Hellbilly Nation - Wer Donald Trumps Sieg verstehen möchte, muss zuerst Jesco White kennenlernen

Stepptänzer Jesco White stammt aus Bandytown, Boone County. Er ist eine Ikone in der Gegend und verkörpert wie kein anderer den Schlag Menschen, der zurückgezogen in den Bergen lebt. Der…
Hellbilly Nation

Wer Donald Trumps Sieg verstehen möchte, muss zuerst Jesco White kennenlernen

Stepptänzer Jesco White stammt aus Bandytown, Boone County. Er ist eine Ikone in der Gegend und verkörpert wie kein anderer den Schlag Menschen, der zurückgezogen in den Bergen lebt. Der Mann mit den hellgrünen Augen und den schwarzen Schatten darunter hat etwas von Charles Manson, Che Guevara und Elvis in einer Person: ein Drittel gefährlicher Sektenguru, ein Drittel charismatischer Anführer, ein Drittel genialer, drogensüchtiger Künstler.

White ist ein Mountain Dancer. Im eigenen Garten – oder besser auf der Grünfläche vor seinem Trailer – legt er ein Holzbrett über Erdlöcher. Mehr braucht er nicht, dann steppt er so schnelle Schritte darauf, dass man ihnen kaum folgen kann, mit unbeweglichem Oberkörper, zum Schlitz verengten Augen und hoch erhobenen Armen.

Jahrelang tourte er so durch die Appalachen und die Mountain People vergöttern ihn dafür. Er ist nicht nur einer von ihnen, sondern so etwas wie die Quintessenz dessen, was ihren Lebensstil ausmacht: Sie nennen sich selbst Hillbillies, also Hinterwäldler, und würden wohl lieber sterben, als einen Anzug zu tragen. Der bildungsbürgerliche Impetus einer Hillary Clinton ist ein rotes Tuch für viele, denn sie wirkt abgehoben und arrogant auf sie.

Die Berggegend dagegen ist roh, religiös und ungebildet; Status zählt nichts, Authentizität alles. Trump gilt mit seinem zur Schau gestellten Reichtum darum ebenfalls als Idiot, wie aus den Aufnahmen der Wahlveranstaltungen und den Reaktionen der Bürger recht deutlich abzulesen war, aber als das geringere Übel. Immerhin ist er Republikaner, was den Rednecks wichtig ist. Der König dieser Welt ist Jesco White. Bis jetzt. Denn angeblich soll er tot sein oder im Gefängnis sitzen, weil er seine Frau umgebracht hat – behaupten zumindest seine Fans in Internetforen.

Betrogene Bürger sind Protestwähler

Man kann das alles nicht ohne die Umgebung verstehen. Die staubigen Straßen in Boone County heißen Roundbottom Road oder Walnut Drive. Sie führen vorbei an tiefen Schluchten, Felsen und Flüssen. Etwas unheimlich ist es dort, so abgeschieden vom Rest der Welt. Die Appalachen sind aus Horrorfilmen wie „Silent Hill“ bekannt, für die amerikanischen Ureinwohner galt die Gegend als verbotenes Land und so denkt man schnell an David Lynch-Szenarien, wo Trostlosigkeit und Gewalt durch Saufgelage kompensiert werden, die wehtun. Alkohol brennen die „Moonshiners“ von West Virginia übrigens gerne selbst.

Vielleicht sprechen die Menschen auch deshalb immer etwas undeutlich, als hätten sie Kieselsteine im Mund. Vielleicht auch wegen der schlechten zahnärztlichen Versorgung. Denn arm sind sie fast alle und haben entweder Glück und züchten auf einer eigenen Farm Vieh oder Pech und bedienen in Restaurants oder reparieren Autos. Eine Arbeitsstelle reicht für die meisten nicht mehr zum Leben aus, so gering sind die Löhne.

Die Bergkohle, von der die Menschen in der Gegend traditionell lebten, ist schon lange nicht mehr lukrativ. Schon in den 60er Jahren wurden die Minenarbeiter kollektiv um ihren Lohn betrogen, heute machen immer mehr Gruben dicht. Ernst genommen fühlten sich die hart schuftenden Bergleute nie richtig. Fast jeder in der Gegend hat schon jemanden bei einem Grubenunfall verloren, den er kannte.

