Die uninteressante Generation - Hört gefälligst auf, euer langweiliges Leben im Internet zu teilen

Eine gute Freundin von mir liebt die sozialen Medien. Wirklich. Wenn sie nicht schläft, duscht oder mich dafür verprügelt, dass ich ihr das letzte Stück Schokolade gestohlen habe, hängt sie…
Die uninteressante Generation

Hört gefälligst auf, euer langweiliges Leben im Internet zu teilen

Eine gute Freundin von mir liebt die sozialen Medien. Wirklich. Wenn sie nicht schläft, duscht oder mich dafür verprügelt, dass ich ihr das letzte Stück Schokolade gestohlen habe, hängt sie vor ihrem Handy und wischt sich durch die verschiedenen Apps. Doch dabei bleibt es nicht. Denn sie versucht mich davon zu überzeugen, dass ich das auch nutzen soll. Schließlich wäre das nur zu meinem Besten.

„Du musst mal Snapchat ausprobieren“, sagt sie. Also öffne ich Snapchat und sehe ein 20-jähriges Schminkopfer, das auf einer Party lieber drei Minuten lang in sein Handy gackert, anstatt Spaß zu haben. Wer will mit so jemandem schon befreundet sein? „Du musst mehr auf Instagram machen“, sagt sie. Also öffne ich Instagram und sehe 23 identische Sonnenuntergänge. Hintereinander. „#NoFilter“, steht da. „Mir scheißegal“, denke ich mir. „Du musst mehr twittern“, sagt sie. Also öffne ich Twitter und lese einen aus dem Englischen übersetzten Witz, über den ich bereits vor drei Jahren gelacht habe. 228 Retweets, 610 Favs. Ich möchte weinen.

Wenn ich von früher spreche, dann höre ich mich immer an ein wie geistesgestörter Rentner, der in seinen mehr oder weniger bewussten Momenten vom Krieg erzählt. Damals gab es Blutwurst, Volksempfänger und ein paar tote Russen. Als ich 2002 zu bloggen begann, waren da 20 interessante Menschen, an deren Leben ich digital teilnahm. Klar, die Hälfte davon entpuppte sich als Spasten, als ich sie im sogenannten Real-Life kennenlernte. Aber es war dennoch ein überschaubares Grüppchen.

Heute buhlt gefühlt das gesamte deutsche Volk um die Aufmerksamkeit seiner Landsleute. Durch kritische Facebook-Posts, durch ellenlange Twitch-Videos, durch persönliche YouNow-Einlagen, durch künstlerisch hochwertige Vines, durch lustige Periscope-Einblicke, durch hörenswerte Podcasts, durch intelligente Reddit-Einträge, durch coole SoundCloud-Mixe, durch lebensnahe Meerkat-Streams.

Firmen wie Apple, Facebook und Google haben die Hoffnung in jedem Einzelnen von uns geweckt, dass wir durch das Präsentieren unseres Daseins im Netz zum nächsten großen Star avancieren können. Es geht nicht mehr nur darum, sich mit seinen Freunden zu verbinden. Das Internet hat bereits viele zum Prominenten gekürt. Und warum sollte ich eine Ausbildung zum Beton- und Stahlbetonbauer machen, wenn ich doch auch Millionen dafür bekommen kann, dass mir andere beim Zocken zuschauen?

Wir, die erste Generation der deutschen Netzpublizisten, und damit schließe ich Blogger, Podcaster und YouTuber ein, hat dazu beigetragen, dass die nachfolgenden Köpfe unseres Landes mit dem Gedanken aufgewachsen sind, dass jeder seine Meinung und sein Leben und seine Person an sich so vielen anderen Menschen wie möglich aufzwängen muss, um etwas zu erreichen.

Nicht nur das: Dank der digitalen Revolution ist es heute eine berufliche Voraussetzung, dass man sich gefälligst mit den sozialen Medien auszukennen hat. „Irgendwas mit Computern“ reicht da nicht mehr. Je mehr Fans, Follower und Abonnenten man vorzuweisen hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man die Zukunft verstanden hat und gewappnet ist für einen modernen Beruf.

