Tabuthema Stuhlgang - Gespräche übers Kacken zeigen dir, wer deine wahren Freunde sind

Es gibt einen ganz bestimmten, fast schon magischen, Moment in jeder Bekanntschaft – egal, ob es sich um eine aufkeimende Freundschaft oder eine frische Beziehung handelt – in der sich…
Tabuthema Stuhlgang

Gespräche übers Kacken zeigen dir, wer deine wahren Freunde sind

Es gibt einen ganz bestimmten, fast schon magischen, Moment in jeder Bekanntschaft – egal, ob es sich um eine aufkeimende Freundschaft oder eine frische Beziehung handelt – in der sich entscheidet, ob es sich um eine aufrechte, enge Bindung oder doch eher um ein für immer und ewig oberflächliches Miteinander handelt.

Das ist nicht etwa der Moment, wenn man seine ganze tragische Familiengeschichte auspackt oder dem Gegenüber anbietet, im Krankheitsfall eine Niere zu spenden, sondern ein ganz niederes, menschliches Bedürfnis, das ein jeder von uns hat, über das aber aus Höflichkeit, Scham oder anderen für mich nicht nachvollziehbaren Gründen gerne geschwiegen wird. Der Moment, in dem sich entscheidet, ob eine zwischenmenschliche Beziehung echt oder oberflächlich ist, ist der, in dem man das erste Mal miteinander übers Kacken spricht.

Der tägliche Stuhlgang ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, über das niemand gerne spricht – dabei ist es eigentlich ein Bedürfnis wie jedes andere, und über unser Lieblingsessen oder die Sehnsucht nach einem heißen Bad schweigen wir ja auch nicht. Warum also sind die meisten von uns so verklemmt, dass sie nicht sagen können, wenn sie mal wieder richtig schön einen abseilen wollen.

Die Ekelgrenze kann’s nicht sein, denn alles, was der menschliche Körper so an Abfallprodukten produziert, ist ganz prinzipiell erst mal nicht eklig. Man muss sich den Achselschweiß seiner Mitmenschen ja nicht direkt ins Gesicht reiben lassen oder den eigenen Urin als Mahlzeit zu sich nehmen. Kann man aber, wenn man möchte.

Für mich ist Kacken ein Gesprächsthema wie jedes andere auch. Und ich hab auch echt kein Bock drauf, mit Leuten befreundet sein, zu denen ich sagen muss „Ich geh mir mal die Nase pudern“, wenn ich eigentlich meine, dass ich scheißen muss. Zumal „Nase pudern“ für mich bedeutet, dass ich mir eine ordentliche Ladung Kokain in die Birne ballere.

Schon lange bevor „Darm mit Charme“ das Thema Stuhlgang gesellschaftsfähig gemacht hat, gehörte es zu den Dingen, die ich mit meinen Freundinnen und Freunden gerne besprach. Ist doch auch interessant, sich mal über die Häufigkeit des Kackens oder die verschiedenen Konsistenzen von Scheiße zu unterhalten.

Im Internet kursiert sogar eine Liste, auf der Dinge wie „Sprühwurst“, „Glückswurst“, „Aufregungsschiss“ und „Bierschiss“ genauestens definiert werden. Super Sache, vor allem, weil man daran merkt, dass man nicht der einzige Mensch der Welt ist, der manchmal so krasse Stinkbomben ins Klo legt, dass man einen ganzen Kontinent damit ausrotten könnte.

Ich muss gestehen, dass ich nicht immer so locker war, wenn’s ums Thema Kacken geht. Früher war das schon so, dass ich das Thema Stuhlgang so behandelt habe, wie auch meine Periode: Als wäre es bei Frauen gar nicht vorhanden. Demnach bin ich auch immer nach Hause gefahren, wenn mein Darm sich zu Wort gemeldet hat, statt meinen Haufen in die Schultoilette zu setzen. Auch bei Freunden scheißen war nicht drin. Generell konnte ich nirgendwo kacken, außer zuhause. Und darüber reden war halt auch nicht drin.