Barry Bledsoe, republikanischer Kandidat für den Senat von West Virginia, berichtete in einem Interview von einer Wahlveranstaltung Trumps in Charleston: „Es waren viele Bergarbeiter anwesend. Das konnte man an ihren Mützen erkennen. Trump sagte zu diesen Männern: ‘Wenn ich gewählt werde, macht eure Körbe fertig, denn ich werde euch wieder Arbeit verschaffen.’ Ihr Applaus hat fast das Dach abgehoben.” Das sind die „Vergessenen“, auf die Trump im Wahlkampf abzielte. Viele der ehemaligen Kumpels leben heute noch in Wohnwagenparks von Sozialhilfe. Im Vergleich zu den anderen Bundesstaaten belegt West Virginia immer die hintersten Plätze, was Lebensqualität und Wirtschaftsdaten angeht.

Der tanzende „Outlaw“

D Ray White, Jescos Vater, war einer der Minenarbeiter, die um ihr Geld betrogen wurden. Mit dem Mountain Dance, einer wilderen Version des konventionellen Stepptanzes, wie er am Broadway getanzt wird, konnte er sich ein Standbein schaffen und war plötzlich ein angesehener Mann. Er perfektionierte den Tanz, zu der sich eine lebendige Musikszene gesellte.

Hasil Adkins war der Rockstar aus Boone County und spielte den Soundtrack für die Stepper der Region: ungestimmte Gitarren, Banjo, Country-, Jazz- und Punkelemente zum Klacken der holzbeschlagenen Steppschuhe. Seine bekanntesten Songs heißen „Beautiful Hills“ und „Sally Weedy Waddy Woody Wally“, was einiges über die Szene aussagt. Es geht um die Natur, um die ganz eigene Sprachwelt der Mountain People, man ist stolz auf seine Kultur, auch oder gerade weil sie vom gebildeten Rest der USA verlacht wird.

Es gibt keinen einheitlichen Namen für diese Musikrichtung, aber Adkins wird gelegentlich als Urvater des Psychobilly beschrieben. Der Tänzer D Ray White zog mit dem Musiker Adkins steppend von Bar zu Bar und machte damit zusätzliches Geld für seine große Familie, die kollektiv das Sozialamt anzapfte. Mit seiner Frau Bertie Mae hatte er 13 Kinder und nahm dazu immer wieder Waisen auf.

Diese trugen ihren Teil dazu bei, die Familie zu ernähren. Fast alle Whites waren bereits in bewaffnete Überfälle und Drogenhandel verwickelt. Und sie nehmen selbst gerne Drogen, wie in der Gegend üblich eine abstumpfende Mischung aus Schnaps, Kokain und Oxycodon, die wohl nicht ganz unbeteiligt an den zahlreichen Gewalttaten ist. Als zwei der White-Jungs 1985 mit anderen Kleinkriminellen in Streit gerieten, wurde D Ray erschossen und einer seiner Söhne im Nacken verletzt. Das war Jesco White, der damals 28 Jahre alt war, und von da an eine rasende Wut in sich hatte.

Jesco White übernahm das Erbe des berühmten Vaters und wurde der „Dancing Outlaw“, einem begnadeten Tänzer. Auch darüber gibt es einen Song, den ist West Virginia jedes Kind kennen dürfte. Im Stück „D Ray White“ von Hank Williams III wird noch einmal deutlich, wie stark die Hillbillykultur mit der Familie White verwoben ist: „Way down in West Virginia, There are some people who are one of a kind. They don’t need nothin’ from nobody, ‘Cause they’re already doin’ fine. You got Hasil Adkins punchin’, An’ Mamie’s raisin’ hell. The legend of D Ray White, Will never die like a rebel yell. An’ ol’ Jesco’s dancin’ in his Daddy’s shoes. Yeah, ol’ Hasil’s still punchin’ out them Boone County blues.“

Jesco White war also der Star in den Steppschuhen seines Vaters, der ausgeglichen war, wenn er auf der Bühne stand, und zum Monster werden konnte, wenn er zu viele Drogen nahm. „Turn me on, turn me loose“ ist sein Lieblingsspruch. Er soll drei Persönlichkeiten ausgelebt haben, sagte seine Ehefrau Norma Jean White einmal: Jesco, der Gewalttätige, Jesse, der Liebenswürdige, und Elvis, der Geniale.

Niemand kannte ihn besser als sie. Sie war stark übergewichtig, 20 Jahre älter und vielleicht keine Schönheit, doch Hillbillies haben ohnehin ihre eigenen Vorstellungen von Ästhetik: „Girls who fish are sexier than girls who twerk“, ist so ein Spruch aus der Gegend. Wer größeres Interesse am Frauenbild der selbsternannten Hinterwäldler hat, dem sei das „Twisted Hillbilly Magazine“ ans Herz gelegt.

