Lieblingslieder - Rockstah erzählt uns, wie viel er Sido, Cro und Kool Savas zu verdanken hat

Kaum ein anderer, einzelner Mensch auf diesem Planeten vereint so viele verschiedene Facetten in sich wie Max Nicolas Nachtsheim, stolzer Sohn einer Badesalz-Hälfte. Er ist Rapper, Zocker, Nerd, YouTuber, Podcaster,…
Lieblingslieder

Rockstah erzählt uns, wie viel er Sido, Cro und Kool Savas zu verdanken hat

Kaum ein anderer, einzelner Mensch auf diesem Planeten vereint so viele verschiedene Facetten in sich wie Max Nicolas Nachtsheim, stolzer Sohn einer Badesalz-Hälfte. Er ist Rapper, Zocker, Nerd, YouTuber, Podcaster, Mädchenversteher, Twitter-Gott – und nicht zuletzt der Adam-Sandler-Fanatiker schlechthin. In unserer Rubrik Lieblingslieder erzählt uns Rockstah, welchen Tracks er sein Leben verdankt. So ungefähr jedenfalls. Mit dabei, unter anderem: Blink 182, Kool Savas und Childish Gambino.

Blink 182 - Anthem Part Two

Blink 182 – Anthem Part Two
Die drei Jungs von Blink 182 waren wohl die besten Freunde, die meine verkorkste Pubertät ausspucken konnte. Tom DeLonge, Travis Barker und Mark Hoppus (dessen Nachnamen ich gerade googlen musste, weil er leider schon immer der Langweiligste von allen war), bildeten in meinen Discman meine komplette Clique im Alter von 15-18. Viel mehr war da leider nicht.

Zusammen fuhren wir Fahrrad und Kickboard, zockten Unmengen an Videospielen, trauerten um all die verflossenen Lieben, die mir nach und nach Körbe gaben, hingen im Rodgauer Internetcafé ab und kauften aus Versehen gefälschte Fubu-Pullis. Bis heute haben Enema of the State, Dude Ranch, das Livealbum sowie Blink 182 nichts an Charme einbüssen müssen, unabhängig von dem, was die Jungs heute so leisten.

Das “hellste” Album bleibt aber für mich Take Off Your Pants and Jackets aus dem Jahre 2001. Mit den ersten Tönen aus dem Opener “Anthem Part Two” tun sich mir selbst heute noch ganze Bilderlandschaften vor dem geistigen Auge auf, die mir einen knallbunten Sommer zeigen. Meine erste große Liebe, ein paar gute Freunde, ein bisschen “normale” Jugend. Der kleine Hauch American Pie, den ich mir damals so sehr wünschte und der zu dieser Zeit zumindest für einige Monate in Erfüllung ging.

Creutzfeld & Jakob feat. Kool Savas - Fehdehandschuh

Creutzfeld & Jakob feat. Kool Savas – Fehdehandschuh
Man muss ehrlicherweise sagen, dass mir Creutzfeld & Jakob schon immer ein bisschen egal waren. Deshalb ist dieser Song für mich auch eher wegen des ungewöhnlichen Samples (Clockwork Orange) und dem unfassbaren Part von Savas ein unverzichtbarer Meilenstein, weniger wegen der Jungs, auf deren Album der Track ursprünglich zu finden war.

Savas hat damals, trotz fehlender Reimschemata, alles bis dahin Existierende gnadenlos binnen 30 Sekunden in den Boden gerammt und in diesem Moment in meinem Kopf das Denken über Deutschrap vollständig umgekrempelt. Weg von halbschlauen, schlecht vorgetragenen Phrasen der Brote und Fantas trat Savas in meinem Kopf eine neue Tür auf.

Daraus entsprang meine große Liebe für Rap aus Berlin, tonnenweise Royal-Bunker-Tapes und generelles Interesse, selber vielleicht mal zu rappen. Zudem war Savas für uns damals ein absolutes Mysterium. Wir dachten der Typ sei 12 Meter groß und hätte Bazookas als Hände. Heute wissen wir es besser.

