Irgendwas zwischen NEON, BuzzFeed und Heftig - Das neue Onlinemagazin der ZEIT ist mehr Schülerzeitung als Meinungsmedium

Jeder, der etwas auf sich hält, liest die ZEIT. Jeder. Schließlich steht es für Luxus, Ausgleich und Intelligenz, wenn man sich am frühen Samstag Vormittag, nachdem man den aus dem…
Irgendwas zwischen NEON, BuzzFeed und Heftig

Das neue Onlinemagazin der ZEIT ist mehr Schülerzeitung als Meinungsmedium

Jeder, der etwas auf sich hält, liest die ZEIT. Jeder. Schließlich steht es für Luxus, Ausgleich und Intelligenz, wenn man sich am frühen Samstag Vormittag, nachdem man den aus dem Mund stinkenden One-Night-Stand endlich vor die Tür gesetzt hat, mit einer guten Tasse Kaffee, einem warmen Brötchen und leichtem Schinken auf den sonnigen Balkon setzt, die Beine übereinander schlägt und sich konzentriert und ohne ganz Smartphone in die ZEIT investiert. Ausgeglichene Lebensqualität in den Jahren der Hektik. Wie schön.

Seit heute ist ze.tt online, das Onlinemagazin der ZEIT für hippe, junge Leute, die zu krass für Wochenzeitungen, aber zu klug für RTL II sind. „Vor allem will ze.tt euch Gesprächsstoff liefern“, schreibt der Projektleiter Sebastian Horn in seinem Willkommensartikel. „Wir freuen uns, wenn ihr am WG-Tisch über unsere Artikel und Videos diskutiert oder Links zu unseren Beiträgen in euren WhatsApp-Gruppen teilt.“

So ganz kann sich das Team noch nicht entscheiden, wohin die Reise gehen soll. Geht es um ausschweifende Reportagen und Geschichten über junge Liebe für Studenten, wie bei NEON oder Jetzt? Geht es um dämliche Listen für kleine Gehirne, wie bei BuzzFeed? Geht es um klickgeile Überschriften, wie bei Heftig? Oder wird man am Ende auch auf ze.tt Artikel finden, die über das übliche Rauschen hinausgehen?

Momentan wirkt ze.tt noch wie der Online-Auftritt einer Dortmunder Schülerzeitung. Statt großer Bilder und sich zurücknehmendem Design springen einem schmale Themenklötzchen, pixelige Screenshots und nervige Teilen-Symbole entgegen. Von den herausragenden, visuellen Qualitäten der ZEIT ist hier nicht viel zu sehen, die verschiedenen Elemente scheinen wild durcheinander gewürfelt.

Hier kurz beschriebene Instagram-Einbindungen, dort verzerrte Gifs, da drüben schlecht herausgeschnittene Bildschirmfotos. Und wer auch immer auf die Idee gekommen ist, dass Orange auf Grau eine gelungene Farbkombination ist, die kluge, junge Menschen anspricht, dürfte sich schämend in eine Ecke stellen. Das mag bei einem Heftig-Publikum funktionieren, aber nicht bei Leuten, die zusammenhängende Sätze aus den Worten “Baum”, “Tisch” und “Katze” bilden können. Die Zukunft des Journalismus muss anders aussehen, sonst sieht sie niemand.

Die Themenauswahl ist so durchwachsen wie die Gestaltung. In “Obdachloser Blogger wird Millionär, weil seine Mutter Selbstmord begeht” schreibt Marieke Reimann über Mad Mike, der 1,8 Millionen Dollar erbte und sein Leben veränderte. In “Kuscheln schützt vorm Kotzen” hat sich Mark Heywinkel ein paar Sätze über Oxytocin und seine Wirkung auf Gamma-Aminobuttersäure aus dem Ärmel geleiert. Und in “Johnny Depp macht kranke Kinder glücklich” spielt Isabell Prophet ein wenig BRAVO und mischt Boulevard mit Social Media.

„Wir sind sehr angetan von vielem, was das ze.tt-Team in den vergangenen Wochen journalistisch und technisch konzipiert und was es im geschlossenen Beta-Test publiziert hat“, schreibt ZEIT-ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner in einem Blogartikel. „Eine Aufgabe von ze.tt, meinten wir, könnte es sein, etwas Unordnung in unseren geordneten Onlinejournalismus zu bringen, unsere Selbstgewissheit zu stören, uns zu ärgern, zu verwirren, neue Wege zu beschreiten, sowohl journalistisch als auch technisch.“ Ein Kindertisch in den Wirren des Journalismus also, der ruhig mal etwas lauter und verrückter sein darf, den Erwachsenen aber nicht allzu sehr im Weg sein soll.

Das Team hinter ze.tt muss sich nun entscheiden, ob es lediglich als experimentelles Labor für junge Journalisten dienen möchte, das Dinge einfach ausprobiert und sich keinen Kopf um Anerkennung außerhalb der Medienblase macht, oder ob es wirklich erfolgreich sein möchte. Bei jungen, klugen Lesern, die genug von Clickbait, Ideenlosigkeit und dem tausendsten Wiederkäuen viraler Like-Magneten haben. Mit einer klaren Linie, einem modernen Image und einem redaktionellen Selbstbewusstsein, das mehr aus ze.tt machen will als eine halbgare Mischung aus NEON, BuzzFeed und Heftig. Seelenlose Klickfarmen gibt es genug, selbst im deutschen Raum.

„Im ständigen Austausch mit den Leserinnen und Lesern wird ze.tt das Tagesgeschehen begleiten und sich ihren Fragen, Themen und Debatten widmen“, versichert Jochen Wegner. „Was ab sofort bei ze.tt zu sehen ist, hat allerdings noch experimentellen Charakter: Der öffentliche Beta-Test soll erst im September in den Regelbetrieb übergehen.“ Wollen wir hoffen, dass Sebastian Horn und sein Team bis dahin entschieden haben, wie wichtig sie sein möchten. Vielleicht wird ze.tt ja mehr als ein Blog, der lustige Bildchen teilt. Vielleicht.

s.Oliver

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