Geändert hat sich das alles schlagartig, als ich das erste Mal auf einem Festival war. Ich hatte mir im Vorfeld gar keine Sorgen um meinen Stuhlgang gemacht, schließlich kannte ich meinen Darm gut genug, um zu wissen, dass er gut und gerne eine Woche ohne die Erleichterung eines Schisses auskommt, wenn die heimische Toilette nicht in der Nähe ist.

Auf Festivals herrschen andere Gesetze als im normalen Leben. Da werden beispielsweise fiktive Götter aus Bierdosen angebetet, Menschen, die sich im normalen Leben nie begegnen würden, reiben ihre geschwitzten Körper aneinander, und es wird lauthals verkündet, dass der braune Schokobär drückt und man jetzt mal einen abseilen geht.

Besonders der erste Schiss auf einem Festival wird für gewöhnlich groß gefeiert. Vor allem dann, wenn er auf einem Dixieklo erfolgte und nicht auf einer dieser Toiletten, für die man Geld bezahlen muss, damit man in einem halbwegs sauberen Umfeld und mit etwas mehr Ruhe sein Geschäft erledigen kann.

Für mich war das zunächst sehr irritierend. Wie gesagt, ich kannte das nicht, dass man so offen über seine Darmtätigkeit spricht. Vor allem nicht als Mädchen. Gleich am zweiten Tag allerdings konfrontierte Sophia unsere Reisegruppe mit ihrem bereits jetzt nicht enden wollenden Bierschiss. Ich bewunderte sie, wie so oft, stieg aber noch nicht mit in das Thema ein.

Die anderen jedoch holten direkt ihre krassesten Scheißgeschichten hervor. Da war zum Beispiel der Typ, der eine Hand gekackt hatte („Einen großen Haufen und fünf kleine Würstchen, echt jetzt!“ – „Hast du ein Foto davon gemacht?“) und ein anderer, der angab, extra schwarze Schokolade mitgenommen zu haben, damit seine Scheiße trotz des ganzen Bieres eine „normale“ Konsistenz behielt.

Ab da gab es eigentlich kein Halten mehr. Gefühlt der ganze Zeltplatz beteiligte sich an der Diskussion über eindeutig sichtbare, unverdaute Maiskörner im Kot, das Brennen, das man am Arschloch verspürte, wenn man ein zu scharfes Chili hatte und wenn sie gerade nicht darüber sprachen, blähten sie ihre Darmwinde in alle Richtungen des Geländes. Ich war zu keinem Zeitpunkt angeekelt, doch so richtig mitmachen wollte ich hier noch nicht.

Erst, als mein Darm sich am dritten Tag und nach viel zu viel Bier zu Wort meldete, zog ich Sophia zur Seite und erzählte ihr, dass ich jetzt auch endlich mal müsse. Eigentlich wollte ich von ihr nur wissen, ob sie zum Kacken auf die Dixieklos oder die bezahlbaren Toiletten ging, doch bevor sie aufhalten konnte, schrie sie unseren Begleitern zu: „Ey, Nadine geht endlich auch mal kacken!“ Ich bekam eine große Runde Applaus, eine Rolle Klopapier in die Hand gedrückt und die Anweisung, einfach das Dixieklo zu benutzen, da sich das Bezahlen für die „besseren“ Toiletten sowieso nicht lohnen würde.

Von da an war das Eis gebrochen. Nachdem ich einen mittelfesten Haufen in das kleine blaue und extrem stinkende Häuschen gesetzt hatte, ging ich zurück zu den anderen und erzählte ihnen davon. Von da an gehörte ich dazu. Meine Freundschaft zu der Truppe, mit der ich auf dem Festival war, war echt.

Seit diesem Tag hab ich auch kein Problem mehr damit, vor anderen Leuten über meinen Stuhlgang zu sprechen. Wer auf mein „Ich geh kacken!“ mit Abscheu oder Ekel reagiert, ist es nicht wert, mein Freund zu sein. Ich will einfach keine Beziehungen zu Menschen haben, die sich ihrer eigenen Körperfunktionen so sehr schämen, dass sie nicht offen sagen können, was Sache ist.

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