Selfiesticks und Selbstdarsteller - Wer nur auf die Fashion Week geht, um zu meckern, sollte sich ein neues Hobby suchen

Mercedes-Benz Fashion Week Berlin, Mittwoch Vormittag, die erste Show. Die Gäste strömen ins Zelt, stellen ihre Sektgläser ab und suchen ihre Plätze. Vor mir: Promis, Einkäufer, Schaulustige, Blogger und Fotografen.…
In Kooperation mit Defanzy
Selfiesticks und Selbstdarsteller

Wer nur auf die Fashion Week geht, um zu meckern, sollte sich ein neues Hobby suchen

Mercedes-Benz Fashion Week Berlin, Mittwoch Vormittag, die erste Show. Die Gäste strömen ins Zelt, stellen ihre Sektgläser ab und suchen ihre Plätze. Vor mir: Promis, Einkäufer, Schaulustige, Blogger und Fotografen. Und zwei aufgebrezelte Mädchen, die sich ganz offensichtlich in die erste Reihe geschmuggelt haben – zu lange sind sie um ihre Sitze herumgeschlichen, bevor sie sich hinsetzten und die Handys rausholten. Einmal drücken, zweimal drücken, Pose wechseln, es nochmal mit dem Blitz versuchen – plötzlich wird das Licht gedimmt und die beiden verdrehen genervt ihre Augen. Mein Magen tut es ihnen gleich. Die Show geht los.

Während Paris mit Haute Couture glänzt, Mailand allein mit seinen Streetstyles hunderte von Hochglanzseiten füllen könnte und New York A-List-Celebrities in den Front Rows versammelt, wird in Berlin das zelebriert, was die Deutschen wohl am besten zu können scheinen: das große Meckern. Beschwert wird sich über alles: das Zelt ist nicht groß genug, die Designer nicht cool, die Getränke muss man teilweise selbst zahlen und wer ist das da überhaupt, vorne rechts in der ersten Reihe? Kennt man die?

Die Kritiker: schrill gekleidete ältere Damen, Berufs-Ex-Freundinnen, aufstrebende TV-Sternchen – und natürlich – Modeblogger. Wie die Hühner auf der mit Goodiebags bestückten Stange aufgereiht sitzen sie da, rümpfen die Nase und rollen im Akkord mit den Augen, weil das Licht einfach nicht selfietauglich ist und der Empfang in diesem blöden Zelt auch nicht gut genug, um Letztere mit ihren Followern zu teilen.

Die Reihen sind voll mit Menschen, denen der Weitblick fehlt – denn unter Profis, Einkäufer, Stammkunden und wirklich interessierte Berichterstatter mischen sich immer mehr Schaulustige, die den Teufelskreis aus Selbstdarstellung, Ignoranz und falscher Außenwirkung gar nicht erst kapieren und nur die fünf Sekunden Ruhm genießen wollen, die ihnen das verwackelte Foto aus der ersten Reihe angeblich bringen würde.

Sie begreifen gar nicht, wie lächerlich es ist, sich im Sekundentakt über die Fashion Week zu echauffieren und trotzdem keine Show, keine Aftepary und schon gar kein Präsent auszulassen. Dass genau dieses Verhalten dazu führt, das Image dieser Veranstaltung nachhaltig zu zerstören und die Inverstoren abzuschrecken, wäre ein Gedanke zu viel für die hübsch frisierten Köpfchen, die sich lieber zum nächsten Sektglas drehen, als sich tatsächlich mit der gezeigten Mode auseinanderzusetzen.

Auch wenn das hier Meckern übers Meckern wird: ich wünschte wirklich, ich könnte anders. Ich wünschte, mich würde es nicht stören, dass der Großteil der Besucher kaum die Namen der einladenden Designer aussprechen könnte. Ich wünschte, mich würde es nicht aufregen, dass die sich nicht dafür schämen, dem Künstler auf seiner eigenen Bühne die Show zu stehlen. Ich wünschte, es wäre mir egal, dass sie nur ihrer Eitelkeit wegen da sind und nicht, um dem Designer den nötigen Respekt und Support entgegenzubringen.

Klar, dass dann die Stimmen laut werden und es von allen Seiten Kritik hagelt, weil die Berliner Fashion Week niemand mehr ernst nimmt. Denn während all die Selbstdarsteller einfach zur nächsten Party, zur einer weiteren Gala, auf dem zigsten roten Teppich mit allen Mitteln auf sich aufmerksam machen können, sind es die Designer, die unter dieser Rufschädigung leiden. Diejenigen, die monatelang geschuftet, genäht, kreiert und gekämpft haben, um ihre Entwürfe auf dem Laufsteg präsentieren zu können.

Natürlich kommt man um aufmerksamkeitsgeile Ex-Topmodelkandidatinnen nicht herum und auch die Fußballerfrauen lassen ihre gelifteten Gesichter von allen Seiten ablichten. Doch während der Modewoche passiert so viel mehr, das unsere Aufmerksamkeit verdient hätte – abseits des Trash, der Skandale und schriller Verkleidungen – nämlich Talent, das in Form von neuen Kollektionen und Installationen präsentiert wird.

Die „ganz Großen“ haben sich schon längst aus Berlin verabschiedet – und jetzt wäre die Chance, frischen Wind in die Hauptstadt zu bringen, sich gegenseitig zu supporten und wieder etwas aufzubauen. Doch es scheint so, als könnten viele es kaum erwarten, der Modewoche den Rest zu geben. „Voll die Lachnummer, diese Veranstaltung“, höre ich die piepsige Stimme meiner Sitznachbarin. Am liebsten würde ich sie an ihrem abgemagerten Ärmchen packen und aus der Halle schmeißen. Warum bist du dann überhaupt hier?! Verstehst du nicht, wie lächerlich dieses gekünstelte Getue ist? Hast du überhaupt eine Ahnung, welche Arbeit hinter den 15 Minuten Show steckt?

Doch bevor ich explodiere, ertönt die Musik im Kronprinzenpalais und Marina Hoermannseder beweist schon mit dem ersten Look, dass in der kleinsten Gürtelschnalle mehr Design steckt, als diesen verzogenen Gören jemals bewusst werden könnte. Dass Korsagen aus dem 3-D-Drucker mit traditioneller Mode kombinierbar sind und Berlin eine ganze Ladung Talent vorzuweisen hat.

Dem pflichten auch Designer wie Lala Berlin, Malaika Raiss und Barre Noire bei, die viel mehr verdienen, als nur aufmerksamkeitsgeiles Publikum in der ersten Reihe. Dass der ganze Modezirkus aber auch nicht ganz ohne auskommt, hat Timm Süßbrich erkannt – und kurzerhand Selfiesticks in die Goodiebags gepackt.

Dieser Text wurde inspiriert von Defanzy – der neuen Lifeservice-Plattform, auf der viele weitere, spannende Geschichten auf euch warten. Spirit, Welt, Ratio, Liebe und Pionier sind die Bereiche, in die spannende Texte, aufwühlende Berichte und Storys über das Leben unterteilt sind. 

Mit freundlicher Unterstützung von Defanzy. Auch hier werben?

s.Oliver

Abonniert unseren Newsletter!

Drückt hier, um weitere faszinierende Neuigkeiten über Mode zu lesen und drückt hier, um eigene Artikel und Fotos einzureichen. Oder folgt uns auf Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr und Pinterest, um auf dem Laufenden zu bleiben.

ASOS

Was ist deine Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Füge deinem Kommentar ein Bild hinzu:

25 Kommentare

Topshop