Translantics - Britta Thie nimmt euch mit auf eine skurrile Reise durch Berlin

Wenn man aus dem eigenen, deutschen Dorf nach Berlin zieht, kann es schon mal passieren, dass man einen Kulturschock erlebt. Das trifft zumindest auf die Künstlerin Britta Thie zu. Einem…
Translantics

Britta Thie nimmt euch mit auf eine skurrile Reise durch Berlin

Wenn man aus dem eigenen, deutschen Dorf nach Berlin zieht, kann es schon mal passieren, dass man einen Kulturschock erlebt. Das trifft zumindest auf die Künstlerin Britta Thie zu. Einem größeren Internetpublikum ist sie bereits durch ihr Kurzvideo “Shooting” bekannt. Darin kommentiert Britta, die bereits für Louis Vuitton, Cos und das ZEITMagazin modelte, ihren Zweitberuf.

Auch wenn sie mit dem Modeln mehr verdient: Ausgestellt hat sie bereits von New York bis Berlin. Für die Frankfurter Schirn Kunsthalle hat sie nun in Zusammenarbeit mit dem ZDF und Arte Creative eine Webserie produziert, in der ihre „Translantics“-Welt gezeigt wird. Damit bringt sie ihre eigene Biografie auf den Monitor, und exemplarisch gleich das ihrer Generation mit.

Geboren ist Britta Thie 1987 nicht in Berlin. Sie kommt aus dem westfälischen Minden, „aus dem Lande“, wie sie selbst sagt. Zum Studium an der Udk ist sie in Berlin gelandet, und hat sich „vermischt mit der Bildungselite aus New York und den Startup-Bros, die ihre Sachen promoten.“

Nicht nur mit Ost-Berlin hätte sie einen Kulturschock erlebt, auch „mit reichen, prominenten New Yorker Kids, die irgendwie schon Chopin spielen und bereits alle möglichen Bücher gelesen haben. Mit 5!“ Sie habe sich dann ein bisschen positionieren müssen, da sie ja aus Ostwestfalen-Lippe komme und Filterkaffee gewohnt sei, und keinen „Flatwhite“.

Britta Thie - Translantics

Selbst die Wahl des essentiellen Kaffees spiegelt die eigene Herkunft wieder. Also sieht man sie in der ersten Folge ihrer neuen Webserie nach dem Besuch beim Therapeuten, im Saturn am Alexanderplatz, in einer Werbeagentur an der Spree und in einer Galerie in Berlin-Mitte. Obendrauf gibt’s noch ein paar Kindheitserinnerungen.

In den bereits drei von sechs erschienen Episoden bekommt man Einblicke in Brittas Leben als Künstlerin, das sich vor allem um ihre zwei besten Freundinnen, die ebenfalls vom Lande kommen, und ihre internationalen Freunde, dreht. Dass Berlin auch in einer künstlerisch kreativen Welt alles andere als vielseitig ein kann, zeigt sich eben hier: Britta bewegt sich zwischen der deutschen, dörflichen Welt, aus der sie stammt, und dem vermeintlich Großstädtischen der Internationalen.

Obwohl sich in Berlin eine englischsprachige Community gebildet hat, findet Britta Thie aber nicht, dass sie dabei dem Deutschen den Rücken zuwendet, wie sie mir später erzählt, während in der Pressemappe die Rede davon ist. Die englische Sprache sei viel mehr ein „Rettungsring, in den man immer zurückschwimmen kann, wenn man nicht weiter weiß.“

Problematisch wurde es nur mal, als sie einen Amerikaner gedatet hat. Sie war die emotionale Europäerin, die so sehr frei heraus und deutsch und direkt gesprochen habe. „Ssoo, ich fühle mich jetzt aber verletzt!“ war in den amerikanischen Augen dann offensive. Er hätte sich dann gleich angegriffen gefühlt von ihren Gefühlen.

Britta Thie - Translantics

Was Gefühle betrifft, entwickele sich aber ohnehin ein Trend, bei dem man andere nicht damit belästigen wolle, wie man sich fühlt. In ihrer Webserie setzt sie sich gerade auch mit den Medien auseinander. Man sieht sie und ihre Freunde ständig von Handys, Tablets und Laptops umgeben: Sie sind in einem W-Lan-Zustand, um sich zwischen Facebook und Hashtags zu bewegen.

„Diese digitalen Medien sind auch wie ein Shield, man kann sich durch dieses Textmessaging durch Emoji diffus halten, und muss sich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen.“ Visuell wird das, was die Protagonisten sehen, schreiben oder denken, einfach mit einem Klick eingefügt, sodass auch der Zuschauer die gleichen Bilder vor Augen hat.

Gerade die aus der Kindheit geschalteten Aufnahmen lassen sehen, wer die Protagonisten einmal waren, bevor sie zu dem wurden, was sie sind. Und wer selbst immer wieder an sein früheres Ich denkt, wird die Szenen lieben: etwa, wenn Nora Bloom aka Ella Plevin in der zweiten Folge als Nominierte eines Kunstawards vor dem Spiegel steht, um sich mental zu pushen, bevor es zu der gemeinsamen Preisverleihung mit Britta Thie geht.

Kreiert, geschrieben und unter der Regie von Britta Thie liefert Ville Haimala die passenden Beats dazu. Der Producer stammt, wie viele der anderen Mitwirkenden, aus Britta Thies Freundeskreis, die allesamt an ihrem Leben und an ihrer Webserie teilzunehmen scheinen.

Dieses künstlerische Kollektiv zeigt etwas, wofür so viele nach Berlin kommen: die Zugehörigkeit einer gleichgesinnten Gruppe, auch als Künstler. Hashtag Crewlove, was man in Deutschland ja nur aus der Schulzeit kennt, was das Ganze gerade deshalb so kindisch und gewollt cool macht.

Britta Thie - Translantics

Aber Britta beschreibt ihre Situation rückblickend selbst als „dieses emotionale Verpeiltsein, dieses Nicht-Erwachsenwerden. „Wir sind alle fast 30 und irgendwie geht es darum, dass George mich in der Galerie nicht anguckt. Man wird nicht aufs Gallery-Dinner eingeladen, das ist dann das Schlimmste auf der Welt, was eigentlich überhaupt nicht das Schlimmste ist. Es geht um diese… um diesen… keine Ahnung, Blickwinkel, diese Generation, diese Nische.“

Man wird sie also auch in den nächsten Folgen auch „in ihrem Deutsch-Sein in diesem internationalen Kulturbetrieb sehen, der in Berlin ist,“ und in dem vor allem sie selbst ist. Man wird sie weiterhin auch mit ihrer Crew in einer technisierten Welt begutachten können, in der nicht ganz klar ist, ob der Ort, an dem sie leben, überhaupt lokalisiert werden kann.

Und man man wird sie weiterhin an Orten wie Karstadt treffen, wo es Britta zufolge überteuerten, schlechten abgelaufenen Kartoffelsalat gibt, fern des „Über-Lifestyle-Dings von Berlin“, wo man dann aber doch in einer Stadt landet, in der „irgendwie jedes Huhn einen Namen hat, alles vom Dorf kommt und jedes Café personifiziert ist.“ Das alles findet BB, wie sie in der Serie heißt, im realen Leben so stressig.

Kulturschock hin oder her – unter Stress verstehen die meisten dann sicherlich doch etwas anderes, weshalb die Serie als Kunstwerk auch nichts für die Masse ist. Aber Britta sieht ihre „Translantics“ an der einen oder anderen Stelle als Satire – und genau das macht diese kleine abgebildete Blase, in der sie lebt, am Ende dann doch genial.

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