Vor Blockhütten, selbstgebauten Schnapsbrennereien und Landwirtschaftsgerät posieren blondierte Frauen in abgeschnittenen Jeanslatzhosen. Norma Jean war bereits die Geliebte des Musikers Hasil Adkins und auch ihr Vater war ermordet worden. Die Gemeinsamkeiten brachten sie zusammen, sie nannte Jesco ihren „schönen, wilden Mann“, ist mit ihm in die Kirche gegangen und hat seinen aufgebockten Trailer in Ordnung gehalten.

Sie tat ihm Augenzeugenberichten zufolge gut, bis seine Wildheit in Wahnsinn umschlug: „Als wir umgezogen sind, ist alles aus dem Fugen geraten“, sagte sie in einem Interview kurz vor ihrem Tod 2009. „Er ist der Teufel in Person. Wir haben alles zusammen gemacht. Wir haben Drogen genommen und Leute ausgeraubt. Alles was gefährlich ist, hat uns glücklich gemacht.“

In einem Interview erzählt Jesco, wie er seiner Frau ein Metzgermesser an die Kehle gehalten hat, weil er keine Lust mehr hatte, ihre schleimigen Spiegeleier zu essen: „Ich sagte ihr, wenn du den nächsten Tag noch erleben willst, solltest du meiner Eier besser durchbraten.“ Norma saß in diesem Interview nur daneben und lachte. Sie hat ihn trotzdem geliebt, und er sie, sagten beide immer wieder. Dieser Umgang miteinander erzählt so einiges über die Lebensverhältnisse der Whites. Umgebracht hat er sie allerdings nicht. Norma White starb nach einer langen Krankheit mit 70 Jahren.

Auch die Hillbilliy Welt ernst nehmen

Heute ist Jesco White wie sein Vater über Boone County hinaus berühmt. MTV-Produzent Johnny Knoxville drehte mit der gesamten Familie die Reality-Doku „The Wild and wonderful Whites of West Virginia“ und holte ihn auf Kaution aus dem Gefängnis, als er wegen Kokainhandels einsaß. In der Serie, die man sich in Deutschland über Youtube ansehen kann, sieht man die Familie nach der Geburt ihrer Kinder im Krankenhaus Kokain schnupfen, trinken, rauchen und Party machen.

Im Jahr 2009 erzählte der eher unbeachtete Film „White Lightnin’“ seine Lebensgeschichte in recht drastischem Bildern nach – nicht zu verwechseln mit „White Lightening” aus den Siebzigern, der vom Schwarzbrennen handelt. Als dann Hollywood von Jesco Whites Story hörte, wurde der Film „White Trash” geplant, in dem Johnny Depp Jesco White und Demi Moore seine Schwester spielen sollte. Die Pläne liegen gerade auf Eis.

Ohnehin kommt White alles wie in einem Film vor: „Es scheint, als wären unsere Leben eine einzige Party gewesen, wir leben wie in einer Geschichte“, sagte er in einem seiner vielen Interviews. Er hat sich nach oben getanzt und sich nie für seine Herkunft geschämt, sondern sie zum Markenzeichen gemacht. Deswegen rennen ihm die Leute den Trailer ein und klauen immer wieder sein „Stay Out“-Schild von der Türe. Jesco kommen die Gerüchte um seinen Tod oder eine Haftstrafe deshalb nicht gerade ungelegen, so hat er Ruhe. Doch einen echten Hillbilly bringt so schnell nichts um; zuletzt war er als Synchronstimme von Ga-GaPee-Pap Cuyler in der Adult-Swim-Zeichentrickserie „Squidbillies“ zu hören.

In West Virginia geht es schon immer ein bisschen rauer zu, als im Rest der USA. Die Menschen leben abgeschnitten in der Bergen, sind bettelarm, weil sie immer wieder von „denen da oben“ beschissen wurden, wie sie sagen. Sie versuchen sich ihre Welt mit Drogen zu versüßen und das wenige das sie haben mit Waffen zu schützen.

Donald Trump mag für die Bewohner West Virginias zwar auch ein reicher Idiot und nur das geringere Übel sein, doch er hat es im Gegensatz zu Hillary Clinton verstanden, das offene Ohr für ihre Probleme zu mimen. Er hat die Mountain People nicht als zurückgeblieben abgestempelt, sondern zumindest auf der Bühne ernst genommen – und damit die Kluft zwischen der Politik und den Menschen überwunden, die die Politik verachten. Jesco White ist ihre Galionsfigur. Ob er überhaupt wählen gegangen ist, weiß der Teufel.

Forever 21

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