Leider steht die permanente Präsentation des Ichs im Netz einer entscheidenden Wahrheit entgegen. Und zwar, dass die meisten von euch scheiße langweilig sind, eine intelligenzlose Meinung haben oder insgesamt Personen sind, denen ich selbst in der U-Bahn nur drei Sekunden lang zuhören kann, während ihr mit euren dummen Freunden redet, bevor ich mich umbringen möchte.

Vollkommen falsche Erwartungen der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik an euch, haben dazu geführt, dass ihr jeden noch so kleinen Aspekt eures bedeutungslosen Lebens mit der Welt da draußen teilt und auch noch hofft, dass euch irgendwer dafür belohnt. Doch das wird nicht passieren. Denn ihr seid uninteressant, eure Freunde sind uninteressant und alles, was ihr toll findet, ist uninteressant.

Dass ihr seit drei Jahren nur elf Follower auf Twitter habt, liegt sicherlich nicht daran, dass ihr nur die Tussi von BibisBeautyPalace retweetet und euch sonst in miesem Deutsch über eure Lehrer aufregt. Dass niemand auch nur ein Instagram-Foto von euch favt, liegt sicherlich nicht daran, dass ihr nur mies gefilterte Selfies von euch mit Schmollmund macht. Und dass ihr nur vier Abonnenten auf YouTube habt, liegt sicherlich daran, dass ihr nur Handyvideos macht, in denen ihr euch über den dummen Klaus aus der Parallelklasse aufregt.

Ihr umgebt euch jeden Tag mit Menschen, die scheinbar genau das Gleiche machen wie ihr, und zwar ihr Leben mit allen zu teilen, und die haben Erfolg, die haben den leichten Weg, denen geht es gut. Anstatt euch aber bewusst zu werden, dass euch einfach das Wichtigste fehlt, und zwar Talent, eine Persönlichkeit, Charisma, glaubt ihr, ihr müsstet nur weiter hart an euch arbeiten, weiter posten, was das Zeug hält.

Also macht ihr fünf Snapchats davon, wie spontan ihr gerade einen Apfel habt fallen lassen. Bei den ersten vier Mal klang eure Stimme seltsam. Also sperrt ihr euch zwei Stunden lang im Bad ein, bevor ihr verschlafen in die Linse eures Smartphones guckt und „Woke up like this“ auf Twitter teilt. Also lasst ihr eure halbnackten Fotos durch eine automatische Schlankheitssoftware laufen, bevor ihr sie zu Instagram hoch ladet. Ihr wisst zwar, dass das alles Fake ist, aber es kommt nur auf die Likes an.

Damit macht ihr zwar die zahllosen Manager der Computer-, Smartphone- und Kamerakonzerne glücklich, aber ihr selbst jagt einem Traum hinterher, der so nah scheint und doch so weit entfernt liegt. Der Spaß an der Sache hat sich bei euch schon längst zur Sucht entwickelt. Schließlich seid ihr dem Erfolg ganz nahe, ihr müsst nur noch mehr twittern und instagrammen und youtuben und überhaupt.

Das Internet hat viele Menschen in Stars verwandelt. Weil Unterhaltungsindustrien nur funktionieren, wenn sie Stars hervor bringt. Doch die meisten von euch, diejenigen, die sich mit 22 vom Jochen schwängern lassen, während sie noch eine Lehre zur Fleischfachverkäuferin machen, die Candy-Crush-Einladungen auf Facebook teilen, die auf Helene-Fischer-Konzerne gehen und eine Unheilig-CD im Auto liegen haben, die führen ein Leben, das niemand anderes sehen will. Wirklich. Und damit müsst ihr euch abfinden.

„Du musst mal Snapchat ausprobieren“, sagt sie. „Du musst mehr auf Instagram machen“, sagt sie. „Du musst mehr twittern“, sagt sie. „Warum“, frage ich. Wenn jemand sehen will, wie ich in Jogginghose auf der Couch sitze und die ganze Nacht “Orange Is the New Black” gucke, dann soll er vorbei kommen. Davon muss ich weder Snapchats noch Instagrams noch YouTube-Videos machen.

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