Sido - Steig Ein!

Sido – Steig Ein!
In einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war und Sido noch meinte, die Jugend verderben und nicht erziehen zu müssen, gab es dieses eine Album, das wir in unserer Abizeit 2004 ohne Unterbrechung über den Parkplatz pumpten: Maske. Es kam aus einer Welt, die wir nicht kannten, es machte uns tierische Angst, faszinierte uns aber auch wie nichts anderes.

Die Beats waren laut, die Reime einfach, die Stimme markant. Steig ein! war wie das Platznehmen in einer Ghetto-Geisterbahn und führte uns eine Welt vor Augen, in der wir nicht leben wollten. Der dröhnende Sound drückte sich durch unseren Golf 3, wir fühlten uns cool, auch wenn uns gleichzeitig bewusst war, dass wir weit davon meilenweit entfernt waren, in unseren Neubaugebieten. Wir waren die Typen, die von Sido eigentlich Nackenschellen kassierten. Aber das war uns egal, der war schließlich in Berlin.

Wham! - Bad Boys

Wham! – Bad Boys
Nach über zehn Jahren massivem Übergewicht gelang mir im Sommer 2005 durch Sport und kontrollierte Ernährung der große Wurf: Ich wurde dünn. Zumindest ein paar Jahre. Über Monate hinweg nur mit den Lost-Staffeln bewaffnet, strampelte ich mir auf meinem Crosstrainer die dicken Schenkelchen ab und purzelte binnen 4 Monaten von 120 auf 80 Kilo.

Passend zum aufkommenden Hype von MySpace konnte ich mir also auch ein Profil anlegen mit Bildern, die mich nicht gleich zur Mobbingzielscheibe schlecht gefickter Internethater machte. Mein erster MySpace-Profilsong: Bad Boys von Wham! – den hatte ich damals irgendwo aus dem dunklen 80er-Repertoire von meinem guten Freund Tim Schwerdter gegraben.

Der Song erinnert mich auch Jahre später noch an eine Zeit, die so befreiend wirkte, dass man es nur als schnulzige Road-Trip-Feelgood-Komödie verfilmen könnte. Ich fühlte mich zum ersten Mal von der eigenen Last befreit, lernte Mädchen kennen, hatte einen stabilen Freundeskreis, fuchste mich in das Musikding und bekam soviel Komplimente, wie noch nie in meinem Leben zuvor. Alles war zum ersten Mal okay und im Hintergrund lief stets dieses halb-homorerotische Stück 80er Trash, dass das “okay” zu einem “perfekt” formte.

The Police - Message In A Bottle

The Police – Message In A Bottle
Der Sommer zwischen Abitur und Zivi 2004 war eine tragische Zeit. Erst verliebt, nach einigen Wochen schon verlassen. Grund: Meine Ex meinte, mich auf Ibiza mit zwei Österreichern betrügen zu müssen. Also mit beiden gleichzeitig. Und das ausgerechnet nach Jahren der Beziehungslosigkeit. Was für ein beschissenes Comeback in mein Liebesleben.

Vom gebrochenen Herzen gezeichnet, schleiften mich meine Jungs kurzerhand nach Holland, genauer gesagt nach Bergen aan Zee. Eingemietet in ein Privathaus, was in den Sommermonaten als Ferienhaus vermietet wurde, quartierten wir uns ein. Die Nerdtruppe sah dabei so klischeehaft aus, dass selbst die Schreiberlinge von Big Bang Theory damit ihre helle Freude gehabt hätten.

Da gab es Karl, ein langhaariger, blonder Riese, mit einem schlaksigen Körper und einem sympathischen Lispeln in der Stimme. Als sein bester Freund gesellte sich Mark dazu. Dieser war nicht weniger riesig, hatte aber zu seiner Größe noch eine sehr stattliche Breite, die ihn wie einen mächtigen weißen Buddah wirken ließ. Sein täglicher, ausgiebiger Graskonsum untermauerte seine stille Brummbärhaltung. Der Dritte im Bunde war Oliver. Olli war klein, flink und erinnerte in seiner hektischen Bewegung an ein aufgescheuchtes Wiesel. Er redete am meisten von Sex, war aber natürlich noch Jungfrau.

