer Ärger mit Harry“ von Alfred Hitchcock und damit symptomatisch für das, was das Fernsehen angerichtet hat: Viele Filme aus den 50er- und 60er Jahren wurden in den 80ern völlig gehirnamputiert neu aufgelegt. Was war passiert?

Man musste Geld mit Werbung machen und begann, die niedersten Triebe der Zuschauer anzusprechen, damit sie zahlreich einschalten. Irgendwann hat man dann ganz aufgehört, ihnen etwas zuzutrauen. Schaut man sich das Fernseh-Programm an, ist es die logische Entwicklung dieser Tendenz.

Im sogenannten Bildungsfernsehen laufen Kochshows, Fußball und „Musikantenstadl“; die privaten Sender zeigen „Frauentausch“, „Sarah und Pietro in Love“ und „Dschungelcamp“. Dabei berufen sich die Macher auf eine Quote, die auf eine umstrittene Art erhoben wird – ein Kästchen, das in ausgewählten Testhaushalten installiert ist, zeichnet das eingeschaltete Programm auf.

Glücklicherweise gibt es jetzt andere Zahlen: Die Zuschauer klicken im Netz auf tief recherchierte Dokumentationen, Spielfilme, in denen man nicht die Handlung nach der ersten Minute vorhersagen kann und komplexe Serien, die genauso viel vom Leben erzählen, wie ein guter Roman – bis vor Kurzem wusste man in Deutschland nicht einmal, dass es so etwas überhaupt gibt.

Und: Sie wollen sich die Inhalte in der Original-Sprache ansehen, nicht mehr schlecht synchronisiert. Das Publikum wird immer schlauer und will Qualität – zumindest manchmal. Darum gehen Netflix und Amazon Prime auch durch die Decke. Für die Lust am Trash ist nun Youtube zuständig. Natürlich wird mit Internet-Fernsehen nicht alles anders. Doch die Epoche des Passiven geht definitiv zu Ende und die Macht wandert zurück in die Hände der Zuschauer. Rest in peace, TV. Bald wirst du retro.

Passionata

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere tolle Neuigkeiten über Filme & Serien zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Farfetch

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

22 Kommentare