Zwischen all diesen Kuriositäten: Ich. Ein dicker Junge mit gebrochenem Herzen und schlecht gefärbten blonden Haaren. Ich versank zwischen Moses Pelham, Ben Harper und Jack Johnson regelmäßig alleine unter Tränen in meinem Zimmer, bis man mich wieder zu 4-Mann-Bomberman-Sessions auf dem Super Nintendo nach unten zerrte.

Dabei lief immer: Greatest Hits von The Police. Natürlich auf Vinyl. In den Momenten, wo Sting von seinem Dasein als Gestrandeter trällerte, war die Welt immer ein bisschen in Ordnung und wurde im späteren Verkauf mit jedem Tag ein Stückchen besser. Daher bleibt Message in a Bottle bis heute mein persönlicher Aufbausong, wenn mal wieder irgendwer meinte, mich mit zwei Österreichern betrügen zu müssen.

Justice - Genesis

Justice – Genesis
Im Sommer 2008 war meine musikalische Lebensuntermalung eindeutig der französischen Elektro-Ära gewidmet. Alles, was im und rund um das Ed-Banger-Umfeld passierte, nahmen meine damalige Freundin Jill und ich mit Kusshand. Egal ob im Urlaub, am ersten Berufsschultag oder beim Metal Gear Solid 4 spielen – in meiner Erinnerung wurde so gut wie jedes Ereignis aus diesem Zeitraum ununterbrochen von JusticeCross untermalt. Genesis war der Opener der Platte und die Tür in eine der wichtigsten musikalischen Erfahrungen meines Lebens. Justice machten mein Leben von heute auf morgen lauter und ich konnte nichts tun, außer ihnen dafür hysterisch zujubeln. Große Platte, bis heute.

Eminem - Just Don't Give A Fuck

Eminem – Just Don’t Give A Fuck
Die überzogene Darstellung von Gewalt in Texten ist heute ein abgenutztes Stilmittel, welches nur noch wenige Kids hinter dem Ofen hervorlockt. Es gab aber auch Zeiten, da konnten Künstler noch durch das gerappte Wort ganze Vogelschwärme an wütenden Eltern vor Konzerthallen treiben.

Eminem war zu Beginn seiner Karriere tatsächlich so ein Fall. Zu Zeiten der Slim-Shady- oder Marshall-Mathers-LP wirkte es, als hätte Dre einen Wahnsinnigen bei MTV ausgesetzt, nur um zu schauen, wann der Erste dabei drauf geht. Eminem provozierte, wo es nur ging, war aber auch gleichzeitig ein verdammtes Talent. Er schaffte eine Fusion aus Skills und Texten, die dich emotional einmal durch die Luft schleuderte.

Egal ob mit Kim, Role Model, Stan oder The Way I Am: Eminem beherrschte es mit einer ungeheuren Perfektion, seinen Hörern kleine, flache Schläge in die Magengegend zu setzen. Stellvertretend für jede Prügelei, die mir der gute Herr Mathers durch seine Musik verpasst hat, wähle ich aber Just Don’t Give A Fuck – hier hätte allein der Beat gereicht, sich lachend selber die Zähne auszuschlagen. Der Text von Em tat da nur sein Übriges.

Cro - Easy

Cro – Easy
Es ist Mai 2011. Ich sitze irgendwo bei Psaiko Dino in seiner alten Stuttgarter Wohnung. Er redet ständig von diesem neuen talentierten Rapper, den Chimperator jetzt gesignt hat. Cro oder so. Der Carlo. Das sei ein ganz Netter. Der macht ja nur krasse Songs. Und kann auch zeichnen, und singen und Mode. Hier ist was Neues, hat er erst vor ein paar Tagen gemacht. Heißt “Easy”, das müsse ich unbedingt hören, das wäre ein echt cooler Song. Ich sitze zurückgelehnt auf Psaikos Couch, während mir Sing Sang und ein bisschen Boom Bap um die Ohren fliegen. Ich nicke fröhlich und schmunzle. Als der Song zuende geht, sage ich in bester A&R Tradition: “Netter Song, aber kein Hit.”

Zeitsprung, exakt ein Jahr später. Wir sind auf ausverkaufter Crockstahzumjot-Tour. Schuld an all der verkauften Tickets ist zu 95 Prozent Cro, der seit seinem Easy-Videorelease im Dezember 2011 den größten Deutschraphype aller Zeiten erlebt und binnen weniger Wochen einer der wichtigsten Superstars unserer Generation wurde.

Mein Konto ist dank des Nerdy Terdy Gang-T-Shirts, was die Protagonistin im genannten Video trägt, so voll wie noch nie. Bei McDonald’s erscheint in wenigen Tagen der Crockstahzumjot-Burger. Als ich mich nass geschwitzt von der Bühne des ausverkauften Skater Palace Münster hoch in den Backstage schleife und mir von unten kleine Mädchen zuschreien, dass sie ein Kind von mir wollen, wird mir klar: Ich wäre der mieseste A&R aller Zeiten.

Childish Gambino - V. 3005

Childish Gambino – 3005
Ich habe wenige Idole in meinem Leben, Donald Glover aka Childish Gambino darf sich aber gerne dazu zählen. Kein Mensch war durch sein gesamtes Werk so inspirierend wie er. Eher so der Aussenseitertyp, talentiert auf sehr vielen Ebenen, auf nur wenigen aber wirklich Fuß fassend. Ein künstlerisches Fähnchen im Winde, das sich selber manchmal bremst, einfach weil er zu viel kann.

Als mich in den Jahren 2013 und 14 die verflossenen ungenutzten Hypes mein Leben gebrandmarkt hatten und ich künstlerisch mit dem Rücken an der Wand stand, war mir kein Künstler mit seinem Schaffen so nahe wie Gambino. Sein Album Because The Internet bleibt für mich trotz seiner Artsy Fartsy Haltung das wichtigste Raprelease der letzten fünf Jahre und Glover eine nie versiegende Quelle der Inspiration, für das, was schräge Typen wie wir so aus dem Leben machen können. Als ich damals 3005 nach einer tragischen Trennung und frischzerbrochenen Freundschaften zum ersten Mal im Auto hörte, wusste ich: Alles wird gut. Und das wurde es.

Chris Brown X Tyga - Ayo

Chris Brown X Tyga – Ayo
„Einer meiner größten Träume wäre es, einmal in die USA reisen zu können“, sagte ich vor ein paar Jahren naiv in einem Interview. Kein hoher Anspruch, aber eine massive Aufgabe in der Welt eines Jungen, der in knapp 31 Jahren kein einziges Mal Europa verlassen konnte und dessen innere Kultur von nichts mehr geprägt ist, als von den Machenschaften Hollywoods.

Im April diesen Jahres erfuhr ich, dass ich im Rahmen meiner Show Greenscreen im Juni nach LA reisen soll, um von der E3 zu berichten. Das waren so viel gute Nachrichten auf einmal, dass ich mich spontan übergeben musste. Als wir dann tatsächlich ein paar Wochen später in LAX landeten, den Mietwagen aus der Alamo-Zentrale abholten und auf der Fairfax Avenue das erste Mal das Radio anmachten, ertönte dieses Ayo. Ausgerechnet ein Song von Tyga und Kloppemonster Chris Brown. Aber er passte leider so perfekt zur Situation wie Breezys Faust auf Rihannas Auge.

Mein Körper platzte fast von der hohen Endorphinausschüttung. Zwischen Palmen, Sonnenschein und dem Blick auf das Hollywood-Sign wirkt so ein Song halt schon wesentlich cooler als in der heimischen Großraumdisco. Ein Song von Jamie XX wäre an dieser Stelle zwar weniger peinlich gewesen, aber dafür auch weniger ehrlich. Und ganz offen gesprochen ist der Song ja auch schon irgendwo geil. Daher: Ayo it is.

Forever 21

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